"Spiegel" verteidigt Amok-Titel :
"Wir sind überzeugt, unserer Verantwortung nachgekommen zu sein"

Die "Spiegel"-Berichterstattung über die Morde in München zeigt, dass ausgerechnet das renommierteste Magazin der Republik nichts über angemessene Berichterstattung gelernt hat.

Text: Jochen Kalka

- 7 Kommentare

"Spiegel"-Chef Klaus Brinkbäumer verteidigt den Amok-Titel.
"Spiegel"-Chef Klaus Brinkbäumer verteidigt den Amok-Titel.

Peinliche Wahrheit aus Hamburg. Während sich Deutschlands Medien offen der Ethikdiskussion stellen und sich für die eine oder andere Berichterstattung über die letzten Terrorakte entschuldigen oder zumindest rechtfertigen, hält sich der "Spiegel" an keine Grenzen. Hier einige Beispiele aus der aktuellen Ausgabe:

Das Titelbild zeigt in heroischer Form einen Täter, der auf den Leser zielt – durch eine zerschossene Glasscheibe in Form einer Deutschlandkarte.

Amoktäter, auch aus Erfurt, Norwegen oder Winnenden, werden mit vollem Namen genannt.

Der Täter aus München wird großflächig als Opfer der Gesellschaft dargestellt, oftmals ohne Belege, ein Beispiel:

"Du Opfer" sagen sie auf dem Schulhof zu Kindern, die sich nicht wehren können.

Hier ist kein Bezug zum Täter gegeben.

Die Verherrlichung der Tat und der Waffe mit gruseliger Wortwahl; "Die Wahl fiel auf eine Glock 17, die gleiche Pistole, die ...(hier nennt der "Spiegel" zwei Täter mit vollem Namen) ... benutzt hatten. Mit der Glock können selbst ungeübte Schützen gut umgehen, weil sie wenig wiegt und sich der Abzug leicht bedienen lässt."

Die Tatwaffe wird auch optisch verherrlicht, mit einem riesigen Foto.

Der Zugang zum Darknet wird ausführlich beschrieben.

W&V hat bei "Spiegel"-Chefredakteur Klaus Brinkbäumer nachgefragt. Immerhin gibt es den Pressekodex, der in Ziffer 11 regelt, wie mit Sensationsberichterstattung umzugehen ist. Unter dem Begriff "Sensationsberichterstattung" formuliert der Presserat etwa den Umgang der Berichterstattung über Gewalttaten:

"Bei der Berichterstattung über Gewalttaten, auch angedrohte, wägt die Presse das Informationsinteresse der Öffentlichkeit gegen die Interessen der Opfer und Betroffenen sorgsam ab. Sie berichtet über diese Vorgänge unabhängig und authentisch, lässt sich aber dabei nicht zum Werkzeug von Verbrechern machen."

Es ist bekannt, ist der Münchner Täter von Norwegen und Winnenden inspiriert worden. Auch wissen wir, durch welche Faktoren Nachahmertaten entstehen. Dazu zählt u.a. die Heroisierung des Täters durch Titelbild, Namensnennung und Waffenbeschreibung. Medien haben also eine besondere Verantwortung.

Was sagt also "Spiegel"-Chefredakteur Klaus Brinkbäumer dazu? Zunächst einmal gar nichts.

Wir wollen beispielsweise von ihm wissen, was er mit dem aktuellen Cover bezwecken will und ob die Medienkritik an ihm vorbeigerauscht sei. Oder welche Konsequenzen er daraus ziehe.

Nach 5 Stunden und 33 Minuten teilt uns Kommunikationsabteilung des "Spiegel" mit:

"Ich hoffe, Sie haben Verständnis dafür, dass wir die von Ihnen geschickten Fragen, in denen Sie dem "Spiegel" Sensationsberichterstattung unterstellen, nicht einzeln beantworten möchten. Wir sind überzeugt, unserer Verantwortung angemessen nachgekommen zu sein."

Laut "Spiegel"  gab es "weder Leserreaktionen über die Social-Media-Kanäle am Wochenende, noch eine Beschwerde über den Presserat, noch eine Thematisierung unseres Heftkritikers heute Morgen in der Konferenz."


