Silver Jobber :
Auf Agenturjobsuche im fortgeschrittenen Alter

Mit 55 Jahren auf Jobsuche. Das kann bitter werden. W&V sprach mit einer Texterin darüber, was sie in der Branche erlebt hat.

Text: Anja Janotta

Jung und dynamisch ist die Agenturwelt. Über 50-Jährige sind selten auf den Schreibtischstühlen der Agenturen. Wenn sie nicht gerade Geschäftsführer geworden sind oder selbstständig arbeiten. Obwohl viele händeringend nach Personal suchen, stellen sie trotzdem lieber blutjunge, unerfahrene Absolventen ein als ältere Mitarbeiter, die erfahrener, aber teurer sind.

Wie ist das, wenn man spät im Berufsleben noch einmal einen festen Job sucht? Wie erlebt man das Älterwerden in Agenturen? Wir sprachen mit einer Texterin, die in einer mittelgroßen süddeutschen Stadt gerade beruflich neu angefangen hat. Mit einer Personalberatung hat sie im September einen Job in einer über 30-köpfigen Agentur gefunden. Der Weg zu dem neuen Arbeitsplatz war wegen ihres Alters extrem steinig. Ihren Namen möchte sie nicht verraten.

Darf ich Sie indiskret danach fragen, wie alt Sie sind?

Aber natürlich. Ich bin 55 Jahre alt.

Haben Sie die jüngste Bewerbungsphase als zäher erlebt?

Definitiv. Ich habe länger als sonst nach einem passenden Job gesucht. Und das, obwohl ich viele namhafte berufliche Stationen und attraktive Preise aufzuweisen habe.

Gab es konkrete Situationen, in denen Ihr Alter im Weg stand?

Durchaus. Ich hatte unter anderem ein Gespräch mit einer namhaften, traditionsreichen Agentur. Meine Ansprechpartner waren begeistert und haben mir sehr viel Wertschätzung entgegen gebracht. Beide Seiten hatten das Gefühl, dass es auf allen Ebenen gut passen würde. Dann kam jedoch eine negative Rückmeldung. Der Grund: Der Geschäftsführer hatte abgelehnt, weil man sich‚ so der O-Ton, „konsequent verjüngen wolle“ und ich somit durch das Altersraster gefallen sei. Solch eine Aussage hatte ich zuvor noch nie gehört und ich muss sagen, dass ich ziemlich schockiert war.

Und was ist bei Ihrem neuen Arbeitgeber nun anders?

Mein jetziger Arbeitgeber hatte für die Position bewusst jemanden gesucht, der älter ist. Unter anderem jemanden, den man – so wörtlich – "auch guten Gewissens zum Kunden mitnehmen kann“. Aktuell arbeite ich mit vielen jungen Kollegen in der Agentur, die Geschäftsführung ist Mitte 40.

Fühlen Sie sich unter Ihren jüngeren Kollegen nicht manchmal fremd?

Keineswegs. Ich finde die Zusammenarbeit mit Jüngeren immer inspirierend. Dennoch fühle ich mich oft als Solitär, obwohl meine Kollegen mir nicht das Gefühl geben, älter zu sein. Doch man hat mit Gleichaltrigen einfach ganz andere Themen. Viele Gespräche gehen darum verständlicherweise nur bis zu einem gewissen Punkt und nicht weiter.

Was machen Ihre Weggefährten von früher? Arbeiten sie noch in der Werbung?

Oh, ein großer Teil hat sich ins Privatleben zurückgezogen; also die großen, guten, namhaften Leute, die eine Agentur geführt und sie wieder verkauft haben. Der überwiegende Teil arbeitet, wenn er denn überhaupt noch in der Branche ist, freiberuflich. Viele haben eine Dozentenstelle inne oder arbeiten als freie Berater für Unternehmen. Ein Kollege hat noch einmal ein Landschaftsbaustudium dran gehängt. Doch es gibt auch Kollegen,  die müssen jeden Auftrag annehmen, den sie bekommen können.

Also lässt einen das zunehmende Alter zögerlicher werden?

