Wo letztes Jahr noch #heimgekommen werden sollte, scheint es dieses Jahr, als hätten die Werbeagenturen dieser Welt im Sommer gemeinsam ums Lagerfeuer der Rührigkeit gesessen und bierselig sinniert, was dieses Jahr wirklich wichtig ist im Leben. Der mit Spannung erwartete Weihnachtsspot von Edeka tritt dieses Jahr unter dem Hashstag #Zeitschenken auf. Wir beobachten einige Familien, die über dem vorweihnachtlichen Stress vollkommen den Spaß am Fest vergessen.

Die britischen Kollegen von Sainsburys bedienen sich einer Animation: Ein beruflich stark eingebundener Vater, der ausgerechnet Angestellter einer Spielzeugfabrik ist, erkennt, dass es um seine Zeit sehr spärlich bestellt ist. Auch er durchläuft den antikapitalistischen Erkenntnisprozess, der dieses Jahr unumgänglich scheint: Wer braucht schon Geschenke, wenn man sich selbst schenken kann?

Otto treibt die vorweihnachtliche Zeitschenkorgie auf die Christbaumspitze. Auf einer überlebensgroßen, animierten Uhr mit drei Zeigern, fristet eine dreiköpfige Familie ihren Alltag. Jeder lebt auf seinem eigenen Zeiger, gemeinsame Zeit ist nicht vorhanden.

Warum schlagen uns ausgerechnet Händler vor, Zeit zu schenken? Sind wir als Konsumgesellschaft bereits zu satt? Haben wir vor lauter Arbeit gar keine Zeit mehr, um zu konsumieren? Haben die Händler nichts in den Regalen, was uns anspricht? Oder wollen Sie uns emotional eher weichklopfen, weil Sie wissen, dass wir nach der ein oder anderen verdrückten Weihnachtsviral-Träne doch wieder zuverlässig zu Black Friday und Cyber Monday-Monstern mutieren, die hemmungslos Warenkörbe füllen?

Weihnachts-Virals sind die neue Königsdisziplin der Werber und Youtube ihr Sehnsuchtsort. Wer die meisten Herzen berührt, über den wird gesprochen. Und über wen gesprochen wird, der ist auch im Geschäft. Diese Regel ist zeitlos.

Der Autor:  Ewald Pusch ist Gründer und Geschäftsführer der Münchner Agentur Neverest. Bis 2008 war war er Kreativchef der Serviceplan Erste Werbeagentur. Seine bekannteste Kampagne entwickelte er für das ZDF: "Mit dem Zweiten sieht man besser".


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Autor: W&V Redaktion

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