Aber gerade dies ist doch eine entscheidende Phase für ein Start-up. Es ist der Zeitpunkt, zu dem meist der Produkt-Launch, die Skalierung erfolgen soll. Und auch für die Investoren, die in der Seed-Phase Geld zur Verfügung gestellt haben, ist diese Situation außerordentlich kritisch.

Ganz genau. Allerdings sehen wir derzeit, speziell was die Portfolio-Unternehmen des High-Tech Gründerfonds betrifft, keine Serie-A-Krise. Wir sehen eher eine Serie-C-Krise. Eine Krise nämlich zu dem Zeitpunkt, wenn sich Start-ups bereits stabilisiert haben und sehr große Finanzierungsrunden brauchen. 

Weshalb gibt es gerade bei Ihnen keine Serie-A-Krise?

Wir stellen derzeit eine Veränderung der Finanzierungslandschaft fest. Die A-Runden haben sich in der Struktur deutlich verändert. Wir beobachten sehr genau, in welcher Weise die Start-ups, die wir anfinanzieren, eine weitere Finanzierungsrunde einwerben können. Das ist natürlich, wie Sie eben sagten, zentral für unser Geschäftsmodell. Die rund 350 Unternehmen, die wir seit 2005 begleitet haben, haben inzwischen etwa 650 Millionen Euro aus Drittquellen eingesammelt. Allein im Jahr 2013 waren es rund 170 Millionen Euro.

Von wem?

Ja, da muss man eben differenzieren. Denn die Bedeutung der inländischen Venture-Capital-Investoren nimmt ab. Ihr Anteil an den Anschlussfinanzierungen ist im vergangenen Jahr an den von uns unterstützten Start-ups auf 12,3 Prozent gesunken. 2011 waren es noch 28 Prozent, 2008 sogar 40 Prozent. 

Wie ist das zu erklären?

Weil das Fundraising der klassischen Venture-Capital-Unternehmen nicht mehr so gut funktioniert.

Und wer springt dafür in die Bresche?

Das ist sehr interessant. 2013 kam der größte Teil tatsächlich von ausländischen Venture-Capital-Gesellschaften, die zum Beispiel in die Berliner Szene investierten. Und genauso bemerkenswert: An zweiter Stelle kommen mit etwa 23 Prozent, das sind immerhin 41,5 Millionen Euro, unternehmerische Privatinvestoren, also Business Angels. An dritter Stelle folgen dann die Corporate Ventures. 2013 waren es immerhin 25 Millionen Euro, die in die von uns unterstützten Start-ups geflossen sind. Die inländischen Venture-Capital-Gesellschaften stehen erst an vierter Stelle mit 23 Millionen Euro. Die Botschaft ist also: Wir sehen keine A-Krise, aber die Finanzierungsstruktur hat sich sehr stark verändert.    

Wie eng arbeiten Sie eigentlich mit anderen Venture-Capital-Firmen oder Corporate Ventures zusammen?

Ausgesprochen eng. Viele dieser Firmen wollen nicht unbedingt in die Seed-Phase hinein. Deshalb bereiten wir die Start-ups für die Venture-Capital-Investoren vor. Eine zentrale Mission von uns ist ja, die schwierige Seed-Phase zu überbrücken und "Venture-Capital-Readiness" zu schaffen.

Sie gehen also aktiv auf Venture-Capital-Unternehmen zu, damit die in von Ihnen unterstützte Start-ups investieren?

Ja, und zwar im In- und Ausland. Dafür haben wir drei Plattformen aufgebaut. Eine für unternehmerische Privatinvestoren, ein Netzwerk von über 200 Business Angels, mit denen unsere Start-up-Gründer in Kontakt treten können. Zweitens veranstalten wir einmal im Jahr eine High-Tech-Partnering-Konferenz, zu der wir die Corporate-Venture-Unternehmen einladen, um ausgewählte Start-ups aus unserem Portfolio zu präsentieren. Und drittens gibt es einmal im Jahr eine große Veranstaltung, bei der wir das gesamte Portfolio zusammenbringen und die Venture-Capital-Industrie dazu holen. Das ist inzwischen die größte Veranstaltung im Gründungsbereich für High-Tech Unternehmen in Deutschland. 

Wenn Sie andere VC-Unternehmen bei einem Start-up aus Ihrem Portfolio an Bord holen, wie sieht dann die Rolle des High-Tech Gründerfonds aus? Wollen Sie den Lead übernehmen?

Da sind wir entspannt. In der Seed-Phase sind wir oft der Lead-Investor. Wenn in der A-Runde ein Venture-Capital-Geber investiert, sind wir bereit, die Lead-Aufgabe an ihn abzugeben. Da sind wir sogar dankbar, weil wir inzwischen sehr viele Start-ups in unserem Portfolio haben und eine vergleichsweise kleine Mannschaft sind. Aber in vielen Fällen bleibt für uns die Rolle, dass wir Kontakte herstellen oder Experten vermitteln. 

Welche Rolle spielt die Tatsache, dass ein Großteil Ihres Fonds aus staatlichen Quellen stammt?

Der entscheidende Punkt ist, dass wir in der Lage sind, in die riskante Seed-Phase zu investieren. Das ist letztendlich unser Auftrag: Wir schieben diesen wichtigen Markt der Seed-Finanzierung in Deutschland an und ermöglichen vielen High-Tech-Unternehmen den Start. Das wäre sicherlich nicht so, wenn wir nur Privatinvestoren im Fonds hätten. Dann würde man eher ausgereiftere Unternehmen finanzieren, denn die sind besser beurteilbar.

Wie weit sind Sie in die Business-Entscheidungen der Start-ups in Ihrem Portfolio eingebunden?

