Youtube 2017:
Kriegt Youtube mit Red die Kurve?

Youtube ist zu einer Plattform für Selbstdarsteller geworden. Mit dem neuen Bezahlservice Youtube Red will die Google-Plattform zeigen, dass sie auch Netflix kann. W&V-Autor Moritz Meyer fragt: Kann das klappen?

Text: Moritz Meyer

Google will mit Youtube Red 2017 auch in Deutschland starten.
Google will mit Youtube Red 2017 auch in Deutschland starten.

Trash, Porno, Schleichwerbung: Youtube ist zu einer Plattform für Selbstdarsteller geworden, die selbst RTL II nicht ins Programm nehmen würde. Hochwertige und gut produzierte Inhalte sind zwar da. Doch die Massen erreicht man heute, in dem man in Fast Food badet oder illegal in Möbelhäuser eindringt. Mit dem neuen Bezahlservice Youtube Red will die Google-Plattform zeigen, dass sie auch Netflix kann. Ob das klappen kann?

Nicht alles auf Youtube ist Schrott

Vielleicht ist es erst mal Zeit für eine Ehrenrettung. Natürlich ist nicht alles Schrott auf Youtube. Da gibt es den Kanal Freekickerz, den größten Fußballkanal der Welt, produziert vom Kölner Netzwerk Athletia. Das Team um Konstantin "Konzi" Hert erreicht inzwischen fünf Millionen Abonnenten auf der ganzen Welt und kickt mit den ganz Großen. Die Freekickerz stehen in ihren Videos mit Leuten wie Weltmeister Mats Hummels oder Paradiesvogel Mario Balotelli auf dem Platz. Bei The Simple Club pauken hunderttausende deutsche Schüler mit Videos zu Naturwissenschaften, Geschichte, Geographie, Informatik und Wirtschaftswissenschaften fürs Abi. Die Webserie Zoo ohne Tiere, ersonnen vom Youtuber DeChangeman und gefördert von Endemol Beyond, ist eine wunderbar absurde Indie-Comedyserie über einen kauzigen Sonderling und seinen Kampf gegen den Alltag.

Es sind Formate wie diese, die Youtube trotz ungezählter Minecraft-, "10 Arten von"- und "Ich bade in Schleim"-Videos immer noch sehenswert machen. Nein, das "alte" Youtube ist nicht tot: Es gibt nach wie vor Künstler, die dort ihren Traum vom Filmemachen leben.

Ist Red das bessere Youtube?

Die Vorreiterrolle in Sachen Bewegtbild hat Youtube trotzdem schon lange verloren. Amazon Prime und Netflix haben gezeigt: Das neue Online-Fernsehen sieht aus wie Hollywood. Und nicht wie ein schlecht ausgeleuchtetes Wohnzimmer mit ein paar Kerzen in einem Billyregal. Nun soll Youtube Red Netflix & Co. Paroli bieten. Für 2017 wird der Deutschland-Start des Bezahlservices erwartet. Die ersten Zahlen geben zwar wenig Anlass zur Hoffnung, dass Red das bessere Youtube ist. Trotzdem ist der Dienst wichtig. Die Plattform braucht einen Qualitätsschub.

Der massenhafte Billig-Content hat die Werbepreise in den Keller rauschen lassen. Die Multi-Channel-Networks haben sich zu Marktplätzen für Influencer entwickelt, die überwiegend kampagnenbasiert arbeiten. Die Produktion richtet sich entweder nach Großereignissen wie Gamescom, Fashion Weeks und Musikfestivals oder den Produktionskalendern der großen Marken. Unabhängige und langfristige Formate werden kaum noch entwickelt. Youtube Red soll das nun ändern.

Die dritte Evolutionsstufe in Sachen Professionalisierung

Der Bezahlservice ist nach dem Partnerprogramm und der "Original-Channel-Initiative" die überfällige dritte Evolutionsstufe der Plattform in Sachen Professionalisierung. Ersteres machte Youtube überhaupt erst zu einem Geschäftsmodell für Videomacher, die von nun an an den Werbeeinnahmen der Plattform beteiligt wurden. Die "Original Channels" brachten dann weltweit große Produzenten und Künstler auf die Plattform, in Deutschland Unternehmen wie Endemol und UFA. Gleichzeitig bekamen aufstrebende Multichannel-Networks wie Mediakraft die Chance, eigene Formate zu entwickeln. Obwohl viele der damals gestarteten Kanäle inzwischen tot sind und Google die investierten Millionen nie wieder sah, war die Initiative ein Erfolg. Die Produktionsqualität auf Youtube stieg dadurch immens an.

