Internationale Initiative Fearless Democracy :
Gerald Hensel: "Jetzt geht es ums Bessermachen"

Gerald Hensel ist zurück. Der frühere Scholz-&-Friends-Stratege, der die Agentur im Dezember nach einem beispiellosen Shitstorm verlassen hat, startet eine neue Initiative gegen "Wutindustrie" und rechtspopulistische Medien: Fearless Democracy. Frank Zimmer hat mit ihm gesprochen. 

Text: Frank Zimmer

Gerald Hensel arbeitete bis Ende 2016 bei Scholz & Friends.
Gerald Hensel arbeitete bis Ende 2016 bei Scholz & Friends.

Gerald Hensel ist zurück. Der frühere Scholz-&-Friends-Stratege, der die Agentur im Dezember nach einem beispiellosen Shitstorm verlassen hat, startet eine neue Initiative gegen "Wutindustrie" und rechtspopulistische Medien: Fearless Democracy. Frank Zimmer hat mit ihm gesprochen. 

Gerald Hensel, Ihr Abschied von Scholz & Friends ist gut einen Monat her. Was haben Sie seitdem gemacht?


Ich bin erstmal runtergekommen, habe Weihnachten gefeiert und jetzt arbeite ich wieder sehr viel an einem neuen Konzept. Derzeit spreche ich mit vielen alten und neuen Freunden und professionalisiere mich. Für mich ist das ein Anfang, nicht ein Ende.

Was haben Sie gelernt?

Erst mal: Ich habe im Dezember 2016 über Politik und Marketing mehr gelernt als in meinem ganzen Leben zuvor. So habe ich die ungeheure arbeitsteilige Aggressivität meiner Widersacher komplett unterschätzt. Völlig logisch, dass man als Privatmann in so einer Situation auch Fehler macht.

Jetzt geht es aber ums Bessermachen. Fail-Kultur nennt man das, glaube ich. Denn nach vielen Gesprächen mit vielen schlauen Menschen ist mir klar, wie relevant die eigentliche Idee ist. Diese werde ich nun verfeinern: mit ruhigem Kopf, klugen Leuten und bald sichtbaren Aktionen.

Wie geht es konkret weiter?

Ich bin gerade am Gründen. Eine Komponente meines künftigen Konzepts wird ein Verein sein, der auf lange Sicht NGO (Nichtregierungsorganisation) mit internationalem Anspruch sein will. Wir heißen "Fearless Democracy“ und wollen die Strukturen und Wirkungsweise der Wutindustrie ins kollektive Bewusstsein bringen. Dazu gehören auch Schutzkonzepte für Menschen, die als Individuen in Shitstorms ertränkt werden sollen.

Es geht auch um die Zusammenarbeit mit und die Beratung von gesellschaftlichen Akteuren, für die die "Hate Economy" noch Neuland ist. Mit Blick auf die Marketingbranche lautet das Ziel: Das, was letztes Jahr privat begann, jetzt mit der Forderung "Stop Hatevertising" auf ein neues Level bringen. "Stop Hatevertising" muss ein Branchenthema werden, und dafür kämpfe ich.


Was ist der Unterschied zwischen "Kein Geld für Rechts" und "Stop Hatevertising"?  Rechtspopulistische Medien werden wahrscheinlich keinen machen und Ihnen erneut vorwerfen, Zensur auszuüben, zu denunzieren und Nazi-Methoden anzuwenden.

"Die" verdienen ihr Geld ohnehin mit Anschuldigungen und dem Mobben von Individuen. Das geschieht systematisch, um den Hass bei Twitter und Facebook zu schüren und die Wut-Filterblase zu festigen.

Um wieder auf meinen ursprünglichen Punkt zurückzukommen: Es gibt keinen Rechtsanspruch auf Online-Banner und Werbeeinnahmen. Marken müssen sich mehr denn je fragen, was gut für ihre Business- und Markenziele ist, und welcher Werbepartner auch inhaltlich diese Ziele stützt. Der Imageschaden für ein Unternehmen, das auf Seiten wie Breitbart oder PI News wirbt, kann immens sein.

Keine noch so günstige Mediaplanung rechtfertigt dies. Da muss es dringend ein neues Bewusstsein bei werbungtreibenden Unternehmen geben.

Im Herbst ist Bundestagswahl. Werden Sie sich für eine Partei engagieren oder sind Sie in Kontakt mit bestimmten Politikern?

