Also doch ein Berlin-Hype?

Nicht nur. Wenn man sich die nüchternen Zahlen ansieht, dann hat Berlin in den letzten Jahren sicherlich einen Aufwind erlebt. Hinzu kommt aber auch ein großes mediales Interesse. Ich bin gespannt, wie nachhaltig das alles sein wird. Die mediale Aufmerksamkeit ist ja auch immer geprägt durch die Ausrichtung der Start-ups. Über ein Consumer-Produkt, das der Leser am nächsten Morgen schon verwenden kann, berichtet es sich viel leichter als über eine komplexe Business-to-Business-Software, die man einem Facheinkäufer bei BMW verkaufen will. Das ist schwer darzustellen, weil es viele Menschen gar nicht verstehen. Noch extremer ist dies beispielsweise im Bio-Tech-Bereich. Da haben selbst Business-Experten mitunter Probleme, die Bedeutung eines Produkts zu erkennen.

Und in München?

Hier sehen wir eine Konstanz, was die Zahl der Gründungen in den letzten zehn Jahren angeht. Eine Konstante wird medial allerdings nicht wahrgenommen. Zumal der Schwerpunkt der Start-ups hier sehr technologisch geprägt ist. Viele Start-ups sind im industriellen Business-to-Business-Umfeld aktiv. Es ist insofern nichts falsch gelaufen. Es ist hier anders gelaufen. Es wäre auch unsinnig, mit Berlin in den Wettbewerb zu treten und zu versuchen, die gleiche Szene, die sich dort in der speziellen Berliner Atmosphäre entwickelt hat, hier zu kopieren.  

Welche Rolle spielt Evobis für die Start-up-Ansiedlung in München?

Wir sehen uns als Fördereinrichtung innovativer, primär Technologie-orientierter Start-ups, die mit einer unternehmerischen Ambition in Südbayern an den Start gehen. Wir verstehen uns also als Unterstützer in einer frühen Phase – bei der ersten Konzeption der Geschäftsidee, der Businessplan-Erstellung bis hin zur ersten oder zweiten Finanzierungsrunde.

Und wie funktioniert das?

Es gibt drei Kernaktivitäten: den Businessplan-Wettbewerb, das Finanzierungsnetzwerk und das Coaching.

Wie sieht das konkret aus? Wie läuft beispielsweise der Businessplan-Wettbewerb ab?

Im Fokus steht hier primär ein Feedback für die Start-ups, die einen Businessplan einreichen. Es geht weniger darum, einen Sieger auf die Bühne zu stellen – das machen wir zwar auch – sondern vielmehr darum, dass alle Teilnehmer über das Feedback, das sie von unseren Juroren bekommen, ihren Businessplan über drei Wettbewerbs-Stufen weiterentwickeln. 

Wer sind diese Juroren?

Wir haben circa 150 ehrenamtliche Juroren, vom Abteilungsleiter aus der Industrie über den Banker und Consultant bis zum Steuerberater. Also sehr unterschiedliche Know-how-Profile. Diese Juroren analysieren die Business-Pläne, beurteilen sie, geben eine Note, die wir nutzen, um ein Ranking zu erstellen. Wichtiger ist aber, dass jeder Teilnehmer ein qualifiziertes Feedback erhält, also auch der Letztplatzierte. Die Besten in jeder Wettbewerbs-Stufe werden prämiert und kommen mit der entsprechenden Öffentlichkeitswirkung auf die Bühne. Egal ob Sieger oder nicht, jeder Teilnehmer kann seinen Businessplan überarbeiten und erneut abgeben.

Und parallel dazu läuft das Coaching?

Genau. Hier geht es darum, wie man einen Businessplan erstellt, der für Investoren interessant sein könnte. Das beginnt mit der Produktdarstellung, geht über das Marketing bis hin zur Vertriebskonzeption und dem kompletten Finanzplan. 

Das alles ist für die Wettbewerbs-Teilnehmer kostenlos?

Ja, allerdings richten sich unsere Angebote ausschließlich an Teilnehmer aus Südbayern. Alle unsere Aktivitäten, auch die Vermittlung von Investoren, ist kostenfrei. Wir verlangen lediglich Gebühren für einige weiterführende Workshops, die wir neben unseren kostenlosen Grundlagen-Seminaren anbieten. Bei diesen Workshops arbeiten wir mit externen, professionellen Referenten zusammen. Hier geht es um spezielle Themen wie etwa "Wie sieht ein Beteiligungsvertrag aus?" oder "Welche Verantwortung habe ich als GmbH-Geschäftsführer?". Der Preis für ein Halbtagesseminar liegt aber bei nur 95 Euro, für Wettbewerbsteilnehmer reduziert sich das auf 50 Euro. 