9,99 Dollar für ein werbefreies Youtube

Vier Jahre später soll Youtube Red nun einen ähnlichen Effekt bringen. In den USA läuft das Programm bereits. Für 9,99 Dollar im Monat bekommen die Nutzer ein komplett werbefreies Youtube und können Videos unterwegs auch offline gucken. Obendrauf gibt es exklusive "Red Originals". Das sind, ganz nach dem Vorbild von Netflix, eigens für Red produzierte Filme und Serien, die die Zuschauer nur dort sehen können. So produzierte der erfolgreichste Youtuber der Welt, Felix Kjellberg alias PewDiePie, im Auftrag von Youtube die Serie "Scare PewDiePie". Auch andere bekannte Youtuber wie die "Fine Bros" oder die Viralseite "College Humor" haben für Youtube Red eigene Formate entwickelt.

Im kommenden Jahr soll Red in Deutschland starten. Exklusive deutsche Formate sind bereits in Arbeit. Offiziell nennt Youtube noch keine Namen. Doch schaut man auf das US-Vorbild, kann man davon ausgehen, dass Produzenten vom Format Y-Titty, LeFloid oder BullshitTV dabei sein werden. Was auch immer dabei rauskommt: Die Inhalte dürften (und müssen) um einiges hochwertiger sein, als das, was im Moment auf der Startseite landet. Banale Lifehacks, unlustige "Pranks" und DM-Hauls wird man auf Youtube-Red nicht finden. Die Euphorie um das neue Bezahl-Youtube hält sich dennoch in Grenzen.

Die entscheidende Frage: Sind Youtube-Zuschauer bereit zu zahlen?

Szenekenner Robin Blase, auf Youtube bekannt als Rob Bubble, ist skeptisch, ob die jungen Zuschauer mit ihren Stars von einem Gratis- zu einem Bezahl-Youtube mitgehen werden: "Das ist letztlich eine Zielgruppe ohne Zugang zu einer Kreditkarte. Anders als bei Netflix ist die Zahlungsbereitschaft der Youtube-Zuschauer nicht sehr groß." Die bisherigen Erfahrungen mit Youtube Red scheinen diese These zu stützen. Bis jetzt gibt es den Dienst in den USA, Australien, Neuseeland, Mexiko und Südkorea. Zusammen kommen diese Länder auf etwa 250 Millionen Youtube-Nutzer. Von denen haben bis jetzt nur 1,5 Millionen ein Abo bei Red abgeschlossen. Auch wenn Google sich offiziell anders äußert: Diese Zahlen können nicht wirklich den Erwartungen entsprechen. Und lassen für den traditionell erst Recht zahlungsunwilligen deutschen Markt nichts Gutes erwarten.

In Sachen "Qualität" setzt Blase größere Hoffnungen auf Funk, das neue Online-Angebot der Öffentlich-Rechtlichen: "Die 45 Millionen Euro, die Funk zur Verfügung stehen, sind wahrscheinlich mehr als alle Netzwerke und TV-Sender zusammen in den vergangenen Jahren in Bewegtbild-Inhalte im Netz investiert haben." Seine Einschätzung basiert auf den Erfahrungen, die er mit Formaten von Mediakraft und Studio 71 vor und hinter der Kamera gemacht hat. Aktuell steht er regelmäßig mit den Youtube-Kollegen LeFloid und Frodoapparat für das Funk-Format “1080Nerdscope” vor der Kamera.

So oder so: Sowohl Funk als auch Youtube Red schaffen neue Möglichkeiten für Produzenten, Formate zu entwickeln, die nicht Youtubes auf Clickbait ausgerichteten Algorithmus füttern müssen. Die Hoffnung ist da, dass im kommenden Jahr nicht ausschließlich Hausfriedensbrüche in Schnellrestaurants, mit Schleim gefüllte Badewannen und Amateur-Softpornos die Trends der Plattform bestimmen. 


Autor: Moritz Meyer

Moritz Meyer (Jg. 1981) schreibt hauptsächlich über Online-Video und den digitalen Wandel. Er war schon so häufig im Internet, dass er aus Versehen mal in einem Video von Y-Titty gelandet ist. Wenn er nicht auf Burgen lebt, trifft man ihn meist in Köln. Fun Fact: Liest immer noch Comics von den Teenage Mutant Ninja Turtles.


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