"Informieren, nicht spekulieren“ :
DJV verteidigt Sorgfalt vieler Medien nach Silvester-Vorfällen

Der Deutsche Journalisten-Verband nimmt Medien gegen Vorwürfe der Parteilichkeit für Flüchtlinge und der Nachrichtenunterdrückung über gewalttätige Vorfälle in der Silvesternacht in Schutz.

Text: Petra Schwegler

05. Jan. 2016 - 6 Kommentare

Sind Medien träge und verschleiern sie Vorgänge, wenn sie wie im Fall der Silvester-Vorfälle in Köln und Hamburg erst nach umfassender Recherche einige Tage später berichten? Der Deutsche Journalisten-Verband (DJV) nimmt jedenfalls die Medien am Dienstag gegen einseitige Vorwürfe der Parteilichkeit für Flüchtlinge und der Nachrichtenunterdrückung über gewalttätige Vorfälle in der Silvesternacht in Schutz. Nachrichtenflaggschiffe wie die "Tagesschau" der ARD oder Spiegel Online haben erst zu Beginn dieser Woche die Ausschreitungen thematisiert und teils fiese Kommentare im Social Web für die aus Sicht der User späte Berichterstattung kassiert.

"Journalisten müssen informieren, aber nicht spekulieren", stellt der DJV-Bundesvorsitzende Frank Überall in einer Mitteilung klar. Nur spärlich seien Informationen über gewalttätige Ausschreitungen gegenüber Frauen am Kölner Hauptbahnhof und auf der Hamburger Reeperbahn durchgesickert. Dass es sich bei den Tätern um Bewohner von Flüchtlingsheimen mit nordafrikanischer Herkunft handeln solle, sei bis jetzt nicht polizeilich bestätigt. "Eine nicht durch solide Recherchen gedeckte Verdachtsberichterstattung ist nicht nur unvereinbar mit den Prinzipien des professionellen Journalismus, sondern auch innenpolitisch brandgefährlich", so Überall.

Der DJV stehe hinter allen Medien, die den Pressekodex einhielten, bekräftigt Überall. In Richtlinie 12.1 des Pressekodex heißt es: 

"In der Berichterstattung über Straftaten wird die Zugehörigkeit der Verdächtigen oder Täter zu religiösen, ethnischen oder anderen Minderheiten nur dann erwähnt, wenn für das Verständnis des berichteten Vorgangs ein begründbarer Sachbezug besteht. Besonders ist zu beachten, dass die Erwähnung Vorurteile gegenüber Minderheiten schüren könnte.

Inzwischen hat die Kölner Polizei eingeräumt, dass erste Meldungen zu den Vorfällen nicht gestimmt hätten. Dass regionale Medien wie etwa der Kölner "Express" bereits wenige Stunden später mit teils reißerischen Schlagzeilen über die Eskalationen berichteten, nehmen Beobachter den Blättern übrigens übel. Das Netz geht mit den Redaktionen der Kölner Zeitungen hart ins Gericht. Hier ein Beispiel:

Update: Das ZDF, das noch später als die ARD über die Ereignisse in Köln berichtete und am Dienstagabend ein Special nach der "heute"-Sendung platzierte, räumt inzwischen ein, die Brisanz des Themas nicht richtig eingeschätzt zu haben.


Autor:

Petra Schwegler, Redakteurin
Petra Schwegler

Die @Schweglerin der W&V. Schreibt seit mehr als 20 Jahren in Print und Online über Medien - inzwischen auch jede Menge über Digitales. Lebt im Mangfalltal, arbeitet in München.



6 Kommentare

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Anonymous User 13. Januar 2016

Ist es nicht möglich, daß die ÖR nur unter dem Druck der sozialen Medien nachgegeben haben? Daß die Zeitverzögerung von mehreren Tagen der sorfgfältigen Recherche geschuldet gewesen sein soll, wirkt....naja...unglaubwürdig.
Ich sehe auch keine Naturgesetzlichkeit zwischen der Vollständigkeit einer Meldung und ihrer Seriosität. Die deutsche Sprache bietet Wendungen wie "näheres nicht bekannt". Ich habe mich ehrlich bemüht, nicht polemisch zu sein. Es fällt z.Z. sehr schwer.

Noch eine Belehrung zum Schluss, auch wenn ich das nicht gerne tue: aus dem gutmeinenden Kalkül heraus, dem rechten Rand kein Futter zu geben, Dinge zu verschweigen oder zu verzerren, führt zu einem Anwachsen des rechten Randes. Das muss man doch begreifen....

