Zugunglück von Bad Aibling :
Warum ich dieses Bild erst jetzt veröffentliche

W&V-Autorin Petra Schwegler war vom Bahnunglück in Bad Aibling direkt betroffen. Ihr Sohn saß in einem der Züge. Ein Kommentar zu Medienmechanismen.

Text: Petra Schwegler

- 11 Kommentare

Dieses Foto ist am Dienstagvormittag entstanden. Gegen 11 Uhr. Vier Stunden nach dem Zugunglück von Bad Aibling. Es zeigt die Hand meines 17-jährigen Sohnes, der in einem der beiden kollidierten Meridian-Züge saß und der gut drei Stunden zuvor von der Feuerwehr als Fünfter offiziell im Sammellager Kolbermoor registriert wurde. Körperlich nahezu unverletzt – einer von 60 der insgesamt rund 150 Passagiere. Das Motiv hängt bereits vergrößert über seinem Schreibtisch. Als Erinnerung an den 9. Februar 2016, künftig sein zweiter Geburtstag.

Ich wurde gefragt, warum ich dieses Bild nicht gleich auf Facebook gepostet oder via Twitter verbreitet habe. Ganz ehrlich: Es lag mir am Dienstag fern, die sozialen Netze zu bedienen und dort frohe Botschaften zu verkünden. Es war der Tag der Opfer, der Schwerstverletzten, der Helfer, von denen wir viele kennen und die Unmenschliches zu leisten hatten. Das furchtbare Unglück lag über uns, war unüberhörbar, zumal die Flugroute der Rettungshubschrauber im Mangfalltal über unsere Ortschaft führte. Und es war greifbar – wir hatten uns um unseren Sohn zu kümmern, um das Erlebte, seinen Schock, den er sich von der Seele reden musste.

Zum Feiern war uns nicht zumute. Unser Tag hatte um 6.59 Uhr seine Wende genommen – als das Telefon klingelte und ein verwirrter 17-Jähriger die Botschaft durchgab: "Mama, irgendetwas Furchtbares ist mit dem Zug passiert. Aber mir geht es gut." Wie wir später erfuhren, war das elf Minuten nach dem Zusammenstoß, der elf Tote und 80 teils Schwerstverletzte zur Folge hatte.

Nun bin ich nicht nur besorgte Mutter, sondern auch erfahrene Medienjournalistin. Ich kenne und beobachte die Mechanismen der Printmedien, Sender und heutzutage auch Onlineportale nach großen Unglücken seit 20 Jahren. Reißerische Schlagzeilen, die Hatz ums erste Schock-Foto oder Video vom Unglücksort und der Drang politischer Wichtigtuer zum Rampenlicht waren die von mir erwarteten Reaktionen, befeuert von Botschaften in sozialen Netzen.

Genauso kam es. Natürlich verbrachten wir den Tag vor TV-Gerät, Radio und Internet. Enttäuscht haben uns die Öffentlich-Rechtlichen, die teils nur Interviews mit unbeteiligten Offiziellen ins TV-Programm einflochten. Gut informiert haben uns die bayerischen Radiosender und lokalen Onlineportale. Überrascht hat uns ein Sender aus der RTL-Familie: N-TV. Für ihn wirkte der gebürtige Münchner Christof Lang vor Ort und berichtete sehr sachlich von den Rettungsarbeiten.

Die überwiegend aggressive Pressemeute rund um den Unglücksort und auch üble Kommentare auf Facebook ("Wer ist schon so blöd und steigt in einen Unglückszug?") rund ums Geschehen in Bad Aibling machten unseren Sohn übrigens sehr betroffen. Die ersten Überlebenden, die nach der Evakuierung oder sogar noch aus den Zugwracks Botschaften abgesetzt hatten, standen schon wenige Stunden später vor Mikrofonen. Dies zu beobachten, schockierte ihn. Zumal die Unverletzten in seinem Waggon ihre Smartphones nach dem Unfall in erster Linie nutzten, um mit integrierten Taschenlampen nach Verwundeten zu suchen und um überhaupt Licht ins Dunkel der Unglücksstunde zu bringen. Oder um Eltern und Freunde zu informieren.

Die Idee, das Szenario zu filmen, hatte er nicht. Ebenso wie ich später nicht auf die Idee kam, unsere persönliche frohe Botschaft am Tag des Unglücks in der Öffentlichkeit zu streuen. Es hätte nicht gepasst. Unbewusst war mir wohl auch klar, dass ich so die Medien auf die Spur meines Sohnes gebracht hätte – es war gut, ihm das fürs Erste zu ersparen.

Dank Facebook und Co, die er als Teenager rege nutzt, hat mein Sohn allerdings selbst genügend Spuren hinterlassen. So ist er jetzt ein gesuchter Gesprächspartner der mehr oder weniger seriösen Medien – Stichwort "traumatisierter Augenzeuge". Ein großer Sender hat ihn heute Morgen angerufen und um ein Interview angefragt. Ob er es geben wird? Wir überlegen noch. Wir wissen jetzt aber, dass wir uns nicht länger verstecken können. Doch die Art und Weise müssen wir uns nicht aus der Hand nehmen lassen. Selbst wenn ich mit diesem Beitrag Kritiker auf den Plan rufen werde.

Update: Mein Sohn wird das Interview nicht geben. Aber er wird voraussichtlich bei einer Produktion im österreichischen Fernsehen mitwirken. 


Autor:

Petra Schwegler, Redakteurin
Petra Schwegler

Die @Schweglerin der W&V. Schreibt seit mehr als 20 Jahren in Print und Online über Medien - inzwischen auch jede Menge über Digitales. Lebt im Mangfalltal, arbeitet in München.



