Der "Stern" titelte gestern mit einer Luftaufnahme der Insel, bewusst nicht mit dem Mörder. "Stern"-Chefredakteur Andreas Petzold bekennt im Editorial der aktuellen Ausgabe eine gewisse Ohnmacht der Medien, die dem Attentäter von Oslo in die Falle gingen. "Der Todesschütze hatte die weltweiten Reaktionen auf seine Morde einkalkuliert", so Petzold. Und weiter heißt es dort: "Er wollte über die Leichen von 76 Jugendlichen und Erwachsenen hinweg seine krude Botschaft in die Welt senden, den Kern einer absurden Ideologie, die sich im Internet verdichtet hat."

Dass online das Thema so weit getragen wird, verändert ohnehin die Arbeit in den "klassischen" Medien. So spricht Theveßen für das ZDF: "Da der Täter selbst viele Bilder von sich im Internet verbreitet hat, ist die Frage, ob wir mit seiner Abbildung zu einer Verherrlichung beitragen, hinfällig. Jene, die darin Ruhm suchen, finden die Bilder auch so."

Wir lassen das mal so stehen. Denn verantwortungsvoller, qualitativ hochwertiger Journalismus sieht anders aus, meint man in Frankfurt. Bei der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" wurde ganz bewusst auf eine Heroisierung des Mörders verzichtet. Volker Zastrow, der dort den Politikteil verantwortet, begründet das mit der Nachahmungsgefahr – ein Hauptaspekt, der den Medien nach den stillosen Auswüchsen rund um den Amoklauf von Winnenden angekreidet wurde. Zastrow: "Wir haben uns in der letzten Ausgabe dagegen entschieden, den Namen des Täters oder gar sein Bild zu veröffentlichen. Wir glauben, dass dadurch Nachahmungstäter auf den Plan gerufen werden können. Wir befürchten, dass Ruhmsucht zu den zentralen Motiven solcher Täter gehört."

Die meisten anderen Medien haben darüber wohl nicht so tief nachgedacht. So etwa die "WAZ". Dort beantwortet Wilhelm Klümper, stellvertretender "WAZ"-Chefredakteur, die Frage, ob man den Täter zeigen dürfe, mit einem "Ja". Klümper: "Und man darf ihn auch beim Namen nennen. Er (Anm.d.Red.: Wir haben den Namen gestrichen, weil wir ihn nicht nennen wollen) ist geständig, er hat Morde begangen, die die ganze Welt erschüttert haben. Ihn zu zeigen, heißt nicht, Sensationslust zu befriedigen, sondern einem Informationsbedürfnis nachzukommen."

Noch weiter geht Carsten Gensing, "Bild"-Nachrichtenchef und stellvertretender Chefredakteur der Springer-Zeitung: "Wer in aller Öffentlichkeit Bomben zündet und mindestens 76 Menschen kaltblütig hinrichtet, wird zu einer Person öffentlichen Interesses. Und natürlich dürfen die Medien hier identifizierend berichten – so wie das fast jede Zeitung in Deutschland und Europa getan hat." Wichtig sei, so Gensing: "Der Täter darf nicht zum Helden werden, vielmehr steht die Abscheulichkeit seiner Tat im Mittelpunkt." Auch bei RTL ordnet Thorsten Berger, Chef vom Dienst bei "RTL aktuell", den Norweger nach seinen schrecklichen Taten als "Person der Zeitgeschichte" ein.

Die Maßnahmen der Redaktionen

Für derlei schreckliche Ereignisse würden sich Redaktionen durchaus wappnen – zeigt die Umfrage von W&V Online. So erklärt Elmar Theveßen für das ZDF: "Wie wir mit solchen Themen umgehen, wird sehr kontrovers diskutiert und dann zentral vom Chefredakteur und seinem Stellvertreter entschieden. Wir holen aber auch Rat von außen ein – etwa von Menschenrechtsexperten. Oder wir tauschen uns in manchen Fällen mit Kollegen anderer Sender aus. Interne Regeln wie jene, dass wir zur Wahrung der Menschenwürde keine Bewegtbilder mehr von Geiselnahmen zeigen, sind in der Zentrale verankert und werden an die Kollegen draußen weitergegeben." Wie mag wohl das Statement eines Menschenrechtsexperten dazu aussehen?