Nein, nicht direkt. Ich lebe in einem politischen Umfeld und habe Kontakt mit Menschen, die politisch überall im bürgerlichen Spektrum aktiv sind. Ich habe meine persönliche Meinung. Ich unterstütze aber keine bestimmte Partei aktiv.

Ich bin ein klassischer Typ aus der Mitte der Gesellschaft, der sich nach AfD, Brexit und Trump langsam mal wieder eine selbstbewusste Zivilgesellschaft wünscht. Es geht mir schlicht ums Bewahren von demokratischen Grundwerten, mit denen ich erwachsen wurde und an die ich glaube - das hat wenig mit Parteien zu tun. Wir müssen raus aus der Defensive und die offene Gesellschaft verteidigen.


In der Schweiz schreibt die "Handelszeitung" ganz unbefangen über Werbung auf Breitbart und konfrontiert sogar Marken damit. Mercedes hat daraufhin erklärt, Breitbart auf die Blacklist zu setzen, dort also nicht zu schalten. In Deutschland wäre das Wasser auf die Mühlen der rechtspopulistischen Blogs. Warum wird das Thema hierzulande so emotional diskutiert?

Mit der Distanzierung von Breitbart hat Mercedes-Benz gerade durchaus Mut bewiesen - so traurig es auch ist, dass man das heute sagen muss. Auf lange Sicht ist es aber richtig für ihre Marke und das Business. Und das ist nicht selbstverständlich: Generell finde ich, dass sich Marken und Institutionen in Deutschland zu passiv verhalten haben und zu sehr darauf setzen, unpolitisch zu sein. Dann, so der Glaube, gehen Konflikte an ihnen vorbei. 

Aber die digitale Dauerwut, die fast tagtäglich meist mit dem Ziel entfacht wird, Individuen oder Institutionen in groteske Verschwörungstheorien einzubinden, geht ja nicht einfach weg. Das ist ja kein Zufall. Das hat System. Und das werden viele Menschen, Unternehmen und Institutionen bis zur Bundestagswahl 2017 noch erleben müssen.

Angenommen, die Politisierung und Polemisierung in den Sozialen Netzwerken geht immer weiter. Wer würde langfristig gewinnen und wer verlieren? Wie würde es sich zum Beispiel auf Facebook auswirken, wie auf so genannte klassischen Medienmarken, wie auf Content-Marketing und Owned Media von Marken?

Zu all diesen Fragen gibt es viele Sichtweisen. Soziale Netzwerke sind ja erstmal Privatunternehmen, deren Aufgabe es anfangs nicht war, sich demokratietheoretische Fragen zu stellen. Warum auch? Dennoch: Mit 1,7 Milliarden aktiven Mitgliedern ist Facebook mittlerweile erfolgreicher als das Christentum. Da reicht es nicht mehr so zu tun, als ob die nun formal festgelegte Rolle eines "Nicht-Content-Produzenten" keine Folgen hätte. Erste Schritte gehen ja in die richtige Richtung. Da muss aber noch viel mehr passieren.

Stellen Sie sich vor, Sie eröffnen eine Kneipe. Jeden Abend tagen da ein Haufen sehr zwielichtiger Gestalten. Und wenn die Nachbarn sich beschweren, heben Sie die Hände und sagen: 'Ich kann nichts dafür, ich bin nur der Wirt.' Da ist etwas falsch in der Logik. 

Gerade die großen Tech-Player und Content-Akteure sollten sehr schnell verstehen, dass sie mehr als jede andere Branche von einer verbundenen, offenen Welt profitieren und deshalb Verantwortung tragen - nicht zuletzt sich selbst gegenüber. Lassen Sie es mich so sagen: Die Zeit des Zurücklehnens ist vorbei.

Anmerkung der Redaktion: W&V-Interviews werden seit einigen Jahren grundsätzlich in der "Sie"-Form geführt, auch wenn sich die Gesprächspartner eigentlich duzen. Das "Du" ist in der Werbebranche weithin üblich und sagt darum nichts über Nähe oder Distanz aus. 


Autor:

Frank Zimmer

Redaktionsleiter Online mit analogem Migrationshintergrund. Seit 1996 im Internet. Buchautor („Der Social-Media-Rausch“) und Gelegenheitsblogger. Interessiert sich für Content Marketing und digitale Transformation. Hat eine Schwäche für Agenturen, weil er mal in einer gearbeitet hat.