Wichtig aus Marketing-Sicht: Go ist nicht „billiges Plus“. Go ist eine Brücke zwischen Free und Plus – und diese Brücke wird im US-Test trotz Zahlung werbeunterstützt. OpenAI sagt das offen: Ads sollen Free und Go unterstützen, während Plus/Pro/Business/Enterprise ad-free bleiben.

Das ist Streaming-Logik, übertragen auf Assistenz-Software: ein günstiger Plan, der Reichweite und Nutzung erhöht – und parallel Werbeinventar schafft. Wer glaubt, das sei nur „ein kleiner Test“, unterschätzt, wie schnell sich ein solcher Kanal in Budget-Planungen frisst, sobald er skaliert.

Wie die Werbung aussehen soll: Kontextuell, getrennt – und perspektivisch interaktiv

OpenAI beschreibt die ersten Formate sehr konkret: Anzeigen am unteren Rand einer Antwort, wenn ein „relevantes gesponsertes Produkt oder eine Dienstleistung“ zur aktuellen Konversation passt. Nutzer sollen nachvollziehen können, warum sie eine Anzeige sehen, und einzelne Anzeigen wegklicken und begründen können.

Noch spannender (und aus Performance-Sicht zugleich riskanter) ist der nächste Schritt: OpenAI skizziert interaktive Anzeigen, bei denen man direkt Anschlussfragen stellen kann – also nicht nur „Hotel in NYC“, sondern „Ist das stornierbar?“ oder „Gibt es das in Größe 44?“. Wired greift genau dieses Konzept auf und zitiert Fidji Simo mit dem Punkt, dass man „über statische Botschaften und Links hinausgehen“ könne.

Das ist nicht „Werbung“ im klassischen Sinne. Das ist Conversational Commerce: Der Prompt wird zum Regal, die Antwort zur Beratung, die Anzeige zur Kasse.

Die zentrale Zusage: „Answer Independence“ – notwendig, aber praktisch schwer zu beweisen

OpenAI weiß, dass hier Vertrauen auf dem Spiel steht. Deshalb steht „Answer independence“ im Zentrum der veröffentlichten Prinzipien: Werbung soll die organischen Antworten nicht beeinflussen, Anzeigen sollen klar getrennt und gelabelt sein. Zusätzlich verspricht OpenAI, Gespräche privat zu halten und Daten nicht an Werbetreibende zu verkaufen.

Als jemand, der Performance-Systeme baut (in meinem Fall über Agenturen wie AI Pirates, Social Media Pirates und Black Flag Agency), sage ich das nüchtern: Diese Zusage ist richtig – aber sie ist auch das angreifbarste Versprechen.

Denn „Einfluss“ ist nicht nur „Die KI sagt: Kauf Produkt X“. Einfluss beginnt früher:

  • Welche Optionen werden genannt – und welche nicht?
  • Welche Attribute werden betont?
  • Welche Alternativen bekommen Platz, welche verschwinden in der Kürze?

Selbst wenn Anzeigen technisch getrennt bleiben, entsteht ein struktureller Interessenkonflikt, sobald der monetarisierbare Output messbar wird. OpenAI versucht das mit einem zweiten Prinzip abzufedern: Man wolle nicht auf „Time spent“ optimieren, sondern auf Vertrauen und Nutzererlebnis.
Das ist ehrenwert – aber die Werbewirtschaft funktioniert nun mal über Skalierung, Frequenz und Messbarkeit. Genau hier wird es knirschen.

Preislogik und Messproblem: 60-Dollar-CPM klingt nach Premium, ist aber nur die halbe Wahrheit

Laut The Verge arbeitet OpenAI an einem Premium-Preis von rund 60 US-Dollar pro 1.000 Views – und liefert Werbetreibenden anfangs eher grobe Performance-Daten (Views, Klicks), aber nicht das Mess- und Attribution-Niveau von Google/Meta.

Für Marken bedeutet das:

  • Das Inventar ist neu und psychologisch stark (Intention im Dialog).
  • Die Messbarkeit ist zunächst schwächer (kein ausgereiftes Conversion-Ökosystem).
  • Der Preis ist ambitioniert und wird Budgets nur ziehen, wenn die Resultate stimmen.

Das ist genau der Punkt, an dem viele neue Plattformen scheitern: nicht an Reichweite, sondern an „Beweisführung“. Business Insider zitiert dazu auch Stimmen aus der Adtech- und Agenturwelt: Kontextuell allein ist nett, aber Performance entsteht erst mit sauberer Messung, z. B. über Conversion-APIs und echte Outcomes.

Regulierung und Ethik: OpenAI baut Leitplanken – und bekommt trotzdem Gegenwind

OpenAI setzt klare Ausschlüsse: keine Ads bei sensiblen oder regulierten Themen wie Gesundheit, mentaler Gesundheit oder Politik; außerdem keine Ads für Nutzer, die unter 18 sind (selbst wenn das System das Alter nur „vorhersagt“).

Trotzdem kommt der politische Druck sofort: Senator Ed Markey kritisiert „deceptive advertising“-Risiken bei Chatbots, gerade weil Menschen eine emotionale Beziehung zu Assistenten aufbauen können – und weil die Grenze zwischen „Hilfestellung“ und „Beeinflussung“ in Konversationen leichter verschwimmt.

