Kommentar :
Hate-Economy: So funktionieren populistische Medien

In Deutschland verändert sich die Medienlandschaft: Wie in den USA entsteht ein Markt für rechtspopulistische Plattformen - mit ähnlich gestrickten Strategien und Geschäftsmodellen. W&V-Redakteur Frank Zimmer erklärt die Methode anhand eines fiktiven Kompendiums für bedenkenlose Medien-Startups.

Text: Frank Zimmer

- 23 Kommentare

Frank Zimmer ist Redaktionsleiter Online von W&V.
Frank Zimmer ist Redaktionsleiter Online von W&V.

Scholz & Friends, Hensel, Broder, Tichy, Xing: Die Politisierung unserer Branche hat gerade erst angefangen, und durch unsere Timelines schwirren Schlagworte wie "Fake News", "Werbeboykott" und "Denunziant". Das US-Portal Breitbart hat gezeigt, wie man mit Stimmungsmache zu Reichweite und ins Weiße Haus kommt. Auch in Deutschland dürfte sich die Medienlandschaft verändern: Es entsteht ein Markt für rechtspopulistische Plattformen - mit ähnlich gestrickten Strategien und Geschäftsmodellen.

Ein Kompendium für populistische Medien-Startups können wir uns etwa so vorstellen:

1.

Nennen Sie sich nicht "populistisch" und schon gar nicht "rechts" oder "neurechts". Nehmen Sie irgendwas mit "liberal-bürgerlich-konservativ-kritisch-unabhängig".

2.

Versprechen Sie besseren Journalismus.

3.

Der Trick mit dem "besseren Journalismus" funktioniert natürlich nur, wenn Sie anderen Journalismus schlecht machen. "Lügenpresse" ist ein hässliches Wort. Besser: "Mainstream-Medien".

4.

Sie haben bei den "Mainstream-Medien" selber mal eine wichtige Rolle gespielt? Nicht schlimm. Verkaufen Sie sich einfach als unbequemer Querdenker.

5.

Pflegen Sie Ihr Außenseiter-Image: Es gibt das Meinungsdiktat des Mainstreams und Sie sind die Alternative für Deutschland.

6.

Seien Sie theatralisch! Jede Kritik an Ihnen und Ihrer Arbeit ist ein Versuch, "noch ein unabhängiges Medium mundtot zu machen".

7.

Seien Sie Opfer! Suchen Sie nach Leuten, die Ihnen auf die Füße treten wollen. Wenn Sie jemanden finden, der Ihrem Feindbild entspricht (idealerweise linksliberaler Moslem mit Sympathien für Angela Merkel): Fühlen Sie sich bedroht und genießen Sie die Solidarität Ihrer Leser. Sie ist bares Geld wert, denn:

8.

Setzen Sie Prioritäten! Was ist Ihnen wichtiger: Werbeerlöse oder Vertriebsumsatz? Je aggressiver Sie gegen Gutmenschen, Genderwahn, Mainstream, den Islam, Klimaforscher usw. anschreiben, um so größer die Gefahr, Werbekunden zu verschrecken. Aber genau das ist Ihre Chance: Je schriller Sie polarisieren, desto stärker die Aufregung, desto effektiver die Mobilisierung, desto höher die Reichweite, desto größer die Bereitschaft Ihrer Leser, Abos abzuschließen und Patenschaftsmodelle zu unterstützen. Ihre Zukunft liegt im Paid Content.

9.

Hate Economy ist ein Geschäftsmodell. Sie müssen es ja nicht so nennen.

10.

Hängen Sie Ihren Badezimmerspiegel ab.

Disclaimer: Der Autor unterstützt das von Christoph Kappes angestoßene Projekt Schmalbart, das sich für faire Debatten- und Medienkultur im Netz einsetzt.

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Autor:

Frank Zimmer

Redaktionsleiter Online mit analogem Migrationshintergrund. Seit 1996 im Internet. Buchautor („Der Social-Media-Rausch“) und Gelegenheitsblogger. Interessiert sich für digitale Kommunikation und Design Thinking. Hat eine Schwäche für Agenturen, weil er mal in einer gearbeitet hat.



