Radio NRW und RMS :
Warum Chefposten im Radio so schwer zu besetzen sind

Nie gab es so viele Top-Posten im Privatradio zu besetzen, doch nie war es so schwierig, die richtigen Kandidaten zu finden. Katharina Wolff, Geschäftsführerin der Personalberatung Premium Consultants, ordnet ein. 

Text: Lisa Priller-Gebhardt

Warnt die Radiobranche: Katharina Wolff, Geschäftsführerin der Personalberatung Premium Consultants
Warnt die Radiobranche: Katharina Wolff, Geschäftsführerin der Personalberatung Premium Consultants

Beim Vermarkter RMS und auch bei Radio NRW stehen Stabwechsel an. Wer jetzt denkt, diese Posten sind umgehend nachbesetzt, der irrt. Denn gerade für derart komplizierte Konstrukte, bei denen viele Gesellschafter mitreden, lässt sich kaum ein gemeinsamer Nenner finden.

Hinzu kommt: Radio gilt nicht mehr als sexy. Manager, die Digitalerfahrung mitbringen, steuern eher internationale Konzerne an als die stark regulierte Radiobranche. Diese steckt mitten im Transformationsprozess und ist auf frische Ideen angewiesen. Doch: "Wenn die neue Generation erst in fünf Jahren antritt, dann ist es für die Gattung zu spät", warnt Katharina Wolff, Geschäftsführerin der Personalberatung Premium Consultants in Hamburg. 

Frau Wolff, die beiden großen Radiokonstrukte RMS und Radio NRW sind auf der Suche nach neuen Geschäftsführern. Bei der RMS wird zusätzlich ein Digitalchef gesucht, bei Radio NRW ein Programm- und auch ein Musikchef. Beide Unternehmen haben einen großen Gesellschafterkreis. Posten in solchen Konstrukten gelten gemeinhin als wenig begehrt. Weshalb? 

Die RMS hat 21 Gesellschafter und damit mindestens genauso viele Meinungen. Und hinter den Gesellschaftern wiederum stehen die Verlage, die es selbst nicht alle geschafft haben, sich auf das digitale Zeitalter einzustellen.
Es kann doch kein Zufall sein, dass bei der RMS nicht nur der Digitalchef Tobias Conrad, sondern auch Geschäftsführer Florian Ruckert geht, nachdem dessen Pläne für eine Digital-Unit von den Gesellschaftern offensichtlich nicht umgesetzt wurden.
Der doppelte Abgang zeigt, dass die Gesellschafterstruktur die Digitalisierung aktuell zum Scheitern verurteilt.

Das klingt alles wenig erbaulich. Warum so negativ?

Es ist zwar falsch zu sagen, Radio ist tot, aber ich würde sagen, Radio ist kurz davor, Selbstmord zu begehen. 

Bei Radio NRW ist die Lage noch komplizierter, da reden nicht nur die Gesellschafter mit. Da gilt es auch, die 44 Regionalfürsten bei Laune zu halten. Was sind die schwierigsten Aspekte dabei?

Auch da gilt: Es reden zu viele mit. Die Folge sind lähmende Strukturen, kaum Neuerungen, hohe Fluktuation. Schlimmer als bei jedem Großkonzern. 

Mancher meint, es wäre sinnvoller, Nachfolger in Kirchenkreisen zu suchen, mit der Kernkompetenz "Seelsorge". Sehen Sie das ähnlich? 

(Lacht) Ja, aber ganz ehrlich: Es ist doch schade, dass Radio nichts aus der Verlagskrise gelernt hat. Die Verlage haben die Radiobeteiligungen als reine Finanzvehikel gekauft und ziehen ihre Rendite raus, die immer noch sehr hoch ist.
Wenn jetzt nicht kräftig investiert wird, wird Radio die nächsten zehn Jahre nicht überleben. Manchmal muss es erst schlimmer werden, bevor es besser wird. 

Spotify oder Apple Music jagen den klassischen UKW-Sendern Hörer ab. Müssen die künftigen Radiogeschäftsführer also einen Digital-Background haben?

Disruption funktioniert immer nur von außen. Daher wäre es wünschenswert, Manager zu suchen, die den Digitalmarkt verstehen. Jemand, der weiß, wie man Daten für ein Unternehmen gewinnbringend und legal einsetzen kann und wie man digitale Radioprodukte baut.

 Stellen wir uns also einen branchenfremden Digitalmanager vor. Kommt der in überalterten Radiostrukturen Überhaupt zurecht?

Die alten Gesellschafter müssen jetzt Mut beweisen und der digitalen Generation das Zepter übergeben. In jedem Familienbetrieb kommt auch irgendwann der Zeitpunkt, an dem der Vater oder die Mutter die Leitung abgibt.
Wenn die neue Radiogeneration erst in fünf Jahren antritt, dann ist es für die Gattung zu spät. Ohne Menschen, die disruptiv denken, wird man keine Branche verändern können.

Wenn man dann endlich einen Spezialisten gefunden hat, geht der im letzten Moment zu einem Digitalkonzern, wie Florian Fritsche. Er war designierter Geschäftsführer von Regiocast und gab Amazon den Vorzug. Ist Radio als Arbeitgeber noch sexy?

Für Moderatoren ja, für Manager nein. Die gehen lieber zu Unternehmen, die digital sind oder ernsthafte Absichten haben, die Digitalisierung zu meistern. Gefühlt sind sogar im gesetzlich regulierten Bankenbereich Manager weniger von Regulierung betroffen als beim Radio.

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Autor:

Lisa Priller-Gebhardt
Lisa Priller-Gebhardt

schreibt als Autorin überwiegend für W&V. Im Zentrum ihrer Berichterstattung steht die geschwätzigste aller Branchen, die der Medien. Nach der Ausbildung an der Burda Journalistenschule schrieb sie zunächst für Bunte und das Jugendmagazin der SZ, Jetzt. Am liebsten sind ihr Geschichten der Marke „heiß und fettig“.