Autor:

Jochen Kalka, Chefredakteur
Jochen Kalka

ist jok. Und schon so lange Chefredakteur, dass er über fast jede Persönlichkeit der Branche eine Geschichte erzählen könnte. So drängt es ihn, stets selbst zu schreiben. Auf allen Kanälen.



7 Kommentare

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Anonymous User 28. September 2016

Ich habe mein Spiegel-Abo vor ca. 20 Jahren gekündigt. Anlass war ein Artikel des damaligen Chefredakteurs (wenn ich mich recht entsinne) zur so genannten "Sozial-Mafia". War mir zu tendenziös. Wie sich später herausstellte war der Artikel vorgeschaltete Propaganda. Was folgte war massive Hetze seitens der Qualitätsmedien und einschlägiger Politiker gegen so genannte Sozialschmarotzer die letztlich bei der Einführuung von Schröders neoliberaler "Agenda 2010" half, Einführung des ARGE-Faschismus, Lohndumping, Lockerung der Regelungen zur Leiharbeit u.s.w., einseitige Politik im Sinne der Besitzenden, die jetzt, mit Verzögerung auch noch den Euro crashed und Griechenland kolonialisiert hat. Seit damals habe ich nie wieder den Spiegel gekauft. Von der Kriegspropaganda, immer auf NATO-Linie, fange ich gar nicht erst an. Ich werde auch nicht anfangen, mich vor Moslems zu fürchten, nur weil das die aktuelle NATO-Doktrin ist. Der Absturz der Auflage ist sehr verdient.

Anonymous User 9. September 2016

Ach ja, der Spiegel - auch nicht das, was er einmal war ...

Anonymous User 3. August 2016

Spiegelein. Spiegelein an der Wand
wer ist der größte Büttel im eigenen Land.

Anonymous User 2. August 2016

Vielleicht sollte man an dieser Stelle noch ergänzen, dass der Verfasser des WUV-Artikels, Chefredakteur Jochen Kalka, als Einwohner von Winnenden bei diesem Thema besonders betroffen und sensibilisiert ist und sich seine dezidierte Position u. a. auch daraus erklärt. Herr Kalka hat auch ein Buch zum Thema "Amoklauf in Winnenden" geschrieben.

http://www.stefan-niggemeier.de/blog/4513/kurz-verlinkt-30/

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/sachbuch/jochen-kalka-winnenden-das-trauma-nach-den-toedlichen-schuessen-1612952.html

Anonymous User 2. August 2016

Lieber Kollege,

das ist nicht der Punkt. Natürlich kommst du auch ohne "Spiegel" und sogar ohne euch ins Darknet. Aber es ist Teil einer exzessiven Berichterstattung über jemanden, der gestern Nachahmer von Winnenden war und morgen Vorbild für den nächsten Amokschützen.

Viele Grüße,
Frank

Anonymous User 2. August 2016

Wenn es eine Sünde ist, dass der "Spiegel" den Zugang zum Darknet ausführlich beschreibt, dann haben wir uns dieser Sünde auch schuldig gemacht: http://www.internetworld.de/e-commerce/online-handel/waffen-drogen-geheimnisse-dark-commerce-im-darknet-1084855.html

(Die ursprüngliche Geschichte lief bei uns im Heft bereits im März 2016)

Das Darknet per se ist so illegal wie ein Prepaid-Handy. Es wird sogar von renommierten Medien als Schnittstelle für die Kommunikation mit Quellen genutzt, die anonym bleiben wollen/müssen. Und wer Pokemon Go ans Laufen kriegt, der kommt vermutlich auch ins Darknet.

Anonymous User 1. August 2016

Wunderbar! Diese Antwort der SPIEGEL-Kommunikationsabteilung bitte unbedingt als Muster an alle Behörden- und Wirtschaftspressestellen weiterleiten - falls mal wieder an einem Freitag-Mittag einer der berüchtigten kurzfristig zu beantwortenden Fragenkataloge der SPIEGEL-Redaktion aufschlägt...

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