Nein. Ich persönlich hinterfrage viel und sage auch mal „Nein“. Auch gegenüber Kunden. Ich will als Kreative schließlich meine Kunden vernünftig beraten. Viele Jüngere erlebe ich in dieser Hinsicht als zu angepasst oder zu schnell zufrieden. Früher hat man hart gearbeitet für seine Sache. Heute ist man entspannt, das Feuer ist nicht mehr so da.

Müsste man als Ältere nicht mit dieser Leidenschaft wuchern?

Durchaus, denn Mut kommt aus Erfahrung. Das fehlt einigen Jungen. Viele fühlen sich wegen mangelnden Kundenkontakts fast nur noch als Erfüllungsgehilfen. Die Kreation hat kaum noch Mut, zu kämpfen. Und auf der Kundenseite gibt es immer weniger Kommunikationsspezialisten, dafür mehr Controller, die bestimmen, was über den Bildschirm flackert.

Wäre es für Sie eine Alternative, frei zu arbeiten?

Ich habe mich bewusst dafür entschieden, mich wieder fest anstellen zu lassen. Nach langen Jahren in der Selbstständigkeit wollte ich mich einfach wieder in Sicherheit begeben. Frei von der Sorge, Aufträge zu verlieren weil man gerade mal Urlaub macht und geregelt 5 statt 7 Tage die Woche arbeiten.

Provokante Frage: Ist man als älterer Werber kreativer?

Ich tendiere zu einem Ja. Dabei hat sich meine Art, an Aufgaben heranzugehen über die Zeit nicht verändert. Aber ich weiß heute besser, was ich tun muss, um mich zu inspirieren. Jüngere erlebe ich da oftmals als zu schnell zufrieden. Sie gehen nicht mehr bis an den Punkt, an dem es wehtut. Es bestünde ja die Gefahr, dass man dann die ganze Arbeit vielleicht noch einmal umschmeißen muss. Ich hingegen könnte das nicht – eine gute Idee verschlucken, mich selbst nicht redigieren oder verbessern.

Wie haben sich die Kunden mit der Zeit verändert? 

Ein nicht unerheblicher Punkt seit Jahren sind die Kosten. Man möchte immer mehr für immer weniger und das innerhalb immer kürzerer Zeit. Vertrieb und Controlling bestimmen immer häufiger, was sich nach außen als Kommunikation darstellt. Darum bin ich stolz auf jeden Agenturchef, der diesem Druck entgegen hält.

Wie erleben Sie den Altersschnitt in der Branche?

Die Branche baut vielerorts auf die Jungen und feiert die Digitalisierungskids. Der Altersdurchschnitt ist gesunken. In meinen Anfangsjahren in der Werbung gab es viele ältere Kollegen, die mehr Ansehen und mehr Respekt genossen haben. Bei einem Vilim Vasata, Mitbegründer der deutschen BBDO oder einem Thomas Rempen, Gründer von Rempen&Partner – und beide waren einmal meine Chefs – da sagte man: "Das ist der Chef, der muss es besser wissen." Heute möchte man meinen, die Jungen wissen es besser. Wenn du als älterer Kollege nicht auch im digitalen Bereich Erfahrung gesammelt hast, wirst du schnell abgestempelt als "Du weiß ja eh nicht, was geht". Dabei geht es in der Kommunikation immer nur um Ideen. Es geht um Ideen. Nie um den Kanal.

Wo sehen Sie sich in fünf Jahren?

Mit 60 noch in der Werbung? Ehrlich gesagt, ich weiß es nicht.

Haben Sie ähnliche Erfahrungen gemacht und wollen uns davon erzählen? Sie können uns unter anja.janotta@wuv.de schreiben.


Autor:

Anja Janotta, Redakteurin
Anja Janotta

seit 1998 bei der W&V - ist die wohl dienstälteste Onlinerin des Hauses. Am liebsten führt sie Interviews – quer durch die ganze Branche. Neben der W&V-Morgenpost, Kreativ- und Karrierethemen schreibt sie ab und zu was völlig anderes - Kinderbücher. Das jüngste dreht sich um  ein paar nerdige Möchtegern-Influencer.