Grundsätzlich sind wir der Ansicht, dass ein Unternehmer sein Unternehmen selbst führen muss. Wir investieren in die Person, und der Unternehmer ist im operativen Bereich für die Geschäfte selbst verantwortlich. Er sollte sich das Zepter auch nicht aus der Hand nehmen lassen. Wenn die Start-ups allerdings Unterstützung benötigen, bieten wir die gerne an.

Von welchen Strategien lassen Sie sich bei Ihren Investitionen leiten?

Wir schauen uns jedes einzelne Projekt genau an, lassen uns dabei aber nicht von übergeordneten Strategien leiten. Die Verteilung auf die verschiedenen Technologie-Felder ist ausreichend diversifiziert, allerdings nicht top-down gesteuert, sondern sie ergibt sich aus der Technologie-Landschaft in Deutschland. Unser Portfolio stellt sozusagen ein Spiegelbild dieser Landschaft dar. Wenn es bestimmte Trends gibt, investieren wir natürlich auch dort. Aber letztlich, weil es Gründer gibt, die diese Trends erkennen. Und wir investieren sowohl im B-to-C- als auch im B-to-B-Bereich.  

In der Seed-Phase können Gründer oftmals nicht sehr viel mehr vorweisen als ihre Business-Idee. Wie evaluieren Sie, ob gerade diese Gründer das Projekt auch unternehmerisch umsetzen können?

Am Ende ist es der persönliche Eindruck. Wir laden die Gründer ein, lernen sie kennen, arbeiten mit ihnen und gewinnen einen Eindruck, ob sie es schaffen können oder nicht. In der Tat kommt es vor, dass das Management-Team auseinandergeht, sich zerstreitet oder das Ziel nicht annähernd erreicht. Dann sind wir aber auch bereit zu helfen, etwa indem wir das Management durch Berater oder qualifizierte Manager ergänzen. 

Wie viele Mitarbeiter des High-Tech Gründerfonds sind denn in die Entscheidung über ein Investment eingebunden?

Intern haben wir immer einen erfahrenen Projektleiter und einen Investment-Manager auf jedem Projekt. Wir haben drei Investment-Teams: Eines beschäftigt sich mit Hardware-, eines mit Life Science- und eines mit Internet-Software-Themen. Darüber hinaus sind weitere Expertengruppen in die Entscheidungsfindung eingebunden. Etwa 30 bis 40 Prozent der Projekte bekommen wir über Network-Partner, zum Beispiel Consultants oder Leute aus Technologie-Transferstellen wie Max-Planck-Innovation, die auf interessante Start-ups stoßen. Zudem holen wir externe Technologie- und Marktgutachten ein, etwa von Fachhochschul-Professoren, Fraunhofer-Gesellschaften oder anderen Experten, die eine dezidierte Einschätzung abgeben können. 

Und wer trifft letztendlich die Entscheidung?

Dafür haben wir drei Investitions-Komitees, in denen wiederum ausgewiesene Experten sitzen, die von den Investoren in die Komitees entsandt werden. Das entscheidende Gewicht hat hier natürlich das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie. Aber die sind klug genug und schicken keine eigenen Ministerialbeamten in diese Gremien, sondern unabhängige Experten. In jedem dieser drei Komitees sitzt ein Unternehmer, der selbst über Venture-Capital-Erfahrung verfügt, zudem ein Venture-Capital-Experte, der schon selbst investiert hat, sowie ein Professor, der bereits Ausgründungen begleitet hat. So versuchen wir die Qualität der Start-ups zu sichern. Durch diesen Prozess muss jeder Gründer durch.

Wie lange dauert dieser Prozess?

Vom Erstkontakt bis zur endgültigen Entscheidung in der Regel drei Monate.

Die deutsche Start-up-Szene hat sich in den vergangenen zwei, drei Jahren rasant entwickelt. Was sind für Sie die auffälligsten Veränderungen?

Bemerkenswert ist vor allem der Kulturwandel. Heute ist es für viele, sehr qualifizierte junge Leute hip, in die Start-up-Szene hineinzugehen. Das ist eine große Chance, und die vielleicht größte und wichtigste Veränderung, die wir in den vergangenen Jahren erleben durften. Dadurch haben wir Top-Leute in den Start-ups. Auch Leute, die aus Großkonzernen kommen und sagen, dass sie sich dort nicht richtig entfalten können und nun etwas Eigenes unternehmerisch entwickeln wollen. Die Qualität der Gründungs-Manager hat sich außerdem entscheidend verbessert und damit zusammenhängend die Konzepte, die ausgearbeitet werden. 

Woher kommt das?

Wir haben viele Entrepreneurship-Lehrstühle an den Hochschulen, es gibt dort hervorragende Förderprogramme wie das Exist-Programm, um jungen Gründern die Chance zu geben, ihren Businessplan gründlich auszuarbeiten und die Gründung gut zu durchdenken. Es gibt viel Unterstützung durch Coaching-Angebote. Hier hat sich sehr viel positiv entwickelt.  

Was ist für Sie persönlich das Faszinierende an Ihrer Arbeit beim High-Tech-Gründerfonds?

Wir haben eine großartige, privilegierte Aufgabe, weil wir ständig mit neuen Themen konfrontiert werden. Und natürlich mit den unterschiedlichsten Gründerpersönlichkeiten. Am meisten Spaß macht es aber, wenn etablierte Leute sagen, irgendein Projekt sei doch überhaupt nicht machbar. Und dann geht es eben doch. Das ist immer wieder faszinierend.

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Franz Scheele
Autor: Franz Scheele

Schreibt als freier Autor für W&V Online. Unverbesserlich anglo- und amerikanophil interessieren ihn besonders die aktuellen und langfristigen Entwicklungen in den Medien- und Digitalmärkten Großbritanniens und der Vereinigten Staaten.