11 Kommentare

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Anonymous User 19. Februar 2016

Wer hier schreibt dieser Artikel wäre niemals nötig gewesen u.ä., den beglückwünsche ich von Herzen - denn er war offensichtlich noch nicht in eine Tragödie verwickelt, an der das mediale Heer Interesse hat. Glauben sie mir, die Masse stürzt sich wie die Aasgeier auf jeden Menschen in ihrem Umfeld herum und hat leider keinerlei Skrupel. Wer die Chance hat selbst zu lenken und diese Menschen von den direkt Betroffenen zum Schutz etwas fern zu halten, hat das Glück, das andere sich in dieser Situation nur wünschen können.

Frau Schwegler ist durchdacht, unaufdringlichlich und professionell an die Sache heran gegangen.

Alles Gute und Liebe für den weiteren Weg, besonders natürlich an Ihren Sohn!

Anonymous User 18. Februar 2016

Ich freue mich sehr für das Glück im Unglück, aber dennoch muss ich mich der Kritik anschließen. "Dr Best" trifft es auf den Punkt. Am erschreckendsten finde ich jedoch die fadenscheinige altruistische Intension, die in dem späteren Kommentaren von der Autorin zu lesen ist. Ich versuche mir die (in meinen Augen) unfassbare Unprofessionalität als Einfluss des persönlichen Schicksalsschlages zu erklären und bin gleichzeitig froh nicht selbst in der Situation sein zu müssen. Anders kann ich mir weder diesen persönlichen "Erlebnisbericht" mit eigens dekonstruierter Argumentation, noch den späteren Kommentar als Legitimationsversuch erklären.
Nichtsdestotrotz wünsche ich der Autorin und ihrer Familie, wie auch sonst fast allen Menschen, alles Gute. Des Weiteren teile ich die Meinung, dass die Medienberichterstattung zunehmend "lauter" und omnipräsenter wird. Die eigentliche Aussage des "Erlebnisberichts" und zugleich auch bestes Beispiel ist der permanente Drang zum "senden". Immerhin hat die Autorin fast 2 Tage geschafft.

Anonymous User 18. Februar 2016

Einem erfahrenem Medienjournalisten sollte es nicht passieren, ausgerechnet in Privatangelegenheiten seiner Industrie unaufgefordert auf den Leim zu gehen. Die abstruse Einschätzung "Sich nicht länger verstecken zu können" bringt die allgemeine zwanghafte Pathologie egozentrischer Geschwätzigkeit in beunruhigender wenngleich erhellender Form auf den Punkt.

Anonymous User 12. Februar 2016

Vielen Dank für Ihre ehrliche Meinung - für Zustimmendes wie Ablehnendes. Und ja: Ihre Kritik trifft durchaus zu. Ich habe dieses Bild veröffentlicht und mich damit ins Gespräch gebracht. Mit dem Effekt, dass mich nun Medien bestürmen - und nicht meinen Sohn oder Familien, die vielleicht sogar einen lieben Menschen verloren haben oder mit ihren Verletzten bangen müssen. Ich bin den Umgang mit Medien gewöhnt, andere nicht.
Kritisieren möchte ich auch nicht jene, die vor Ort anders reagiert haben, sondern Medien, die diese Betroffenen benützt haben.

Anonymous User 12. Februar 2016

Ich begrüße den Artikel ausdrücklich - und auch genau hier auf der Platform. Ich freue mich für Sie und Ihren Sohn. Sie geben ein gutes Beispiel, dem hoffentlich viele folgen - egal ob aus Intuition oder ob mit professionellem Hintergrund.

Anonymous User 12. Februar 2016

Ja leider, reichlich überflüssig, gelinde gesagt, insbes. aus dem professionellen Blickwinkel. Warum, begründet Frau Schwegler, die ich i.ü. sehr schätze, kurioserweise in ihrem Vortrag selbst.

Anonymous User 12. Februar 2016

Jeder würde in so einer Situation anders umgehen. Sie haben Ihren Weg gewählt, der nachvollziehbar und zu respektieren ist. Den Sinn des Artikels verstehe ich aber nicht. Er passt nicht auf diese Plattform und es klingt unterschwellige Kritik an denen mit, die anders als Sie reagierten. Aber auch der Weg der anderen ist zu respektieren.

Dennoch beglückwünsche ich Sie ebenfalls zum zweiten Geburtstag Ihres Sohnes. Das ist letztendlich ohnehin wichtiger als alles andere.

Anonymous User 11. Februar 2016

Sie versucht, den Diskurs, in den ihr Sohn eventuell gezogen wird, selbst zu beeinflussen. Das ist 100% richtig. Und das schreibt sie j auch im letzten Absatz. Von daher ist dieser Artikel hier genau richtig mMn.

Anonymous User 11. Februar 2016

Bei allem gebotenen Respekt, aber auch ich denke, dass diese ganz persönlichen Dinge nichts in der Öffentlichkeit zu suchen haben, weder in Echtzeit noch einige Tage später - und in sogenannten sozialen Medien schon gar nicht.

Anonymous User 11. Februar 2016

Glückwunsch aber bei allem Respekt aber dieser Beitrag wäre NIE nötig gewesen. Weder am Tag des Unglücks noch heute. Sicherlich eine Art der Verarbeitung aber dennoch muss man nicht alles teilen und schon gar nicht hier.

Anonymous User 11. Februar 2016

@Petra Schwegler: Ich gratuliere Ihrem Sohn zu seinem zweiten Geburtstag – und zu seiner besonnenen Mutter.

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