Timo Lommatzsch antwortet auf Frank Behrendt :
10 realistische Job-Ratschläge für die ersten Berufsjahre

Frank Behrendts "Tipps für ein entspanntes Berufsleben" sind jetzt auch bei Spiegel Online und Stern.de ein Hit. Das Problem ist nur: In der Realität sieht das oft ganz anders aus - vor allem in den ersten Berufsjahren. Timo Lommatzsch hat für die jungen Kollegen eine Liste zusammengestellt.

Text: Timo Lommatzsch

- 9 Kommentare

Frank Behrendts Tipps "10 ernsthafte Ratschläge, wie man lockerer durchs (Berufs-)Leben kommt" haben unglaubliche Kreise gezogen und eines vorab: Ich schätze Frank sehr, bin überzeugt, dass seine Tipps zu 100 Prozent authentisch sind und lebe mittlerweile selbst auch nach vielen davon. Diverse Diskussionen, die ich in der letzten Woche mit Mitarbeitern, Berufseinsteigern und Studenten mit Praktikumserfahrung geführt habe, bringen mich aber dazu, eine etwas andere 10-Punkte-Liste aufzustellen. Keine Replik zu Frank, sondern eine Ergänzung:

10 ernsthafte Ratschläge, wie man zufriedener und erfolgreich durch die ersten Berufsjahre kommen kann

1.    Such dir den richtigen Job! Es gibt sehr gute und faire Agenturen mit wertschätzendem, tollen Arbeitsklima. Doch ehrlich, da gibt es einige! Und es gibt, so hört man munkeln, total miese Ausbeuter-Agenturen. In der Mitte dazwischen gibt es auch noch eine Menge und nicht jeder Typ passt in jede Agentur. Zu manchen Menschen passt auch das Arbeiten in Unternehmen oder Behörden besser und dort gibt es ebenfalls himmelweite Unterschiede. Finde heraus, welcher Arbeitstyp du bist, was dir wichtig ist. Auf dem Weg dahin kannst du ruhig Fehler machen und ein kurzfristiges, mieses Anstellungsverhältnis überleben (siehe Punkt 2). Informier dich aber in deinem Netzwerk (Punkt 3), wer die wirklich Guten sind – und geh dort hin.

2.    Jammer nicht, sondern finde Lösungen. Oder kündige und suche dir einen neuen Job! Immer wieder treffe ich Leute, die sich darüber beschweren, dass sie in ihrem Job viel zu wenig verdienen, jede Woche 50 und mehr Stunden arbeiten, das Arbeitsklima supermies ist usw. Und dann, zwei Jahre später, sind diese Leute immer noch bei demselben Arbeitgeber und beschweren sich über dieselben Dinge. Wenn du dich ausgenutzt und mies bezahlt fühlst, die Atmosphäre schlecht ist und du dich nicht genügend wertgeschätzt fühlst – dann kündige! Gerade in Hamburg, Berlin, München, Köln/Düsseldorf findest du in der Regel in zwei bis sechs Wochen einen neuen Job.

3.    Bau dein Netzwerk auf! Bau dir ein breites, fundiertes Netzwerk von persönlichen Kontakten auf, unter anderem indem du in Studentenvereinen und Branchenverbänden aktiv bist, Branchenstammtische, -veranstaltungen und Konferenzen besuchst, mit Leuten aus ganz anderen Teams oder Firmen Mittagessen gehst usw. Und bleib so oft es geht bis zum Schluss: Gerade auf Branchenveranstaltungen können hier Freundschaften und Kontakte fürs Leben entstehen.

4.    Mal ehrlich: Überstunden gehören dazu, übrigens auch in vielen Unternehmen. Aber du solltest wissen, wofür du sie machst und dich dabei nicht ausgenutzt, alleingelassen und unterbezahlt fühlen! Doch wenn du als Junior Berater nahezu jeden Abend bis 21 Uhr in einer Firma sitzt, an deren Erfolg du nicht direkt beteiligt bist, dann läuft definitiv etwas falsch! (siehe Punkt 2)

5.    Wir leben in einer Marktwirtschaft. Du hast die Welt nicht so gemacht, ich hab die Welt nicht so gemacht, aber es ist nun einmal so: Du hast einen Marktwert und dieser spiegelt sich vor allem in deinem Gehalt. Es kann vorkommen, dass du dein Gehalt subjektiv zu niedrig findest, es aber objektiv angemessen ist, wenn du den gesamtwirtschaftlichen Rahmen betrachtest. Faustregel: Je mehr Lebens- und Berufserfahrung, je valider und größer dein persönliches Kontaktnetzwerk, je fundierter dein Verständnis von kommunikativen Problemstellungen und je praktikabler deine Lösungsansätze sind, desto mehr Gehalt bekommst du. Lerne deinen Marktwert richtig einzuschätzen, sonst wirst du ewig frustriert sein.