Anonymous User 11. Januar 2016

Silvester 2015 auf dem Kölner Domplatz hat die Grundübel unserer Zeit aufgezeigt. Wer in den Medien (und v.a. in der Politik) den gesunden Menschenverstand durch Political Correctness ersetzt und demzufolge zwangsläufig Nachrichten verschleiern, verkürzen oder in Kommentaren umdeuten muss, riskiert seine Glaubwürdigkeit. Die Leser lassen sich nicht gerne und dauerhaft manipulieren, weshalb der stetige Leserschwund bei der Tagespresse auch nicht verwundern kann. Die journalistische Sorgfalt bei der strikten Trennung zwischen Nachrichten und Kommentaren ist leider aus der Mode gekommen. Heute meinen die meist links orientierten Journalisten, sie müssten bereits in Berichten über die Fakten eine Meinung haben und kundtun. Diese Art der "Belehrung" und "Moralisierung" der Leser oder Zuschauer der ö-r Sender ist eine unerträgliche Zumutung. Medien sind keine Erziehungsanstalten für unmündige Konsumenten. Ihre in Vergessenheit geratene Aufgabe ist vielmehr, die Fakten zu recherchieren und in einen Kontext zu stellen, damit sich der Leser oder Zuschauer selbst eine Meinung bilden kann, bei der dann Kommentare der Journalisten zusätzlich behilflich sind. So geht Qualitätsjournalismus und nicht anders.

Anonymous User 6. Januar 2016

"Journalisten müssen informieren, aber nicht spekulieren" dem stimme ich vollkommen zu. Mir ist nur nicht klar warum auf Informationen der Polizei gewartet wird und nicht die Opfer befragt werden. Das die Polizei Informationen zurück hält um zu verhindern das die Bevölkerung ausschreitet ist glaub ich jedem klar.

Warum die Angriffe zu Stande kommen auf die fehlende Berichterstattung, liegt meiner Meinung nach daran, dass was wir sehen und was die Medien berichten einfach nicht mehr der Realität entsprechen. Ich selbst wohne 500m vor der Grenze bei Freilassing und muss leider feststellen das die Bilder der Medien nicht der Realität entsprechen. Das hat bei mir dafür gesorgt das die Medien bei mir an Glaubwürdigkeit verloren haben.

Der Pressekodex ist meiner Meinung veraltet und sollte überarbeitet werden, wenn eine Straftat begannen worden ist möchte ich sehr wohl wissen was das für eine Person war, dazu gehört auch seine Nationalität und dies hat nichts mit Spekulation zu tun, sondern viel mehr mit Sozialisierung den erst, wenn Minderheiten merken das sie sich asozial benehmen tritt Änderung ein.

Anonymous User 6. Januar 2016

@faunsilien: Genau gegen Ihren lässlichen Umgang mit Informationen und in deren Folge unsachliche Angriffe wendet sich Frank Überall in der DJV-Stellungnahme! Der Begriff "Kommentare" taucht in Überalls Zeilen ausschließlich und unzweideutig bezogen auf Postings in den sozialen Netzen auf! Ihre Kritik an Überall oder besser Ihre belehrende Anmaßung läuft damit voll ins Leere! Einfach, weil Sie - mit Verlaub - "dicke Backen" machen, ohne genau genug gelesen zu haben.
Insofern ist Ihr Kommentar ein Musterbeispiel für den Hinweis Überalls, wie nötig ein verantwortungsvoller Umgang mit Informationen ist, weil er zeigt, wie schnell mangelnde Sorgfalt (in diesem Fall in Ihrer Lektüre) zu Fehlurteilen und Übergriffen - wenngleich in Ihrem Fall "nur" verbaler Natur - führen können.

Anonymous User 6. Januar 2016

So eine Argumentation mag stimmen, wenn man nicht mehr weiß, was ein Kommentar und was eine Nachricht ist. Eine Nachricht eilt dem Kommentar stets voraus: Sachlich, ohne Wertung, informierend und dabei aktuell seiend. Seltsam, dass man das einem DJV-Vorsitzenden offenbar klar machen muss!

Anonymous User 6. Januar 2016

Seit wann haben wir noch Journalisten? Diese Uschis sind nur noch weichgespült und berichten auf Anweisung, wenn überhaupt.

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