23 Kommentare

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Anonymous User 17. Januar 2017

Sehr geehrter Patrick V.,

Ihr Lob macht Freude, vielen Dank dafür. Wir versuchen bei W&V immer, die richtige Themenmischung zu finden, um die Erwartungen vieler unterschiedlicher Leser zu erfüllen. Bei Medienthemen ist die Bandbreite besonders groß, aber den Spagat meistert die zuständige Kollegin Petra Schwegler souverän, finde ich. Sie finden von ihr z.B. sowohl "buntere" Geschichten als auch hervorragende Einordnungen und Analysen zu komplexen Themen wie Mediawährung oder Programmatic Advertising. Petra ist nicht umsonst von den Kollegen von "Clap" in die Liste der besten Medienjournalisten Deutschlands aufgenommen worden, und sie genießt in der Branche seit vielen Jahren einen exzellenten Ruf. Was nicht heißt, dass wir Kritik nicht ernst nehmen würden. Bleiben Sie bitte kritischer W&V-Leser und zögern Sie nicht, uns zu kontaktieren, wenn Sie Anmerkungen haben - hier in den Kommentarspalten oder auch per Mail, wenn Sie mögen.

Viele Grüße,
Frank Zimmer

Anonymous User 17. Januar 2017

Sehr geehrter Herr Gabriel,

vielen Dank für Ihren Kommentar, der aus mindestens einem Grund sehr interessant ist. Sie schreiben sinngemäß, ich würde die Leser von Tichy oder der Achse "in die Nazi-Ecke" stellen. Diese Argumentation erscheint in den Sozialen Netzwerken und Kommentarspalten immer wieder: "Ihr schwingt die Nazi-Keule" oder "Ihr stellt jeden in die Nazi-Ecke, der nicht Eurer Meinung ist". Manchmal stimmt das auch, weil mit Begriffen wie "Nazi" oder "rechtsextrem" viel zu schnell hantiert wird. Mittlerweile hat sich dieses Argument aber so weit verselbstständigt, dass es es sich gegen alles und jeden wendet, ganz egal ob ein Nazi-Vergleich gefallen ist, oder nicht. Darum die Frage an Sie: Wo erweckt dieser W&V-Artikel den Eindruck, dass Leser von Tichys Einblick oder Achse des Guten rechtsextrem sind? Das würde mich wirklich interessieren. Denn wir reden hier nicht von Nazis oder Rechtsextremen, sondern von den Mechanismen des gerade entstehenden populistischen Medienbetriebs. Das ist ein gewaltiger Unterschied.

Viele Grüße, Frank Zimmer

Anonymous User 15. Januar 2017

Sehr geehrter Herr Zimmer,

ich kritisiere Sie wirklich sehr gerne, wir sind letztlich auch schon eins-, zweimal in der Kommentarspalte aneinander geraten.

Aber zu diesem Artikel und vor allem zum Geradestehen im unsäglichen Interview auf TE gratuliere ich Ihnen sehr gerne, das war souverän, vor allem in Anbetracht des unverschämten Gegenübers.

Solche Artikel wie den obigen wünsche ich mir viel öfter als die zuletzt erschienenen Artikel "SO FRECH KNÖPFT SICH CAROLIN KEBEKUS "GUTMENSCHEN" VOR" oder "SNOOP DOGG, RZA UND COMMON KOMMEN ZU "SIMPSONS""
Diese haben Sie zwar nicht geschrieben, aber in Ihrer Rolle doch zu verantworten.
Lieber weniger kurze Artikel, die nur sehr entfernt mit unserer Branche zu tun haben (dafür gibt es andere Medien, die auch nur einen Klick entfernt sind), dafür mehr Zeit in solche wie oben investieren.

Anonymous User 14. Januar 2017

Sehr geehrter Herr Zimmer,

merken Sie nicht, dass Sie genau das tun, was Sie der "gegenseite" vorwerfen?