Und das ist der Kern: In einem Chat-Kontext ist Werbung nicht nur „daneben“. Sie ist psychologisch näher an Beratung. Damit steigen die Anforderungen an Transparenz, Kennzeichnung und Brand Safety massiv – auch für Werbetreibende. Wer hier schludert, kauft sich Shitstorms und regulatorische Kopfschmerzen ein.

Der Wettbewerbsrahmen: Google setzt auf „ad-free trust“ – vorerst

Parallel positioniert sich Google in der Kommunikation anders: Demis Hassabis sagt öffentlich, es gebe aktuell „keine Pläne“, Ads in Gemini einzubauen. Der Subtext ist klar: Vertrauen als Differenzierungsmerkmal.

Das ist für OpenAI unangenehm, weil es die Debatte moralisch auflädt: „Wollt ihr den Assistenten, der für euch arbeitet – oder den, der nebenbei verkauft?“ OpenAI kontert mit dem Argument der Zugänglichkeit: Werbung als Mittel, um leistungsfähige KI breiter verfügbar zu machen.
Beide Narrative sind plausibel. Beide sind interessengeleitet. Und am Ende entscheidet nicht das Narrativ, sondern das Nutzergefühl.

Was sich für Marketing und Performance jetzt wirklich ändert

Für mich ist das Entscheidende nicht, ob ChatGPT „auch Werbung kann“. Das Entscheidende ist: Der Ort der Intention verschiebt sich. Und damit verschiebt sich die Mechanik, wie Nachfrage entsteht und wie sie abgegriffen wird.

Aus Agenturperspektive heißt das: Wer weiterhin nur in Keywords, Creatives und klassischen Funnels denkt, wird in Konversations-Interfaces systematisch zu spät kommen. Was jetzt auf die Agenda gehört:

  1. Produktdaten werden zur Währung
    Interaktive Ads sind nur so gut wie die Daten dahinter: Varianten, Verfügbarkeit, Versand, Returns, Specs, Zertifikate, echte Use-Cases. Ohne sauberen Feed wird die Konversation zur peinlichen Hotline.
  2. Von Keywords zu „Prompt Moments“
    Menschen kaufen nicht in Suchbegriffen, sie kaufen in Situationen: „Ich brauche eine wasserdichte Jacke für drei Tage Regen in Schottland, Budget 250 Euro.“ Wer diese Momente modelliert, gewinnt.
  3. Neue Optimierung: GEO ist real – aber nicht als Buzzword
    „Generative Engine Optimization“ ist dann sinnvoll, wenn es um Auffindbarkeit in Antwortsystemen geht: klare Produktwahrheiten, konsistente Claims, belastbare Reviews, strukturierte Informationen. Kein Tricksen, kein SEO-Spam – das wird in einem Dialog schneller entlarvt als in den SERPs.
  4. Brand Safety wird härter, nicht leichter
    Wenn ein Chat in heikle Themen kippt, muss die Ausspielung sauber stoppen. OpenAI verspricht genau das.
    Marken müssen trotzdem intern entscheiden, in welchen Kontexten sie auftauchen wollen – und in welchen nicht.
  5. Messbarkeit neu denken
    Wenn anfangs nur Views und Klicks kommen, ist das ein Rückschritt gegenüber Performance-Standards.
    Wer hier Budget reinlegt, braucht eigene Tests, eigene Holdouts, eigene Inkrementalitätslogik – sonst kauft man sich schöne Dashboards ohne Wirkung.
  6. Creative wird dialogfähig
    Die Anzeige ist nur der Einstieg. Das „Creative“ ist künftig auch: Antwortqualität auf Rückfragen. Wer das nicht vorbereitet, verbrennt Inventar.
  7. Organisation: Search, Social, CRM und Commerce müssen zusammenspielen
    Konversationswerbung ist kein isolierter Kanal. Sie ist eine neue Front in der Customer Journey. Wer sie bespielt, muss Daten, Angebote und Prozesse operativ liefern können.

Fazit: OpenAI öffnet eine Goldgrube – aber auch ein Minenfeld

OpenAI versucht, das Unvereinbare zu vereinen: maximale Zugänglichkeit, steigende Compute-Kosten, gleichzeitig „Answer Independence“ und Privatsphäre, plus ein Werbemodell, das irgendwann skalieren muss.
Das kann funktionieren. Aber nur, wenn die Nutzer dauerhaft glauben, dass der Assistent ihnen dient – nicht dem Anzeigenkunden.

Mut, Kompetenz und Leadership-Qualitäten: Das zeichnet die W&V Top 100 aus. >>> Hier finde


Autor: Max Anzile

Maximilian Anzile ist CEO von Pirates World, einer Agenturgruppe mit inzwischen über 50 Köpfen und noch mehr Ideen. Unter dem Dach segeln die Social Media Pirates (Owned & Content), Black Flag Agency (Media Lab ) und die AI Pirates (KI Transformation & Execution Studio). Parallel baut er mit New Minds ein Beratungs- und Podcast-Format, das C-Level-Transformation und Künstliche Intelligenz nicht trocken, sondern mit Haltung und Popkulturgefühl diskutiert.

Sein Spielfeld: die Schnittmenge von Social Media, Technologie und Kreativität – dort, wo neue Agentur- und Medienmodelle entstehen.

Abseits vom Business: Basketballer mit Trash-Talk-Attitüde, stolzer Familienvater und Italo-Herzblutträger („Espresso vor Deals, Pasta nach Deals“).