Evobis ist eine GmbH. Wie wollen Sie da Gewinn erwirtschaften?

Wir sind nicht gewinnorientiert. Formal sind wir eine GmbH mit einer Eigentümerstruktur, die eine gewisse Neutralität gewährleistet. Gesellschafter sind unter anderem die vier Hochschulen in München, die Stadt München, die IHK und die LfA Förderbank Bayern. Finanziert werden wir über private Sponsoren. Das sind Institutionen wie die HypoVereinsbank, die LfA Förderbank Bayern, Bayern Kapital, BayBG sowie z.B. verschiedene Steuerberatungskanzleien und Wirtschaftsprüfer, also Institutionen, die ein Interesse haben, sehr früh mit Start-ups in Kontakt zu kommen. Die andere Hälfte der Finanzierung kommt vom Bayerischen Wirtschaftsministerium.   

Zurück zu Ihren Aktivitäten. Der dritte Bereich neben dem Businessplan-Wettbewerb und dem Coaching ist das Finanzierungsnetzwerk. Wer gehört zu diesem Netzwerk?

Das sind einmal öffentliche Investoren wie die KfW, der High-Tech-Gründerfonds oder Bayern Kapital, dann institutionelle Venture-Capital-Gesellschaften, aber auch der wachsende Bereich der Business Angels. Insgesamt ist das inzwischen ein Netzwerk von etwa 120 Personen. Damit sind wir schon das größte Netzwerk in Deutschland.  

Und wie bringen Sie Gründer und Investoren zusammen?

Wir kennen einerseits natürlich die Investoren sehr gut, d.h. deren Investitions-Präferenzen. Auf der anderen Seite begleiten wir die Start-ups über das Feedback auf ihre Business-Pläne, sodass wir die Start-ups, die wir für finanzierungsreif halten, den Investoren vorstellen. Beispielsweise durch eine direkte Vorstellung, indem wir potenziellen Investoren ein Kurzprofil schicken. Oder über nicht-öffentliche Veranstaltungen, etwa Business-Angel-Treffen. Wir stehen dabei neutral in der Mitte. Wir machen die Start-ups fit, aber die Investitions-Entscheidung trifft der Investor ganz allein. Wir sind der Matchmaker.   

Um nochmals auf die Unterschiede zwischen Berlin und München zurückzukommen: Würden Sie sagen, dass bei den Start-ups der B-to-B-Bereich in München stärker ausgeprägt ist als der B-to-C-Bereich?

Auf jeden Fall. Das ist auch historisch geprägt. Hier in München, in Bayern, in Süddeutschland generell, haben wir ein Umfeld, in dem B-to-B-Start-ups viel mehr Kunden finden. In Berlin, in einer deutlich größeren Stadt, findet man dagegen ein größeres Consumer-Umfeld, das durch die Internationalisierung der Stadt auch außerordentlich vielfältig ist. Da hat man eine ganz andere Spielfläche, eine "Ausprobierfläche" im Endkonsumenten-Bereich.  

Wenn Sie für München als Standort trommeln müssten, was wären die entscheidenden Argumente?

München hat ein sehr gutes Umfeld an Investoren. Und wichtig ist die Kundennähe im B-to-B-Bereich. Das ist eine entscheidende Stärke. Außerdem: Qualifizierte Ausbildung, Hochschulen gibt es reichlich. Die Verfügbarkeit von Arbeitskräften ist ähnlich gut wie in Berlin. Was München nicht kann, ist eine günstige Kostenposition anzubieten. Damit sage ich aber nichts Neues. Wenn jemand allerdings einen vernünftigen Businessplan hat, bei dem es ohnehin um eine Umsatzplanung im Millionenbereich geht, dann sollte dies keine Rolle spielen. Klar ist allerdings: In München findet man nicht die kostengünstigen Mitarbeiter, die man – noch – in Berlin findet. Zusammengefasst, München ist der ideale Startplatz für Business-to-Business-Start-ups.



Franz Scheele
Autor: Franz Scheele

Schreibt als freier Autor für W&V Online. Unverbesserlich anglo- und amerikanophil interessieren ihn besonders die aktuellen und langfristigen Entwicklungen in den Medien- und Digitalmärkten Großbritanniens und der Vereinigten Staaten.