Werbung lebt seit jeher von Gefühlen, nicht von Tatsachen. Warum sonst schleppen erwachsene Menschen schwere Bündel Plastik-Mineralwasserflaschen in Wohnungen mit mitteleuropäischer Luxus-Wasserversorgung?

Aber auch die Medien funktionieren nicht allein über Fakten. Sie brauchen Emotionen. Und sie schüren sie. Weil sie ihre Zielgruppen bedienen müssen. Also schlachtet man genüsslich das Video mit Trumps Pussy-Sprüchen aus und prognostiziert exakt einen Monat vor der Wahl:

"Wenn es nicht mit dem Teufel zugeht, wird Trump am 8. November gegen Hillary Clinton verlieren"

Sagen Sie jetzt bitte nicht, "die Medien" seien wieder mal Schuld. 2016 sind wir alle "die Medien". Wir lesen, wir klicken, wir kommentieren, wir posten, und in uns ist mehr Trump als uns lieb ist. Wir sind populistisch im Social Web unterwegs. Auf Likes, Follower, Friends aus. Fixiert auf unsere Filterblase. Mehr Teaser als Texte lesend. Eher oberflächlich politisch gebildet. Gegenüber Andersdenkenden und Anderswählenden eher mitteltolerant. Dafür aber für jede gute Showeinlage empfänglich: Die meisten von uns hätten neulich Michelle Obama innerhalb von 5 Minuten zur Präsidentin, Päpstin und Königin von England gewählt, weil das Video mit ihrer Rede so cool war.

Wir lieben gute Stories, aber wir lesen keine politischen Programme. Vielleicht sind wir gar nicht besser und nicht so viel informierter als die weißen US-Rentner. Wir hatten nur früher iPhones als sie.


Autor:

Frank Zimmer

Redaktionsleiter Online mit analogem Migrationshintergrund. Seit 1996 im Internet. Buchautor ("Der Social-Media-Rausch") und Blogger ("Mittelrheingold"). Interessiert sich für Content Marketing und digitale Transformation. Hat eine Schwäche für Agenturen, weil er mal in einer gearbeitet hat.