"Holst du mich auch ab?", fragen, bitten, flehen die Kinder. Die Angst sitzt ihnen in den Knochen. Kaum ein Kind, das in dieser Nacht durchgeschlafen hat. "Ich höre immer Schüsse", "Meine Freundin ist aus dem Fenster gesprungen. Wenn es sie erwischt hätte", "Ich hab den Hubschrauber als Erstes gesehen", "Er hat bei uns im Klassenzimmer auf die Tafel geschossen", "überall Polizei", "Wir mussten drei Stunden unter den Tischen bleiben", "Mami, warum hast du mich nicht gleich abgeholt...?"

Jedes Kind hat seine eigene Geschichte. Jedes Kind in ganz Winnenden. Jedes Kind ist Opfer. Doch den Medien sind Opfer egal. Für sie ist der Täter Opfer. Noch in der Nacht ist auf den Fernsehkanälen vom bösen Mobbing der Mitschüler die Rede. Von Lehrern, die dem armen Tim K. nicht zugehört hätten. Von Schulen, die Gewalt hervorrufen würden. Von Computerspielen, die so etwas überhaupt erst ermöglichen würden. Medien suchen nach Antworten, warum der Täter so etwas getan hat. Der Täter als Opfer der Gesellschaft. Immer die gleiche Debatte.

Entsprechend ziehen "Kommentarwichsmaschinen" (Max Goldt) durch Talk-Shows, von Maybritt Illner ("Was macht Jugendliche zu Mördern") über Günther Jauch ("Er war ein ganz normaler Junge") bis hin zu Frank Plasberg ("Schule der Angst – was macht Jugendliche zu Amokläufern?"). Medien sprechen von "Amoklauf". Völlig unreflektiert. Das, was in Winnenden passiert ist, hat mit einem Amoklauf wenig zu tun. Bei einem Amoklauf dreht jemand durch, schießt unkontrolliert wie wild um sich.

Das, was der ganz normale Junge Tim gemacht hat, ist geplanter Mord. Geplanter Massenmord. Er hat sich einen schwarzen Anzug der KSK, der Spezialeinsatztruppe der Bundeswehr angezogen, mit schusssicherer Weste, einen sogenannten SK4-Schutz, wie Bild schreibt und auf einer ganzseitigen Fotomontage auf Seite 2 eindrucksvoll zeigt. Er hat gezielt in die Köpfe geschossen, er hat sich seine Opfer, vorrangig Mädchen, bewusst ausgesucht. Tim ist Mörder, kein Amokläufer.

Es ist 11 Uhr in Winnenden, Schulschluss. Vor dem Schulzentrum an der kleinen Straße, der Albertviller Straße, herrscht Verkehrschaos. Das Flehen der Kinder, dieses "Hol mich bitte ab", summt noch im Ohr. Gestern um diese Zeit waren die Eltern noch in Panik. Die meisten hatten per SMS eine Botschaft ihrer Kinder erhalten. "Amoglauf an Schule. 1 Toter, mind. 2 Verletzte. Pass auf", schrieb etwa die elfjährige Emma.

Die Schulen hatten gestern sehr schnell und diszipliniert reagiert. Bereits gegen 10 Uhr wurden sämtliche Türen verschlossen, gerade auch Außentüren. Die Polizei umstellte alle Schulen der Stadt, auch Grundschulen, die mehr als einen Kilometer entfernt sind. Einige Schüler mussten aus Sicherheitsgründen auf den Boden. Jeder durfte seine Handys benutzen. "Es war voll peinlich, als meine Mutter den Lehrer sprechen wollte".

Die Schüler verfolgten das Geschehen über ihre mobilen Geräte. "Jetzt sind es zwei Tote", "Jetzt flüchtet er in die Innenstadt." Solche Botschaften lösten oft Panik aus in den Klassenzimmern. "Oh je, mein Bruder ist in der Innenstadt", "Wann kommen wir endlich wieder frei?".

