Elektromobilität :
276.000 Vorbestellungen für Tesla "Model 3"

Mit diesem Andrang hatte Tesla offenbar nicht gerechnet. Innerhalb von drei Tagen gingen weltweit zigtausende Vorbestellungen für das neue Model 3 ein - dank der Anzahlungen erhält Tesla eine Finanzspritze von 270 Millionen Dollar. Nun muss das Unternehmen seine Produktionspläne überdenken. Und die Konkurrenz ihre Strategie. 

Text: Frauke Schobelt

Mit diesem Andrang hatte Tesla offenbar nicht gerechnet. In der Nacht zum 1. April präsentierte Firmenchef Elon Musk das neue "Model 3" - den ersten Wagen des Elektroauto-Spezialisten für den Massenmarkt. In den folgenden drei Tagen trudelten bei Tesla weltweit bereits 276.000 Vorbestellungen für das Modell ein, das deutlich erschwinglicher ist als seine Vorgänger. Diese Zahl gab Firmenchef Elon Musk am späten Sonntag via Twitter bekannt.

Das Interesse sei deutlich höher als erwartet und Tesla werde seine Produktionspläne überdenken müssen, erklärte Musk. Mit bisher anvisierten Kapazitäten bräuchte Tesla über drei Jahre, um dieses Volumen abzuarbeiten. Die Vorbestellungen bedeuten auch eine Finanzspritze von mehr als 270 Millionen Dollar für Tesla - denn die Interessenten müssen 1000 Dollar hinterlegen.

Das "Model 3" zum Preis ab 35.000 Dollar soll Ende 2017 auf den Markt kommen. In der Vergangenheit hat Tesla allerdings zuvor angekündigte Auslieferungstermine nicht einhalten können.

Ob Tesla auch nach dem Eintritt in den Massenmarkt an seiner Marketingstrategie festhält, bleibt abzuwarten. Das US-Unternehmen hält klassische Kampagnen für überflüssig, setzt stattdessen auf Social Media und seine Kunden. Warum Tesla auf klassische Werbung verzichtet und sie "hoffentlich niemals brauchen wird", erklärte Deutschland-Chef Philipp Schröder im Interview mit W&V-Videoblogger Mirko Kaminski am Rande des ADC Festivals in Hamburg. Der Run auf das Model 3 zeigt - es geht auch ohne. 

2015 schaffte es Tesla erstmals mit seinem Model S weltweit die Verkaufsliste der Elektroautos anzuführen. Zuvor war der Nissan Leaf aus Japan das meistverkaufte Modell. Mit dem Einstieg in den Massenmarkt wird Tesla auch für deutsche Autobauer zunehmend zur ernsthaften Konkurrenz - wenn das kalifornische Unternehmen die Produktion stemmen und seine Produktversprechen einhalten kann. Analysten glauben, dass Tesla das Zeug dazu hat, der Elektromobilität weltweit zum Durchbruch zu verhelfen.  

Dem Anspruch, auch mit E-Autos zum Leitmarkt zu werden, hinkt die deutsche Automobilbranche bisher hinterher. Denn die Kunden ziehen nicht mit. Laut den offiziellen Zahlen des Kraftfahrt-Bundesamtes wurden im vergangenen Jahr insgesamt 3,21 Millionen Autos in Deutschland neu zugelassen, mit einem Anteil von über 98 Prozent vor allem Autos mit Benzin- und Dieselmotor. Elektroautos machen gerade einmal 0,7 Prozent aus - hauptsächlich genutzt werden sie von Unternehmen und Behörden. Laut aktuellen Daten des Center of Automotive Management (CAM) stieg der Absatz von Elektroautos 2015 in Deutschland zum Vorjahr um 80 Prozent auf 23.500; davon sind rund 12.300 reine Elektrofahrzeuge.

Am häufigsten zugelassen wurde demnach der Kia Soul (rd. 3850 Zulassungen), wobei man laut "Zeit" rund 2000 Stück wieder aus der Statistik streichen kann, denn sie gingen danach direkt nach Norwegen. Somit führt eigentlich der BMW i3 (2250 Zulassungen) das deutsche Ranking an, gefolgt von Mitsubishi Outlander (2150), Volkswagen Golf GTE (2100), Audi A3 E-Tron (1850), Renault Zoe (1800) und Tesla Model S (1600).  