Ähnliche Maßnahmen ergreife die "WAZ", für die der stellvertretende Chefredakteur Klümper erklärt: "Wir fragen Soziologen, Psychologen, Kriminologen etc. nach möglichen Motiven und Hintergründen. Wir sind bei den Opfern beziehungsweise deren Hinterbliebenen sehr zurückhaltend. Äußern sie sich öffentlich, berichten wir natürlich auch darüber. Wir lauern ihnen aber nicht auf, wir schellen an keiner Tür von Betroffenen, um Interviews zu ergattern."

Auch die oft gescholtene "Bild" reklamiert klare journalistische Regeln für sich. In einem Fall wie Oslo oder Winnenden gebe es genau wie bei allen anderen tragischen Ereignissen "klare presserechtliche Regeln für die Berichterstattung, an die wir uns halten", es gebe hier keine Besonderheiten, so Gensing. Und ausgerechnet der Mann, der gerne "Gossen-Goethe" genannt wird, Franz Josef Wagner, schrieb in seiner Post-Kolumne: "Ich glaube, die höchste Strafe für den Attentäter wäre die Bedeutungslosigkeit. Nicht mehr über ihn berichten, seine Fotos nicht mehr zeigen, seine wirren Ideen nicht mehr im Internet zu lesen..."

Reporter vor Ort

Ob es an der mangelnden Unterstützung von Kernredaktionen an Journalisten vor Ort liegt, dass sich beim Presserat in diesen Tagen die Beschwerden über die Oslo-Berichterstattung häufen? Dazu "WAZ“-Mann Klümper: "Wir stehen täglich in Kontakt mit unserem Skandinavien-Korrespondenten. Wir geben ihm Fragestellungen der Konferenz weiter, wir unterstützen ihn bei möglichen Recherchen. Wir übermitteln ihm den Diskussionsstand und das Interesse in Deutschland."

Das ZDF will ebenfalls vor Ort wichtige Regeln eingehalten sehen – "so durften unsere Leute nicht einfach mit laufender Kamera über den Campingplatz ziehen und Beobachter der Tat mit Fragen überfallen", berichtet ZDF-Experte Theveßen von der Recherche vor Ort nach der Bluttat.

Übereinstimmend geben die Befragten zu Protokoll, dass das letzte Wort bei der Auswahl von Wort, Bild und Film die Chefredaktion beziehungsweise der Chef vom Dienst hat. Doch auch hier scheint das Web die Grenzen zu verschieben. "Mittlerweile macht das Internet aber so manche Auswahl schwer, zumal jeder mit der Kamera in seinem Handy filmen und das Material online stellen kann. Dann erklären wir vor den Beiträgen, warum wir das Eine oder Andere nicht zeigen", so Theveßen

Wo genau die ethischen Grenzen der Berichterstattung sind – das wird doch recht unterschiedlich beantwortet. Bei "Bild" sagt Gensing: "Auch hier halten wir uns an die allgemeingültigen Grundsätze. Die 'Bild‘-Reporter vor Ort sind mit den Betroffenen in direktem Kontakt: So erzählt beispielsweise eine Jugendliche in 'Bild‘ über den Verlust ihres Bruders. Eine essenzielle – und selbstverständliche – Grenze ist, dass kein Opfer bedrängt wird."

Wilhelm Klümper von der "WAZ" sieht die Grenzen dort, "wo die Menschenwürde verletzt wird. Wo extremistische Meinungen - etwa des Täters - unreflektiert wiedergegeben werden." Dem stimmt RTL-Manager Bender zu. "RTL achtet in der aktuellen Berichterstattung sehr stark auf die Einhaltung ethischer Grenzen", so der Kölner CvD. ZDF-Experte Theveßen fügt hinzu: "Wir stellen uns beim ZDF immer die Frage, ob durch die Berichterstattung Opfer wieder zu Opfer werden könnten."

Alles in allem erwecken die medialen Protagonisten den Eindruck, dass sie sich sehr stark mit dem Thema auseinandergesetzt haben. Immerhin. Ein Anfang. Vielleicht ist dies doch ein wenig die Lehre vom vorvergangenen Jahr, als ein Amokläufer ein Blutbad im schwäbischen Winnenden angerichtet hat. Elmar Theveßen meint: "Winnenden war unterm Strich Schande für den deutschen Journalismus."

Eine Einsicht mit dem Potenzial guter journalistischer Aussicht. ps/jok


Autor:

Petra Schwegler, Redakteurin
Petra Schwegler

Die @Schweglerin der W&V. Schreibt seit mehr als 20 Jahren in Print und Online über Medien - inzwischen auch jede Menge über Digitales. Lebt im Mangfalltal, arbeitet in München.