Heftkritik "Hohe Luft": Mußestück für Bildungsbürger

Nix für die U-Bahn oder den Pausenkaffee, dafür Lektüre für Bildungsbürger in Mußestunden. So sieht W&V Online das neue Philosophiemagazin "Hohe Luft". Lesen Sie selbst!

Text: Petra Schwegler

"Sagt der Arzt: ,Schneller als Licht? Diese Symptomatik ist mir neu.‘ Kommt ein Neutrino zum Arzt." Über diese Art von Witz muss man vielleicht ein wenig länger nachdenken als über klassische Schenkelklopf-Pointen. Letztere wird man aber in dem neuen Philosophiemagazin "Hohe Luft" sicher nicht finden. Die Spezies "Neutrino-Witz", nach Angaben des Magazins aus dem Hamburger Emotion Verlag seit diesem Herbst existent, zeigt schon, wo es bei dem Blatt langgeht: Es wird diskutiert und philosophiert - mal in kürzeren Beiträgen wie im Hefteinstieg "Miniaturen", mal in mehrseitigen Strecken.

So sind etwa dem Titelthema der Erstausgabe, "Du sollst nicht lügen!", immerhin elf Seiten gewidmet. Sie bestehen bis auf ein Aufmacherbild ausschließlich aus Text. Auch die Pirsch an das Neuzeit-Thema "Wohnt der Geist im iPhone?" muss auf Bebilderung weitgehend verzichten. Überhaupt setzt "Hohe Luft" - in einer Auflage von 70.000 Exemplaren zum Copypreis von acht Euro - wenig auf das Bild. Beinah jeder längere Text ist von maximal einem Foto oder einer Illustration begleitet. Lediglich in der Heftmitte wird die Übermacht des Wortes von einem zehn Seiten langen Foto-Essay durchbrochen – Werke von der Fotografin Sigrid Reinichs, die Porträts verschiedener Menschen zeigen.

Man muss schon Print-Nostalgiker sein, um die oft bilderlosen Seiten zu goutieren. Oder aber man hat einfach die Nase voll von kurzer oberflächlicher Info, wie sie im digitalen Zeitalter in rauen Mengen an den Usern vorbeirauschen. Oder man will sich mal wieder den Kopf zerbrechen und Denkanstöße bekommen – just dabei will das neue Magazin helfen. Das ist alles sicher so gewollt – doch die Gefahr, bei der Lektüre der recht anspruchsvollen Beiträge zwischendurch auszusteigen, wächst auf diese Weise. Und das wäre schade, denn der Ansatz des Magazins -Inhalt vor Optik- dürfte im deutschen Blätterwald durchaus häufiger vorkommen.

Fest steht: Für die schnelle Fahrt in der U-Bahn oder den Pausen-Kaffee am Nachmittag ist "Hohe Luft" eher nicht die passende Lektüre. Wer sich auf die teilweise schwierige Kost einlässt – immerhin soll gedacht werden! – braucht ein wenig Muße. Wer sich diese gönnt, kann an "Hohe Luft" Gefallen finden. Ein wenig Grundinteresse an Philosophie und Vorbildung ist allerdings vonnöten – ansonsten fällt der Einstieg zu schwer. Vielleicht wirken ja auch eifrige Leser im Lauf der zeit auf das Konzept ein - via Blog bittet das Team um Gründungschefredakteur Thomas Vašek um Diskurs und Inspiration.

Schwer könnte dem Bildungsbürger auch die Entscheidung am Kiosk fallen – dort steht das Novum von "Emotion"-Verlegerin Katarzyna Mol mit dem "Brand eins"-Antlitz in harter Konkurrenz zum "Philosophie Magazin", das seit Mittwoch für 5,90 Euro am Kiosk liegt. Dort will Chefredakteur Wolfram Eilenberger in jeder Ausgabe den Anspruch verwirklichen, sowohl aktuelle politische und wirtschaftliche Themen aufzugreifen, als auch in existenziellen Fragen "den Menschen Orientierungshilfe zu geben, die von der klassischen Ratgeberliteratur unterfordert sind", und darüber hinaus für philosophische Bildung zu sorgen. Philosophie liegt im Trend!

mp/ps


Autor:

Petra Schwegler, Redakteurin
Petra Schwegler

Die @Schweglerin der W&V. Schreibt seit mehr als 20 Jahren in Print und Online über Medien - inzwischen auch jede Menge über Digitales. Lebt im Mangfalltal, arbeitet in München.