Ein Medium wurde von den Schülern so gut wie nicht genutzt: Twittern. Wer twitterte, waren die Medien selbst. Und sie verbreiteten Falschmeldungen um die Wette – immerhin in Echtzeit. Zunächst war von mehreren Tätern die Rede, dann wurde verbreitet, dass der Täter gefasst sei, dies wurde Minuten später revidiert. Bis zum Abend lief das Rennen der Twitterlügen. Auch bei der Anzahl der Toten lag man immer vor der Wahrheit. Am Abend musste eine tote Schülerin wieder zum Leben erweckt werden. Wie bedauerlich?

Dafür toben sich die Schüler am Nachmittag über ihre Portale aus, von You Tube über Schüler VZ bis zu Facebook. Den größten Zulauf aber dürfte das Regionalportal Kwick.de haben, das im Rems-Murr-Kreis beheimatet ist. Hier tauschen sich Schüler aus, berichten, was sie gesehen haben, versuchen, den Horror zu verarbeiten. Bei Kwick.de war auch der Mörder Tim angemeldet. Sein Profil wurde noch gestern gelöscht. Heute schreibt Kwick an seine Mitglieder: "Bitte tut uns den großen Gefallen zum Schutz der Familien, keine Daten wie Namen, Profilnamen oder Adressen des Täters oder der Opfer zu veröffentlichen und nehmt damit Rücksicht auf die Familien, Angehörige und Freunde. DANKE! PS: Bitte gebt hier keine Infos preis auch wenn ihr den Amokläufer oder Opfer gekannt habt. Hier sind massig Zeitungsredakteure unterwegs, die nach Informationen huschen und sich extra Pofile eingerichtet haben. Bleibt sachlich bei der Diskussion an sich."

Es ist längst nach 11 Uhr, Schüler strömen aus den Gebäuden, Bilder von gestern werden wach. Vor 24 Stunden waren hier Eltern, mitten auf der Straße, auf die Knie gegangen, haben gebetet. Die Straße, eine 30er Zone, war voll mit Polizei- und Krankenwagen. Hubschrauber kreisten. Bis tief in die Nacht waren die Wagen im Einsatz. Die Bürger haben es nicht verkraftet, sind überall zusammengebrochen.

Während gestern als Erstes die Schüler der Albertville-Realschule evakuiert wurden, teils in Bussen, teils gings in die Turnhalle, teils gab es eine Flucht zu Fuß zum nahen Freibad, dem Wunnebad, mussten alle anderen Schüler der umliegenden Schulen so lange in ihren Klassenräumen verbarrikadiert bleiben, bis der Täter außer Gefecht war. Auch Eltern durften nicht mal mehr in die Nähe der Schulen. Der gesamte Ort Winnenden wurde für den Verkehr gesperrt.

Die offizielle Bestätigung der Polizei, dass der Täter tot sei, kam nach 13 Uhr. Auch die umliegenden Grundschulen durfte zunächst kein Schüler verlassen. Hier konnten Eltern ihre Kinder persönlich abholen, sie wurden dann aus einer Liste gestrichen. Nachbarskinder durfte man nicht mitnehmen. So kam es, dass Kids, deren Eltern Lehrer oder Angestellte der psychiatrischen Klinik sind, erst am frühen Nachmittag nach Hause konnten, da ihre Eltern selbst gefangen waren und ihren Arbeitsplatz nicht verlassen durften.

Weil heute alle Schüler gleichzeitig Schluss haben, sind die eigenen Kinder nur schwer zu finden. Die Eltern umarmen ihre Kleinen, als hätten sie sie ewig nicht gesehen. Und wieder fließen Tränen. Tränen, die die vielen Kamerateams abermals einfangen. So wie gestern, als sich selbst spiegel.de nicht zu Schade dafür war, das Video "Eltern in Panik" zu zeigen. Und über das Video von CNN berichtet die "Winnender Zeitung" von heute: Wer den Bericht komplett anschaue, dem empfiehlt You Tube zusätzlich die "Amoklauf-Parodie". Bewertung 4,5 von 5 Sternen.


Autor:

Jochen Kalka, Chefredakteur
Jochen Kalka

ist jok. Und schon so lange Chefredakteur, dass er über fast jede Persönlichkeit der Branche eine Geschichte erzählen könnte. So drängt es ihn, stets selbst zu schreiben. Auf allen Kanälen.