6.    Sprich es offen an. In der Regel hat dein Chef sehr viele Projekte und Mitarbeiterbedürfnisse im Kopf. Da bleibt nicht immer Raum, subtile Hinweise und leise Gesten richtig zu interpretieren. Hast du ein Problem, fühlst du dich ungerecht behandelt, hast du eine Idee, wie es besser laufen kann? Sprich deinen Chef offen und direkt darauf an! Nur so besteht die Chance, dass sich etwas ändert.

7.    Nutze den Urlaub, um richtig abzuschalten. Zwei Wochen alle operativen Tasks zu vergessen, tut richtig gut, vor allem als Berufseinsteiger. Wenn du im Urlaub etwas für den Job machen willst: Lerne andere Menschen und Lebensweisen kennen. Es ist elementar für unseren Job, dass wir uns in fremde Lebensrealitäten hineindenken können, also lerne so viele wie möglich davon richtig kennen.

8.    Traue nicht der Selbstdarstellung von Agenturen als Arbeitgeber! Ehrlich nicht. Frag lieber dein Netzwerk, frag auf Stammtischen und Branchentreffs, wie es ist, in der Agentur zu arbeiten. Und nein - Kununu bildet bei weitem nicht die Realität ab, aber zumindest mehr als die Facebook-Page einer Agentur.

9.    Liebe deine Profession! Du musst deinen derzeitigen Job und Arbeitgeber nicht lieben. Aber nur wenn du deine Profession wirklich liebst, bist du in der Lage, die nötige Leidenschaft, Kreativität und das Engagement aufzubringen, das es braucht, um langfristig erfolgreich und zufrieden zu sein.

10.    Schalte Dein Hirn ein! Denke und hinterfrage alles kritisch. Briefings, Anweisungen, Prozesse, Rituale, Gerüchte, Meinungen - und vor allem Tipplisten im Internet.

Der Autor:

Timo Lommatzsch ist Geschäftsführer von Orca van Loon Communications in Hamburg. 


9 Kommentare

Kommentieren

Anonymous User 8. Oktober 2015

31 Agentur-Chefs klickten "Artikel als schlecht bewerten"

Anonymous User 6. Oktober 2015

Rein agenturseitig betrachtet ist es äußerst schwer, seinen eigenen Marktwert realistisch einschätzen zu lernen. Da gibt es wohl einen agenturübergreifenden Konsens, jedwede finanzielle Wertschätzung im Keim zu ersticken. Hier hat sich quasi eine eigene, autonome Marktwirtschaft gebildet, die sich vom restlichen Wirtschaftsumfeld erfolgreich abgrenzt. Die Gründe dafür wurden von meinen Vorrednern ausreichend genannt - williger Nachwuchs drückt von unten ständig in den Markt und macht ein Anpassen an tatsächliche Qualifikationen für Agenturchefs überflüssig. Meinen Marktwert habe ich zumindest erst unternehmensseitig kennenlernen können.

Das würde ich Punkt 5 noch anfügen wollen. Ansonsten aus meiner Sicht tolle Tipps, die wesentlich näher an der Realität kratzen, als es ein Frank B. mit seinen leeren Phrasen und ungelebten Ideologien jemals könnte.

