Was können deutsche Start-ups immer noch von den USA lernen?

Wenn man sich die spannenden Start-ups in Deutschland oder Europa anschaut, dann haben die nicht wirklich einen Rückstand gegenüber amerikanischen Firmen. Im Early-Stage-Bereich sind die Amerikaner aber immer noch ein wenig schneller. In Deutschland wird noch nicht in vier Wochen ein Produkt kreiert, das dann gleich im Freundeskreis ausprobiert wird. Das dauert hier noch etwas zu lange. Aber die schon gewachsenen Firmen brauchen sich hinter den Amerikanern nicht zu verstecken.  

Wo steht die deutsche Digitalbranche Anfang 2014?

Man müsste erst mal definieren, was man alles zur Digitalbranche zählen will. Ich bin der Meinung, dass inzwischen alles etwas handfester wird, dass Digitalisierung häufig schon im Start-up-Kontext begriffen wird. "Wie digitalisiert man als Konzern?", heißt jetzt die Frage. Indem man beispielsweise in Start-ups investiert, Start-ups kauft. Es ist nicht mehr dieses klischeehafte "jung versus alt". Wenn man sich anschaut, was gerade in Berlin rund um die Axel Springer SE geschieht, dann ist das beeindruckend. Die haben in einem Jahr einen Accelerator gestartet, einen Inkubator gelauncht, in mehrere Start-ups investiert.  

War das einer der wesentlichen Trends des vergangenen Jahres: dass Traditionsunternehmen verstärkt über ihre Venture-Töchter in Start-ups investiert haben?

Dadurch ist auf jeden Fall mehr Kapital in den Markt gekommen. Generell werden damit mehr Ressourcen für Start-ups erschließbar. Und es hat die Start-up-Szene um eine wichtige Facette bereichert. Es gibt einige Corporate-Venture-Firmen, die ihre Sache sehr gut machen. Man muss sich allerdings klar darüber werden, wie viel Arbeit darin steckt, den eigenen Konzern an einen Punkt zu bringen, an dem man sich kulturell und auch formell für Start-ups öffnen kann. Ich denke, diese Entwicklung ist noch nicht abgeschlossen. Und ich bin gespannt, wie hoch die Qualität sein wird – auch der Start-ups –, die aus solchen Corporate Accelerators hervorgehen.  

Sorgt diese Entwicklung dafür, dass jetzt vermehrt in B-to-B-Start-ups investiert wird?

B-to-B-Start-ups können deutlich berechenbarer auf existierende Kundenbeziehungen der Corporates zurückgreifen. Aber ich sehe derzeit keinen totalen B-to-B-Fokus. Ich denke eher, dass der B2B-Bereich bis etwa vorletztes Jahr vernachlässigt worden war und jetzt etwas aufholt, vielleicht auch aufgrund einer Reihe amerikanischer Vorbilder.

Müssen Gründer von B-to-B-Start-ups nicht deutlich mehr Erfahrung mitbringen als etwa die zahlreichen App-Entwickler im Lifestyle-Bereich?

Ja, es ist eine Herausforderung. So ist es zum Beispiel schwierig, für ein B-to-B-Start-up ein professionelles, erfahrenes Business-Development-Team aufzubauen. Wie kann man erfahrene Mittfünfziger-Business-Leute davon überzeugen, dass sie ihren gut bezahlten Job aufgeben, um für ein Start-up zu arbeiten? Bei B-to-B-Start-ups geht es generell weniger um eine Wette, während bei B-to-C-Start-ups immer ein Stück weit die Wette dabei ist, dass ihr Produkt das "next big thing" ist, das die Leute ihnen das Produkt aus den Händen reißen. Bei B-to-B-Start-ups kann man das klarer abstecken, den Bedarf aus einer Marktanalyse ableiten.

Wie schätzen Sie die derzeitige Finanzierungs-Situation für Start-ups ein? Gibt es noch immer eine Serie-A-Krise?

Die Situation verbessert sich etwas, die Serie-A-Krise ist aber weiterhin spürbar. Von einer wirklichen Lösung sind wir noch ein gutes Stück weit entfernt. Deshalb versuchen wir weiterhin, US-Investoren, ob Business Angels oder Venture Capitalists, nach Europa zu locken. Das ist allerdings ein langer Prozess, aber er fängt an, Früchte zu tragen. Und glücklicherweise gibt es einige Firmen, die mit entsprechender Signalwirkung Investoren angelockt haben.

Auch die Politik beginnt, sich stärker für die Start-up-Szene zu interessieren. Was erhoffen Sie sich von der neuen Bundesregierung?

Grundsätzlich geht es erst einmal darum, dass sich die Situation nicht verschlechtert, dass der Start-up-Szene keine Steine in den Weg geworfen werden.

Das ist reichlich defensiv formuliert.

Es gibt ja immer bestimmte Streitthemen, wie etwa die Besteuerung von Streubesitz, ein Thema, das große Gefahren für Investitionen von Business Angels und Venture Capitalists heraufbeschworen hatte. Das wurde von der Start-up-Szene vehement bekämpft. Insgesamt bin ich aber relativ optimistisch, denn die Politik setzt sich mit diesen Themen verstärkt auseinander. Das hängt nicht nur mit Reisen ins Silicon Valley zusammen, sondern auch mit Gesprächsrunden und Arbeitsgruppen hier vor Ort. Es wäre wichtig, dass sich die Politik mit den tagtäglichen Problemen der Start-ups auseinandersetzt.

Was könnten Politiker konkret tun?

Ich fände es spannend, wenn die Politik deutlicher als Brückenbauer in die alten deutschen Industrien tätig werden würde. Davon könnte ein Impuls für die deutsche Industrie ausgehen.

Sie sprechen von Start-ups im Hardware-Bereich?

Ja. Wir sehen einen klaren Trend zu Hardware. Über die Start-up-Competitions, über die vielen Bewerbungen, die wir erhalten haben, haben wir rein quantitativ gesehen, dass sich in diesem Bereich etwas tut. Wir haben ja im vergangenen Jahr den Berlin Hardware Accelerator mitgegründet als eine Art Non-Profit-Hub für deutsche Hardware-Start-ups. Es ist ein Bereich mit großem Potenzial, vor allem in Hinblick auf die traditionelle deutsche Industrie. Und speziell für die deutsche Start-up-Szene. Etwa im Connected-Device-Bereich, in der Autoindustrie, auch im Telekommunikations-Bereich. Ich glaube, dass die Start-ups, die im November im Berlin Hardware Accelerator waren, dafür ein guter Indikator sind.

Wie sehen Ihre Pläne für 2014 aus?

Unsere Planungen gehen immer nur über ein gutes halbes Jahr. Unser erster Event findet am 18. Und 19. Januar statt. Auf hy! demo bringen wir Europas zehn erfolgreichste Accelerator-Programme zu einem ersten gemeinsamen Demo Day zusammen, auf dem sie ihre drei Favoriten aus dem eigenen Programm vorstellen können. Am nächsten Tag findet hy! 150 statt, ein kuratierter Event auf dem herausragende Unternehmer aus ganz Europa zusammenkommen. Der folgende Event wird sich dann konkret um das Thema Digitalisierung anhand von Start-ups drehen, das heißt um die Herausforderungen der deutschen Großwirtschaft im digitalen Zeitalter.



Franz Scheele
Autor: Franz Scheele

Schreibt als freier Autor für W&V Online. Unverbesserlich anglo- und amerikanophil interessieren ihn besonders die aktuellen und langfristigen Entwicklungen in den Medien- und Digitalmärkten Großbritanniens und der Vereinigten Staaten.