Die gedruckte Ausgabe des "Spiegel" hat in der heutigen Ausgabe den "Gerüchtezirkus des Internet" beschrieben. Wie vermeintliche Massenmörder namentlich genannt und mit wüstesten Verwünschungen beschimpft worden seien. Das waren aber ganz normale Bürger, die nur ähnliche Namen wie der Täter haben. Leider aber reiht sich auch das Hamburger Nachrichtenmagazin in die Reihe der Publikationen, die dann den vermutlich echten Namen des Mörders nennt. Quelle: "Es hieß…". Ein "Es", keine öffentlichen Angaben, sondern ein "Es hieß".

Überraschend positiv fiel am Wochenende Focus.de auf. Diese Nachrichtenseite zeigte – als einzige von uns gefundene Site – kein Kind ungepixelt. Zu dieser Entscheidung gehört Mut. Während alle anderen Online-Medien nach Tränenfotos gieren, pixelt Focus.de. Schließlich handelt es sich um Opfer, um kleine Kinder, die der Welt vorgeführt werden. Ungefragt. Ein unter Schock abgegebenes OK gilt nicht. Aber ein journalistisches Ethos gilt auch nicht mehr viel, so scheint es. Neben Focus.de ist auch noch der Deutschlandfunk positiv aufgefallen. Hier wurde nicht reißerisch, hier wurde sensibel berichtet. Etwa auch dadurch, dass der Deutschlandfunk in den Nachrichten nicht mit der ersten Meldung über die Amoktat informierte.

Wie Printmedien endlich professioneller mit derartigen Gräueltaten umgehen, bewies schon bei dem norwegischen Massenmord die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung", die als einziges Blatt in Deutschland den Mörder ganz bewusst nicht abbildete. Und nun, nach Newtown, scheinen dies deutlich mehr Zeitungen zu beherzigen, auch die "Süddeutsche Zeitung". Sie inszeniert diesmal keinen Mörder mit großen Fotos, zeigt aber auch keine Opferbilder von Kindern. Respekt!

Die meisten Medien aber arbeiteten wieder skrupellos. Ganz im Sinne des Amokläufers. So wie sie es in den Jahren zuvor auch schon praktiziert haben. Geradezu perfekt absolvierten Medien ihre Tat im Auftrag des norwegischen Massenmörders, dessen völlig irrelevanten Thesen von vielen Medien ernsthaft diskutiert wurden. Wacht auf, Medien! Besinnt Euch der Verantwortung, die Ihr habt. Besinnt Euch der Werte, die Ihr vertretet. Grenzt Euch von der unkontrollierbaren Billignachrichtenware einiger Internetportale ab, recherchiert gründlich und publiziert nicht jedes Gerücht! Achtet doch bitte auch die Opfer und die Angehörigen der Opferfamilien. Heroisiert keine Massenmörder, nennt keine Mördernamen, zeigt am besten überhaupt keine Mörderfotos! Und schon gar keine Fotos der Opfer.

Ja, das sind fromme Wünsche, die immer noch viel zu vielen Journalisten fremd vorkommen mögen. Vielleicht wird der Grund für diese Postulate dem einen oder anderen Kollegen klar, wenn man folgendes Gedankenspiel macht:

Helfen Sie, liebe Medien-Kollegen, bei der Aktion "Rettet Amokschützen"!

Der nächste Amokschütze soll ganz groß rauskommen. Mit Ihrer Hilfe, liebe Medien. Er möchte auf Seite 1 von "Bild", "Spiegel" und ihrer Heimatzeitung erscheinen. Er möchte als Monster wahrgenommen werden und zieht sich schwarz an, exakt so, wie Sie es lieben, liebe Medien! Er möchte einen neuen Rekord an Toten erzielen, damit Sie, liebe Medien, Rekord-Quoten und –Auflagen erzielen können. Mit Toten-Rekord zum Quoten-Rekord. So lieben Sie es, so lieben es Amokschützen. Machen Sie den nächsten Amokschützen zum Helden! Nennen Sie seinen Namen so oft es geht, zeigen Sie Fotos von ihm! Und zeigen Sie, wie es ihm gelungen ist, kleine Kinder zum Weinen zu bringen. Zoomen Sie jede Träne heran, damit auch Sie das Opfer zum Medien-Opfer machen!

Vielen Dank für Ihre Unterstützung!


Autor:

Jochen Kalka, Chefredakteur
Jochen Kalka

ist jok. Und schon so lange Chefredakteur, dass er über fast jede Persönlichkeit der Branche eine Geschichte erzählen könnte. So drängt es ihn, stets selbst zu schreiben. Auf allen Kanälen.