Lesetipp zum Ausrutscher :
Was denkt ProSiebenSat.1-Chef Ebeling über seine Zuschauer?

Unglücklicher Lapsus des ProSiebenSat.1-Chefs Thomas Ebeling: Er nennt Zuschauer im Analystencall ein "bisschen fettleibig und ein bisschen arm". Ein Lesetipp zur DWDL-Story.

Text: Petra Schwegler

Es wird sich zeigen, welche Folgen Thomas Ebelings Aussagen fürs börsennotierte ProSiebenSat.1 haben wird.
Es wird sich zeigen, welche Folgen Thomas Ebelings Aussagen fürs börsennotierte ProSiebenSat.1 haben wird.

Viele Hundert Mitarbeiter, die bei ProSiebenSat.1 in Unterföhring bei München am Programm der diversen Sender arbeiten, dürften am Mittwochmorgen traurig auf die Schlagzeilen des Kölner Mediendienstes DWDL.de blicken. Dort wird unter der Überschrift "ProSiebenSat.1-Chef Ebeling lästert über seine Zuschauer" geschildert, wie sich der Konzern-CEO vergangene Woche bei einer Telefonkonferenz mit Analysten offenbar in der Formulierung vergriffen und die Zielgruppen von ProSieben, Sat.1 und Co. so in ein ungünstiges Licht gerückt hat.

Das Ganze kommt zu einem recht unglücklichen Moment, zumal Thomas Ebeling mit seiner Medien-AG in der Vorwoche Probleme bei der TV-Vermarktung einräumen musste. 

DWDL.de liegt nach eigenen Angaben ein englischsprachiges Transkript des Analystencalls nach Vorlage der Quartalszahlen vor. An einer Stelle ist ProSiebenSat.1-Chef Thomas Ebeling demnach auf kritische Fragen eines Analysten des französischen Bankhauses BNP Paribas eingegangen. Er wollte mit folgender (von DWDL übersetzter) Äußerung eine Frage nach der Konkurrenz durch neue Anbieter aus dem Streaming- und VoD-Bereich beantworten:

"All die Hollywood-Blockbuster gibt es auf unseren Sendern und nicht jeder Netflix-Film ist ein Homerun. Und sehr oft sind deren Inhalte sehr, sehr Arthouse-like. Es gibt Menschen, ein bisschen fettleibig und ein bisschen arm, die immer noch gerne auf dem Sofa sitzen, sich zurücklehnen und gerne unterhalten werden wollen. Das ist eine Kernzielgruppe, die sich nicht ändert."

Wie ProSiebenSat.1 reagiert

ProSiebenSat.1 bemüht sich bereits bei DWDL.de um Schadensbegrenzung und ordnet Ebelings Wort als "zugespitzte Aussage im Zusammenhang mit einer provokanten Frage durch einen französischen Analysten" ein. Die reine Textaussage würde "weder die Historie noch die Tonalität der Aussagen" widerspiegeln.

Dennoch: Auch wenn der Konzern-CEO, der noch bis 2019 an der Spitze von ProSiebenSat.1 stehen will, wohl zum Ausdruck bringen wollte, dass es weiterhin Millionen ganz normale Zuschauer gibt, die sich nach wie vor dem klassischen linearen TV-Programm zur Entspannung hingeben – eine kluge und geschickte Einordnung der eigenen Zielgruppen sieht anders aus. 

Auch sind derlei Äußerungen des ersten ProSiebenSat.1-Mannes im hoch sensiblen Sales-Geschäft kontraproduktiv. Was sollen Werbekunden und Mediaplaner davon halten, wenn ProSiebenSat.1-Chef Ebeling so über seine Zuschauer denkt? Seine Worte dürften wohl nur dazu geeignet sind, um von Springers Bild mit dem Titel "Verlierer des Tages" gekrönt zu werden.

Aber vielleicht steckt hinter Ebelings Lapsus ja nur eine zutiefst menschliche Reaktion, die auch Otto-Normal-Zuschauer hätte – würde er Probleme kaschieren wollen: Der ProSiebenSat.1-CEO dürfte nervös sein. Die an der Börse hoch bewertete TV-AG wächst nurmehr im digitalen Bereich und mit E-Commerce, das klassische, werbefinanzierte und immer noch milliardenschwere Geschäft hat es dagegen schwer. Da kann man schon mal aus der Façon geraten – wie so mancher TV-Fan auf der Couch.

Die Wellen schlagen hoch, der Aktienkurs verzeichnet ein Zwischendurch-Mini-Minus - gegen Mittwochmittag lässt Konzernchef Ebeling dieses Statement verbreiten: "Bei meiner Aussage handelte es sich natürlich um eine plakative Zuspitzung zur Illustration unterschiedlicher Mediennutzungsweisen. Mitnichten wollte ich unsere TV-Zuschauer diskreditieren. Aus dem Zusammenhang der Diskussion gerissen, ist diese Äußerung leider falsch verstanden worden, was ich sehr bedauere."


Autor:

Petra Schwegler, Redakteurin
Petra Schwegler

Die @Schweglerin der W&V. Schreibt seit mehr als 20 Jahren in Print und Online über Medien - inzwischen auch jede Menge über Digitales. Lebt im Mangfalltal, arbeitet in München.