Ansonsten halte ich Ihren Umgang mit der deutschen Sprache für gefährlich.
Das, was da auch von Ihnen immer wieder als "Hass" oder "Hate" deklariert wird, reicht von "liberal-bürgerlich-konservativ-kritisch-unabhängigen" Meinungen über schnippische Bemerkungen, Rechthabereien bis hin zu gewollten Provokationen und Wut über die wahrgenommenen Verhältnisse – echter Hass ist sehr selten dabei (zumindest im Umfeld Broder / Tichy / Xing praktisch nie anzutreffen).

Wenn Sie, übertrieben formuliert, jeden älteren weißen Mann, der sich lieber eine Bratwurst als einen Döner reinzieht, als Nazi bezeichnen - welchen Begriff benutzen Sie dann für die wirklich bösen Jungs?

So, wie Sie formulieren, stecken Sie jeden, der wirklich nur "liberal-bürgerlich-konservativ" ist, in die Nazi-Ecke. Dem politischen Gegner den Anstand abzusprechen, wie Sie das hier (schon wieder) tun, ist hochgradig unanständig (linkspopulistisch nebenbei auch).

Anonymous User 14. Januar 2017

Ja, die modernen Zeiten bringen viel Neues. Und wie immer, beißen die saturierten Etablierten gegen die hochmobilen Startups, die zwischen den Beinen der Silberrücken herumwuseln. Vor 20 Jahren in der Dotcom-Blase - als die heutigen "Creative Directors" und "Social Media Campaign Manger" noch Schüler waren - war das auch so. Allerdings war da nicht so viel Hass im Spiel... Und das ist es, was mir nicht gefällt: Dass inzwischen ständig die Ohrfeigen in der Luft liegen und man nicht mehr diskutieren kann, ohne dass eine (zum Glück: noch) virtuelle Wirtshausrauferei draus erwächst.Wenn allerdings aus virtuellen Diskussionen reale Bedrohungen, Denunziationen beim Arbeitgeber und beim Werbekunden werden und Anzeigenkunden abspenstig gemacht werden, wird das kriminell. Und da tun sich m.E. im Moment leider auch einige Werber nicht gerade rühmlich hervor.

PS.: Viel Spaß mit Schmalbart! Vielleicht hilfts ja für die faire Medienkultur...

Anonymous User 14. Januar 2017

Lieber Herr Zimmer,
diese Liste ist genau die Art von erbärmlicher, linker Ideologie, die das Volk(!) weg von den "Mainstream-Medien" treibt. Denn diese virale PC hat nach der Politik auch diese erfasst...und DORT ist jeglicher Spiegel schon lange abgehängt!
Doch anstatt zu reflektieren und auf den Weg zur inoffiziellen 4. Macht im Staate zurück zu finden, prostituiert sich die Presse (und seit kurzem auch die Werbebranche) in den Zentren der Macht(?) und heischt nach dem Inhalt der prall gefüllten Steuertöpfe.

Eine bessere Werbung für die AFD, kann es fast nicht geben, danke!

Und: Sie können noch so viele Nägel in den Sarg der Demokratie und der uneingeschränkten Meinungsfreiheit schlagen, ES WIRD NIEMALS REICHEN!!!

Einen schönen Tag noch

Anonymous User 13. Januar 2017

Ziel ist es doch nur an die Staatsknete von Schwesig, Maas und Co. zu kommen. Es ist ein neues Geschäftsmodell, bzw. ein neues Geschäftsfeld.

Hier ein lesenswerter Artikel.
Aber Achtung! Der Inhalt könnte den gemeinen Werber verunsichern:

http://www.tichyseinblick.de/feuilleton/medien/in-zehn-schritten-zur-verschwoerung-eine-anleitung-aus-dem-hause-wv/

Anonymous User 12. Januar 2017

Ich würde sagen, die Satire ist schwach bis mäßig geworden.
Ein gewisses Niveau sollte Satire schon haben - und es sollte vor allem lustig sein.

Anonymous User 12. Januar 2017

Die ironische Überhöhung ist @Peter Scherf offenbar entgangen ...

Anonymous User 12. Januar 2017

aha Punkt 7:
"linksliberaler Moslem " - ein Widerspruch in sich , aber das paßt in den Zeitgeist , das man den islam hofiert .