Weltweit ist China 2015 zum größten Absatzmarkt für Elektroautos aufgestiegen. Rund 188.000 Elektrofahrzeuge - Plug-In-Hybride und reine Elektrofahrzeuge - wurden dort 2015 neu zugelassen. Eine Verdreifachung gegenüber dem Vorjahr, auch dank staatlicher Anreize. Dabei dominieren vor allem heimische Marken, wie Marktführer BYD, Kooperationspartner von Daimler, oder Startups wie Kandi oder Zotye. Laut der CAM-Analyse kommt mit Tesla erst auf Rang 15 der Elektroauto-Zulassungsstatistik in China ein ausländischer Hersteller.  

Die Entwicklung der E-Mobilität kommt bislang nur in wenigen Ländern voran. Gemessen an den Marktanteilen von E-Autos liegen kleine Länder wie Norwegen und die Niederlande weit vorn, wo E-Autos laut CAM in 2015 bereits rund 23 bzw. 10 Prozent an den Neuwagenzulassungen ausmachen. Auch Schweden, Dänemark und die Schweiz liegen deutlich über dem Mittelwert von Westeuropa, den das CAM mit 1,4 Prozent angibt. Unter den großen traditionellen Automärkten liegen Frankreich und Großbritannien vorn, bei denen sich in 2015 die E-Auto Marktanteile auf 1,2 bzw. 1,1 Prozent der Neuzulassungen fast verdoppeln. Deutschland liegt wie die USA im globalen Mittelfeld mit rund 0,7 Prozent neu zugelassenerElektrofahrzeuge. Rückläufig verlief die Entwicklung in den USA und Japan.

Die Experten fordern deshalb für Deutschland eine größere staatliche Unterstützung beim Aufbau und Betrieb einer ausreichend dichten Schnelllade-Infrastruktur. Dafür fehle bisher das tragfähige Geschäftsmodell. "Wenn nicht massiv gegengesteuert wird, droht Deutschland bei der Elektromobilität abgehängt zu werden", warnt Studienleiter Stefan Bratzel, Professor für Automobilwirtschaft an der Fachhochschule der Wirtschaft (FHDW) in Bergisch Gladbach. "Dies würde dem Automobilstandort Deutschland schwer schaden." 

Auch die Automobilhersteller müssen mehr tun: "Die schleppende Kundennachfrage nach reinen Elektrofahrzeugen liegt wesentlich am Fehlen technologisch ausgereifter Modelle, die im komparativen Wettbewerbsvergleich mit Benzin- und Dieselfahrzeugen bestehen können. Insofern hat die Elektromobilität in erster Linie kein Nachfrageproblem, sondern ein Angebots- bzw. Innovationsproblem", fasst Studienleiter Bratzel die Ergebnisse einer weiteren CAM-Analyse zusammen. Sie vergleicht die Innovationen im Bereich Elektromobilität von über 30 globalen Herstellern im Zeitraum 2010 bis 2015. Insgesamt 211 Elektrofahrzeug-Innovationen gab es laut CAM in diesem Zeitraum, darunter 57 Serieninnovationen. Das heißt ein Großteil der Neuheiten machten serienferne Studien oder sogenannte "Me-Too"-Innovationen von Herstellern aus. Lediglich 27 Weltneuheiten zählte das CAM. Darunter ist etwa das Model S von Tesla, weltweit die erste als E-Auto entwickelte Limousine der Oberklasse mit Elektroantrieb mit einer Reichweite von rund 500 km. 

Mit Elektroinnovationen will künftig auch Volkswagen punkten. Der Konzern, schwer geschädigt von seiner Dieselaffäre, kündigte 2015 eine Elektro-Offensive an. 20 neue Elektromodelle will Volkswagenn bis 2020 auf den Markt bringen. Um vor allem dem Tesla Model 3 und den Chevrolet Bolt Paroli zu bieten, plant der Autohersteller Medienberichten zufolge das günstigste Elektroauto der Welt zu bauen

Der Start der Offensive in den USA verlief jedoch stottrig. Dort musste VW kürzlich alle E-Golfs zurückrufen  - wegen der Gefahr von Stromausfällen. 

fs mit dpa


Autor:

Frauke Schobelt, Ressortleiterin
Frauke Schobelt

ist Ressortleiterin im Online-Ressort und schreibt über alles Mögliche in den Kanälen Marketing und Agenturen. Sie hat ein Faible für Kampagnen, die „Kreation des Tages“ und die Nordsee. Und für den Kaffeeautomaten. Seit 2000 im Verlag W&V.