Anonymous User 6. Oktober 2015

Hallo Timo,

vielen Dank, dass Du dir die Zeit genommen hast, auf meinen Kommentar zu antworten. In meinem Fall passt aber keine der Optionen so richtig.
Ich bin Idealistin, Individualistin und Freigeist. Und da fangen die Schwierigkeiten auch schon an. Ich war nie fixiert auf große Agenturen, ganz im Gegenteil, ein Netzwerk könnte immer größer sein und meine Profession - die PR-Beratung - macht mir Spaß. Natürlich hängt das auch immer von Kunden und Projekten ab, aber so ist das eben. Dass das Alles auch nur ein großer Zirkus ist, oder eben Monopoly, das ist mir schon immer bewusst. Vielleicht bringt das aber gerade auch den Spaß.
Ich habe mittlerweile gelernt, dass es Dinge gibt, mit denen man leben kann und Dinge, mit denen man nicht leben kann. Dann geht es ums Sortieren: Bewegen sich die Gegebenheiten in einem Rahmen der erträglich ist, oder tut mir das Alles einfach nicht mehr gut. Die logische Schlussfolgerung war zuletzt für mich der Weg in die Selbstständigkeit. Selbst und ständig - jaja, den Spruch kenne ich auch. Die Frage ist doch: Lieber frei und unsicher oder unfrei und sicher? Ich habe die Antwort auf die Frage gefunden.

Vielleicht auf bald im echten Leben ;-)

Anonymous User 6. Oktober 2015

Ich möchte gern an die Spiegel-Antwort eines Mitarbeiters von Hr. Behrendt verweisen (erstaunlich, dass das bei der W&V noch nicht Thema ist?!). Dabei erkennt man deutlich die Lücke zwischen Wahrnehmung der Führung und der Mitarbeiter. Ich selbst kenne es aus meiner Agentur. Beide Seiten hadern mit den Vorstellungen der jeweils anderen Seite und reiten so lange auf ihren eigenen Prinzipien, bis es zu einem Bruch kommt. Oder aber, so bei meinem Arbeitgeber geschehen, man geht auf den anderen zu und versucht einen Konsens zu bilden. Es werden niemals die Idealvorstellungen erreicht, allerdings sind es oft kleine Verbesserungen, die dem Mitarbeiter Luft verschaffen. Diese sind meist überhaupt nicht kostenintensiv. Ich glaube fest daran, dass jeder, der sich anfangs für die Agenturbranche entscheidet, sich der kommenden Überstunden bewusst ist. Allerdings sollte es dafür auch faire Ausgleichsmodelle wie flexible Arbeitszeit, early friday und (ganz wichtig) die berühmte Wertschätzung geben. Mein Job, Gehalt, etc. ist mit meinem Arbeitsvertrag geregelt. Daher kann ich als Chef nicht verlangen, dass mein Mitarbeiter ständig überdurchschnittlichen Ehrgeiz zeigt, wenn ich im Gegenzug nichts gebe. Aber dieses Generationsproblem können nur wirklich qualifizierte Führungskräfte erkennen, die neben beruflicher auch soziale Kompetenz besitzen.

Anonymous User 6. Oktober 2015

Vor allem Punkt 2 ist essentiell!
Nicht beschweren, handeln!
Vor allem der kreative Nachwuchs kann sich doch mittlerweile aussuchen, wo er arbeiten möchte und stellt jetzt die Bedingungen. Das ist jedenfalls meine Erfahrung als Texter.

Gib mir XX und ich komme. Gib mir weniger und ich komme nicht.
Gib mir XX und ich bleibe. Gib mir weniger und ich gehe.

Ganz einfach. Das ganze muss man ja nicht als offensichtliche Erpressung kommunizieren, sondern durch die Blume - und alles wird gut :)

Anonymous User 6. Oktober 2015

Liebe Anja,

das tut mir wirklich leid, dass du bisher nur negative Erlebnisse hattest und keine faire Agentur kennengelernt hast. Am Ende ist fair in vielen Facetten auch immer subjektiv, gerade was das Gehalt angeht, siehe Punkt 5. Ich stehe hinter Tipp2 und meine persönlichen Erfahrungen, sowie die von vielen Bekannten, Mitarbeitern und Kollegen bestätigen das. Warum es bei Dir und den zwei anderen Kommentatoren – und sicher noch vielen anderen - nicht besser geklappt hat bisher, kann ich so aus der Ferne unbekannterweise schlecht einschätzen, aber eventuell könnte es sein, dass:

1. Vielleicht das persönliches Netzwerk nicht groß und valide genug ist, dass die guten Agenturen nicht gefunden und dort kein Job bekommen wird. Bei uns ist es z.B. so, dass wir viele Stellen direkt ohne Ausschreibung einfach auf Empfehlung von Kontakten der Mitarbeitern und Freunden besetzen.
2. Einige vielleicht, wie Kollege Che Gewerber, eine Fixierung auf TOP20 Agenturen haben und sich an diesen abarbeiten, wobei es doch auch bei den TOP 21-348 spannende, tolle Kunden, Projekte und Jobs gibt
3. Ganz vielleicht kann es auch sein, dass der Job einfach nicht so richtig zu einem passt und deshalb leider nicht bei den Guten gelandet oder sie gefunden werden. Siehe Punkt 1. Und natürlich sind die Plätze bei den guten Agenturen limitiert und wenn es sich rumspricht, dass die fair sind und ein gutes Arbeitsklima haben, wollen da viele arbeiten und es ist schwerer einen Job dort zu bekommen, als bei den anderen, das stimmt. Daher Punkt 3.

