Esslinger Die Qualität von Design hat sich sicher auf einen durchschnittlichen Standard verbessert. Man kann aber auch zu viel „Form“ machen. Nehmen sie zum Beispiel BMW: Die haben zu viel willkürliches Design, das ist reines Showstyling. Mit markengerechter Emotion hat das meiner Meinung nach relativ wenig zu tun. Audi dagegen hat es geschafft, den hohen Technikanspruch glaubwürdig in ein Design umzusetzen, das zugleich authentisch ist und kulturell inspiriert. Design muss glaubwürdig und relevant sein. Wenn ich mich als Designer damit zufriedengebe, dass Dinge irgendwie funktionieren oder einfach „flashy“ aussehen, dann reicht das nicht, dann mache ich langweilige oder verlogene Produkte, die man an jeder Ecke sieht.

W&V Gerade im Bereich der Unterhaltungselektronik werden Produkte zwar schöner, aber gleichzeitig in ihrer Funktionsvielfalt immer komplizierter.

Esslinger Eine große Herausforderung besteht zum Beispiel darin, den Umgang mit Software zu vermenschlichen. Das Problem ist, dass die Programmierer im Prinzip das machen, was sie am leichtesten programmieren können, und dann hoffen sie darauf, dass die Menschen irgendwie herauskriegen, wie es funktioniert. Software-Produkte müssen so funktionieren, wie normale Menschen seit Jahrtausenden denken, und nicht so primitiv wie ein „digitaler Faustkeil“. Gerade bei Hightech-Produkten wird oft vergessen, Designer von Anfang an in die Konzeption einzubinden, um den Gebrauch und die kulturelle Dimension zu projizieren, bevor überhaupt irgendetwas real gemacht wird. Die Designer müssen das auch einfordern und sich gleichzeitig die professionelle Kompetenz erarbeiten.

W&V Warum werden gerade Produkte der Unterhaltungselektronik immer komplizierter und unübersichtlicher, statt einfacher und bedienungsfreundlicher zu werden?

Esslinger Es gibt immer noch viel zu wenig Konvergenz. Im Home-Entertainment zum Beispiel müssten die Hersteller schon längst passive Übertragungen mit interaktiven Technologien wie Internet und Computing verschmelzen. Das passiert aber nicht genug, weil Fernsehhersteller immer noch „preiskrieg-definierte“ Strategien mit primitivsten User-Interfaces verfolgen. Andererseits sind digitale Betriebssysteme von Microsoft, Apple und erst recht Linux auf Büroanwendungen und Techno-Geeks fokussiert. Also schaffen sich die Leute immer flachere TV-Bildschirme an und kaufen sich auf der anderen Seite für zusätzliches Geld noch einen Computer. Diese Parallelverschwendung bietet enorme Potenziale für Designer. Das große Manko heute ist, dass man lieber an bestehenden Dingen Verkleinerungen und Verschönerungen vornimmt oder sie billiger macht, aber man erfindet nichts, was die Nutzung verbessern würde. Es ist wie so eine Art konzeptionelle und wirtschaftliche Genickstarre. Es gibt viel zu viel Arsenal, aber zu wenig Inspiration.

W&V Dabei gibt es doch die These, dass Design wichtig für den wirtschaftlichen Erfolg ist.

Esslinger Gehirn schlägt Geld, und es zahlt sich aus, wenn man Design von Anfang an in die Prozesse integriert. Dafür hat Apple den Beweis angetreten. Apple hat im vierten Quartal 2008 etwa 60 Prozent des Umsatzes von Dell gemacht, aber fast das Dreifache des Gewinns (1,6 Milliarden Dollar). Apple hat acht Prozent Anteil am Markt der Smartphones, aber 32 Prozent der Gewinne. Und man musste im dritten Quartal 2009 nur etwa sieben Millionen iPhones verkaufen, um mehr Gewinn zu machen als Nokia mit über 100 Millionen Mobiltelefonen. Der Gewinn mit iPhones war mit 1,3 Milliarden Dollar fast so groß wie der gesamte Unternehmensgewinn im vierten Quartal 2008. Warum wachen die anderen da nicht auf? Man muss sich schon wundern, wie verrannt Unternehmen sein müssen, dass sie im selbstgewählten Desaster stecken bleiben. Strategisches Design ist mehr als überlebenswichtig. Es reicht allerdings nicht, etwas zu machen, das aussieht wie Apple, man muss sein wie Apple.



Judith Pfannenmüller
Autor: Judith Pfannenmüller

ist Korrespondentin für W&V in Berlin. Sie schaut gern hinter die Kulissen und stellt Zusammenhänge her. Sie liebt den ständigen Wandel, den rauhen Sound und die thematische Vielfalt in der Hauptstadt.