Rädeker Der ADC ist ein Club der kreativen Elite. Bei uns sind 550 Alphatierchen an Bord. Dass es da hin und wieder Auseinandersetzungen gibt, ist ganz normal.

W&V Vor allem, wenn die Mitglieder von wichtigen Entscheidungen erst aus der Presse erfahren.

Rädeker Die Art und Weise, wie wir intern kommuniziert haben, war sicher nicht immer gut. Darüber müssen wir reden.

W&V Kaum ist Amir Kassaei weg, agiert der Club kopflos.

Rädeker Das ist nicht der Fall. Wir führen eine inhaltliche Debatte, wie wir, die Kommunikationsbranche, uns in einer von der Krise durchgeschüttelten Welt aufstellen. Und das ist auch gut so. Die Antwort darauf geben wir u.a. mit dem Plan, Fachsektionen zu gründen, die dann auch im Vorstand vertreten sind.

W&V Künftig sollen sechs Fachvertreter neben sechs Repräsentanten der Regionen im Vorstand sitzen.

Rädeker Der ADC öffnet sich damit für Experten jenseits der Klassik. Das Thema Öffnung hat Sebastian Turner schon vor sechs Jahren angestoßen, Michael Preiswerk und Amir Kassaei haben es weiter verfolgt.

W&V Trotzdem wird ein ADC o h n e Amir Kassaei im Markt nicht so gehört werden wie ein ADC m i t Amir Kassaei. Der Mann war einfach laut, hat mitunter polarisiert.

Rädeker Solange das eine inhaltlich bereichernde Stille ist, tut uns das für kurze Zeit sicher gut. Wir müssen nicht lauter, dafür wieder mehr mit einer Stimme sprechen.

W&V Sie stärken im Vorstand die nicht-klassischen Disziplinen. Fürchten Sie nicht die Kritik der alteingesessenen Klassiker?

Rädeker Ich fürchte sie nicht, denn konstruktive Kritik fördert das Fortkommen. Der ADC ist längst nicht mehr der Club der klassischen Werber, zumal gerade die inzwischen übergreifend interdisziplinär denken. Außerdem kommen schon heute 40 Prozent unserer Mitglieder aus dem nicht-klassischen Bereich. Der ADC muss dieser Entwicklung entsprechen, um ein lebendiger Club zu sein und Innovationen vorantreiben zu können. Wer heute in der Kommunikation eingleisig denkt, ist schon so gut wie tot.

W&V Aber verwässern Sie damit nicht das Profil des ADC?

Rädeker Keineswegs. Der ADC ist die Marke für kreative Exzellenz in Deutschland und als solcher reagiert er auf die Anforderungen der Zeit. Wir öffnen uns; wir bilden ab, was in der Branche gefordert wird; wir agieren damit auf Augenhöhe mit den Kunden, die den interdisziplinären Ansatz zu Recht verlangen.

W&V Das sind Themen, die Herr Kassaei gesetzt hat. Stichwort: Relevanzdebatte

Rädeker Diese Themen stehen schon lange auf der Agenda. Die Gesamtwirtschaft hat sich mit der Krise so sehr verändert; wir mussten uns stärker einmischen. Das lag nicht nur an Amir Kassaei, wir reagieren als Gesamt-ADC. Eine Krise lässt sich nur mit Kreativität nachhaltig lösen. Wer könnte das besser als die besten Kreativen Deutschlands?

W&V Was versprechen Sie sich von der neuen Zusammensetzung des Vorstandes?

Rädeker Einen konstruktiven Austausch. Jeder kann sich regional und/oder über seinen Fachbereich einbringen, wir gewinnen dadurch an Engagement, Durchsetzungskraft und Relevanz.

W&V Werden Sie als Vorstandssprecher kandidieren? Immerhin sind Sie der Wunschkandidat Amir Kassaeis.

Rädeker Grundsätzlich steht jeder gewählte Vorstand für das Amt zur Verfügung. Ich will hier aber keine Diskussion um die Kandidatenfrage anstoßen, bin mir aber sicher, dass sich gute Leute aufstellen lassen.

W&V Zuletzt hatten Sie dezidiert abgewunken. Erleben wir ein Duell? Dörte Spengler-Ahrens versus Jochen Rädeker?

Rädeker Keine Chance. Die Kandidatendebatte führen wir im Vorstandskreis und mit den Mitgliedern.


Conrad Breyer, W&V
Autor: Conrad Breyer

Er kam über Umwege zur W&V. Als Allrounder sollte er nach seinem Volontoriat bei Media & Marketing einst beim Kontakter als Reporter einfach nur aushelfen, blieb dann aber und machte seinen Weg im Verlag. Conrad interessiert sich für alles, was Werber- und Marketer:innen unter den Nägeln brennt. Seine Schwerpunktthemen sind UX, Kreation, Agenturstrategie. Privat engagiert er sich für LGBTQI*-Rechte, insbesondere in der Ukraine.