Philosophie Magazin: "Existenzielle Themen für Leser, die von Ratgebern unterfordert sind"

Ex-Investmentbanker Fabrice Gerschel bringt die deutsche Ausgabe seines französischen "Philosophie Magazine" am Mittwoch an die Kioske.

Text: Judith Pfannenmüller

Am Strand von Palombaggia auf Mallorca hat Fabrice Gerschel vor vielen Jahren die Entscheidung gefällt, das Investmentbanking an den Nagel zu hängen, um Verleger zu werden. "Als Berufstätiger war ich dazu verdammt gewesen, immer ungebildeter zu werden, ich habe keine Wochenenden gehabt, keine Zeit zu lesen und keine Zeit für meine Kinder, “ sagt Gerschel bei der Präsentation des deutschen "Philosophie Magazins" in Berlin. Es sei keine ideologische Entscheidung gewesen, mit dem Investmentbanking aufzuhören, sondern eine existenzielle.

Weil Gerschel weder Journalist noch Philosoph noch Verleger war, musste er zunächst Erfahrungen im Magazinmachen und Verlegen sammeln. Also investierte der mittlerweile 43-Jährige in Frankreich zunächst Geld in zwei Magazine - "Esprit Femme", das sein Freund Holger Wiemann herausbrachte, und das Intellektuellenblatt "L‘imbecile". 2005 ging Gerschel dann zunächst in Frankreich mit dem"Philosophie Magazine" auf den Markt. Es verkauft dort monatlich 52 000 Exemplare und ist profitabel.

Auch in Deutschland sieht Gerschel eine Marktlücke für anspruchsvolle Monatsmagazine und hat, um sie zu füllen, in den vergangenen Monaten ein deutsches Team von "Journasophen“ zusammengestellt: Chefredakteur Wolfram Eilenberger und seine Vize Svenja Flasspöhler sind promovierte Philosophen und Buchautoren. Herausgeberin der deutschen Ausgabe ist Anne-Sophie Moreau,die BWL und Philospohie studiert hat. Die Literaturkritikerinnen Jutta Person und Marianna Lieder komplettieren das Team aus dem Philomagazin Verlag mit Redaktionssitz in Berlin. Dazu Kolumnisten wie die Juristin und Schriftstellerin Juli Zeh oder der Filmemacher Florian Henckel von Donnersmarck ("Das Leben der anderen").

Mit einem Umfang von 98 Seiten, bei einer Auflage von 100.000 Stück geht das "Philosophie Magazin" zum Preis von 5,90 Euro am Mittwoch an die Kioske. Es kommt zehn Mal im Jahr und hat zum Start eine aufregende Themenmischung: Zwei Radikale - Wikileaks-Gründer Julian Assange und der Philosoph Peter Singer - diskutieren darüber, wie die Welt zu retten sei. Das Dossier schürft tief bei der Frage „Warum haben wir Kinder?“ , der Philosoph Axel Honneth fordert die Entmachtung des Finanzkapitals, Kultblogger Airen beschreibt in der Reportage "Tod&Spiele“ aus Mexico die Szene der Kampfwrestler. In jeder Ausgabe gibt es einen philosophischen Originaltext als Sammelbooklet, in der ersten Ausgabe Aristoteles zum Thema Freundschaft.

In jedem Heft will Chefredakteur Eilenberger den Anspruch verwirklichen, sowohl aktuelle politische und wirtschaftliche Themen aufzugreifen, als auch in existenziellen Fragen "den Menschen Orientierungshilfe zu geben, die von der klassischen Ratgeberliteratur unterfordert sind“, und darüber hinaus für philosophische Bildung zu sorgen. Die Redaktionen in Frankreich und Deutschland tauschen sich aus, gehen da, wo es Sinn macht, Themen gemeinsam an und unterstützen sich bei der Autorenakquise.

Pikant: Die Herausgeberin des anderen neuen Philosophiemagazins "Hohe Luft", Katarzyna Mol, hat sich dem "Philosphie Magazin" mit ihrer Inspiring Network GmbH (Emotion) als Verlegerin angeboten. Doch Günder Gerschel wollte sein Magazin lieber unabhängig steuern. Und wurde von Mol kurzerhand mit dem Wettbewerber-Magazin überrascht - den Namen seines Magazins trägt es als Subtitel.


Autor:

Judith Pfannenmüller
Judith Pfannenmüller

ist Korrespondentin für W&V in Berlin. Sie schaut gern hinter die Kulissen und stellt Zusammenhänge her. Sie liebt den ständigen Wandel, den rauhen Sound und die thematische Vielfalt in der Hauptstadt.