Fan-Feier:
Gauchogate: Wenn Medien um den Shitstorm betteln
Der "Gauchos-Dance" der Nationalspieler entzweit das Netz. Auf der einen Seite stehen die Online-Medien, die den Tanz überwiegend als Verhöhnung der Argentinier ansehen, auf der anderen Seite stehen die User, die sich viel mehr über die Kommentare der Nachrichtenseiten als über den Tanz selbst empören.
Der "Gauchos-Dance" der Nationalspieler Mario Götze, Miroslav Klose, Toni Kroos, André Schürrle, Shkodran Mustafi und Roman Weidenfeller entzweit das Netz. Auf der einen Seite stehen die Online-Medien, die den Tanz überwiegend als Verhöhnung der Argentinier ansehen und damit offenbar einen Shitstorm anzetteln wollten. Auf der anderen Seite stehen die User, die sich viel mehr über die Kommentare der Nachrichtenseiten als über den Tanz selbst empören. So wird die Empörung der Medien eher zu einem kleinen Shitstorm gegen sie selbst.
Die ARD hat das Video zum Tanz online gestellt.
Die Pressestimmen:
Tagesspiegel: "Sie haben es nicht böse gemeint. Das ist wohl so. Aber sie haben bewiesen, dass es auch im Fußball nicht nur Trottel gibt, sondern auch Riesentrottel."
Die Welt hält den Gauchos-Dance für eine "Schnapsidee".
Die taz: "Die Würdigung einer sportlich besonderen Leistung gerät da im Siegesrausch zu einer kriegergleichen Überhöhung des eigenen Selbst, in der man auch dem 'Gaucho-Verlierer' keinen Respekt mehr zollen muss."
Spiegel Online: "Offensichtlich scheinen der Weltmeistertitel und die anschließenden Feierlichkeiten einigen Profis jedoch nicht gutgetan zu haben."
Alleine der Artikel auf Spiegel Online dazu wurde mehr als 1200 Mal kommentiert, überwiegend wird der Tanz als harmlos angesehen. Auch der Verweis darauf, dass dieser Song samt Choreografie zum üblichen Fan-Repertoire gehört, fehlt nicht."
Einer, der ebenfalls einen Kommentar hinterlassen hat, ist Christoph Caesar, Partner der PR-Agentur Siccma Media. Auch er hat kein Verständnis für die Empörung über den Jubel-Tanz und kritisiert die ständige Skandalisierung durch Medien:
"Gestern trafen weit über 1000 ganz überwiegend sachliche Kommentare zum angeblichen "Verhöhnen" der Argentinier im Minutentakt bei SpOn ein – vom Echo im Social Web ganz zu schweigen. Nun merkt hoffentlich auch jeder der derart berichtenden Journalisten, dass die Medienkonsumenten mittlerweile wirklich genug vom ständigen Skandalisieren und Aufbauschen von Nichtigkeiten haben. Deutschland möchte diese Momente einfach nur genießen; jahrelang gepflegte Fankultur sollte auch gelebt werden dürfen – und nicht wieder das Ausland zum Kopfschütteln über unsere Verklemmtheit gebracht werden. Durch ständiges und spaßfreies "Runterziehen" tun sich Journalisten keinen Gefallen und verlieren Sympathien und Glaubwürdigkeit – und schaden den Branchenkollegen, die unverkrampft mitfeiern.
Meine Prognose und ein Appell: Einige einschlägige Medien warten nur darauf, endlich die angeblich "zu perfekte" Helene Fischer niederzuschreiben – bitte haltet Maß und lasst Fans, Lesern und auch denen, die ihnen Freude bereiten, einmal ihren Spaß."
Auch die Fanseite Bundesliga kommentiert die kalkulierte Aufregung der Medien: "Lasst uns die Kirche im Dorf lassen."
Wichtig dürfte wohl auch das Echo im Ausland sein. "Germany won the worldcup of cool", schreibt die britische Zeitung "The Mirror" über die Siegesfeier - und empfindet anscheinend die Gaucho-Aktion eher als Zeichen der neuen Coolness der Kicker. Der Tenor des Artikels: Die deutschen Nationalspieler haben so undeutsch ihren Titel gefeiert. Das etwas seriösere Blatt "The Guardian" spricht von einem leicht "sauren Beigeschmack". "Spiegel.de" - am Dienstag ganz vorn dabei bei der Diskussion - zitiert einige argentinische Medien. "Die Deutschen denken, sie schauen von oben herab. Sie halten sich für eine andere Rasse", kommentiert laut dem Onlinemedium die argentinische Sportzeitung "Olé".
Letztendlich kann der WM-Sieg und die anschließende Feier natürlich eine Auswirkung auf das Image von Deutschland haben. Es gibt mehrere Studien, die das Ansehen von Nationen erfassen. Nach der Heim-Weltmeisterschaft 2006 gingen etliche Analysen davon aus, dass sich das Image der Deutschen durch die Gastgeberrolle positiv verändert hat. Was 2014 für das Ansehen des Landes bedeutet, zeigen bestimmt bald die ersten Markenforscher auf.
fm/app