Ich bin deshalb bei den Grünen ausgetreten, mit Liberalismus hat diese im Religion , deren Homophobie und Frauenverachtung greifbar ist, nun so überhaupt nichts zu tun.

Anonymous User 11. Januar 2017

Wie man weiß macht sich die WuV ja inzwischen auch die politischen Kampfbegriffe der reaktionären Hate-Economy, wie "Gutmensch", zu eigen.
Aber macht ja nichts, kann man trotzdem noch ein bißchen heucheln. Wann kommt der nächste Auftragsartikel für die FDP?

Anonymous User 11. Januar 2017

@Mike: Mains-Tram-Medien? Sind das die Fahrgast-Info-Publikationen des RMV? :-)

Anonymous User 11. Januar 2017

"Hate Economy ist ein Geschäftsmodell. Sie müssen es ja nicht so nennen."
Und jetzt soll ich Schmalbart 5€ spenden?

Anonymous User 11. Januar 2017

@ Mike, @ Moment mal: q.e.d. :)

Anonymous User 11. Januar 2017

@Mike das "Werbefachmagazin" befasst sich im Kern mit Medien und damit ist dieses Thema äußerst relevant.
Und nenn das Kind doch beim Namen, es geht nicht um "regierungskritische Publikationen" sondern um Hetze und wie damit Geld gemacht wird.

Anonymous User 11. Januar 2017

Warum glaubt sich ein Werbefachmagazin sich jetzt in die Kampagne gegen regierungskritische Publikationen einreihen zu müssen? Anbiederung an den Mainstram. Finde ich arm.

Anonymous User 10. Januar 2017

Wie praktisch, dass es jetzt all diese reaktionären, rassistischen Schreihälse gibt, dann brauchen die Qualitätsjournalisten sich ja nicht weiter damit befassen wie jämmerlich ihr neoliberales Propaganda-Gegurke und ihre grottige Hofberichterstattung ist. Wollen wir mal nicht vergessen, wer Broder, Sarrazin und die AfD zuerst ein Forum bot. Der Rechtsruck dient dem Demokratieabbau in diesem Land. Der ist gewollt und die Mainstream-Medien machen wie immer mit.

Anonymous User 10. Januar 2017

Großartig, mein Respekt !!!

Anonymous User 10. Januar 2017

Treffer, versenkt ;-)

Anonymous User 10. Januar 2017

Truth well told. Nischenmärkte sind oft einträglicher als hart umkämpfte Publikumsmärkte. Dabei können solche Blog-Medien natürlich sehr gut verfolgen, was Leser anlockt und die Bindung verstärkt und welche Ansätze weniger erfolgreich sind.
Bei Tichy findet zudem jeder seinen Lieblingsautor. Ich persönlich finde Annabel Schunkel sehr komisch - sie tiradisiert so schön ohne Punkt, aber mit vielen Kommata. Ob noch irgendwer außer mir diesen komischen Stil mag? Ich bin gespannt, wann die ersten Longcopies in Broschüren so getextet werden ("Tonality: Tirade im Annabel-Stil, nicht geizen mit Übertreibungen"). Oder auf Ebay die Produktbeschreibung im Schunkel-Stil. Und das bringt mich jetzt fast auf eine Idee ... selbst hergestellte Fanartikel für die Fans von TE. Der Schunkel Endlos-Kugelschreiber. Deutschland-Krawatte Modell "Roland". Sehr begehrt: Mobile Mikrophonverstärker für die "Freie Meinungsäußerung - machen Sie sich unabhängig vom Saalmikro und reden Sie auf jeder AfD-Versammlung frei von der Leber weg, wann immer Ihnen die Hutschnur platzt".

Anonymous User 10. Januar 2017

Danke dafür!

Fehlt nun ein eigenes Fachblatt und eine passende Konferenz, oder?

Anonymous User 10. Januar 2017

Sehr gut zusammengefasst!

Anonymous User 10. Januar 2017

Schön und treffend geschrieben, Herr Zimmer! In Zukunft bitte mehr davon – die aufstrebende Hate-Economy macht es nötig.

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