Ich wünsche Dir ganz viel Glück und die richtigen Kontakte und Entscheidungen für deine berufliche Zukunft,
Timo

Anonymous User 5. Oktober 2015

Machen wir uns nichts vor: Keine der Top 20 Agenturen ist im Ansatz fair. Das gesamt Geschäftsmodell beruht auf Ausbeutung und auf Gewinnmaximiereung der top 10%. Das ist so. Und daran wird sich auch nichts ändern, solange wir wie Schafe blöken : "was soll ich nur machen? das ist halt so - kann man nicht ändern." Wir leben tatsache noch im Zeitalter der Industiralisierung - eigentlich unfassbar, wenn man sich das Bildungsniveau in der werbung anschaut. Es ist ein Hohn, dass keine Solidarisierung möglich ist, weil daherglaufene Chefs, denen man mit 20 in den 80ern eingeredet hat, wie geil das alles ist und die im S&J-Stechschritt bis heute durch die Agenturlandschaften marschieren, einem weismachen, das ginge nur so. Letztlich muss man dann sagen, wir verdienen es so. Wir verdienen ein Vergütuungsmodell, dass in der normalen Wirtschaft nicht ansatzweise lebensfähig wäre. Wir verdienen 80-100 Arbeitsstunden und im Gegenzug eine Pizza vom Lieferdienst. Wir verdienen, unsere Kinder nicht aufwachsen zu sehen, weil es gerade supersuperwichtig ist. Wir verdienen durchgemachte Wochenenden nach dem Schema " Zwei Tage am WE rein, dafür ein Tag frei - evtl.". Wir verdienen das. Weil wir Schisser sind. Und kein ersatzmodell liefern.
Hoffentlich erlebe ich noch, dass ein Großteil des Nachwuchses begeistert die Hände hebt, wenn die Personaler rumgehen. Dabei aber nicht winken, sondern den Mittelfinger zeigen.

My 2 cents to this 2 cents to that 2 cents.

Anonymous User 5. Oktober 2015

Vielen Dank für den Kommentar Anja. Einer der wohl überlegter ist, als der gesamte Beitrag von Herrn Lommatzsch.

Anonymous User 5. Oktober 2015

Grundsätzlich sind diese Tipps ja ganz gut, doch gerade bei Punkt zwei kann ich überhaupt nicht zustimmen. Es ist nicht wahr, dass man nach zwei bis sechs Wochen einen neuen Job in diesen Städten findet. Und schon gleich gar nicht, wenn man genau danach geht: Will ich ein gutes Betriebsklima? Will ich vernünftige Bezahlung? Will ich mich nicht in unangemessenen Überstunden für die Agentur/ Firma aufopfern? Am Ende zählt doch nur, ob es dann überhaupt ein Job von Dauer ist und ich möchte nun wirklich mal diese Agentur kennenlernen, die fair ist, in der das Betriebsklima gut ist, die ordentlich bezahlt und in der ich nicht jeden Tag Überstunden anhäufe. Ich arbeite nun schon seit Jahren in diversen Agenturen und erlebe ständig das gleiche Bild. Und dass Überstunden dazugehören bedeutet auch nicht, dass man jeden Tag Stunden länger im Büro sitzt. Mal ist hier das Zauberwort. Doch "mal" existiert in diesem Fall nicht. Maximale Arbeitsleistung für minimales Gehalt trifft es wohl eher. Und darüber mit Chefs zu sprechen ist ja auch so eine Sache. Gerade in der Agentur/-Kreativbranche stehen hunderte Kandidaten bereit und das wissen die Vorgesetzten ganz genau. Arbeitskraft ist leicht ersetzbar. Ich für meinen Teil kann nur sagen: In meinen ganzen Berufsjahren hatte ich noch keinen Arbeitgeber, den ich wirklich loben könnte. Für Beispiele bin ich natürlich dankbar!

Diskutieren Sie mit