Thic :
"Das machen, worauf ich Bock habe": So lebt sich's als Influencer

Thic aus Berlin macht Content Marketing und baut dafür eigene Influencer auf. Für die meisten der 13 Mitarbeiter ist es der erste Job überhaupt. Als Teil der Werbeszene verstehen sie sich nicht. Sie drehen ihr eigenes Ding. Ein Interview mit Dominic Wiese (19) und Vero Gottschling (28).

Text: Conrad Breyer

- 7 Kommentare

Die Agentur Thic aus Berlin-Charlottenburg ist auf Content Marketing spezialisiert.
Die Agentur Thic aus Berlin-Charlottenburg ist auf Content Marketing spezialisiert.

Dominic Wiese ist "der beste schwule Freund im Netz", färbt sich fast jede Woche die Haare - da wird dann schon mal ein Färbemittel ohne Auftrag getestet. Vero Gottschling, Typ Berliner urbanes Mädchen, lebt Musik, Mode, Lifestyle, und moderiert noch nebenher.

Dominic und Vero sind Influencer: Beide lieben ihren Job, weil sie frei reden, sie selbst sein können und damit auch noch Geld verdienen. Vero kommt auf 6700 Freunde bei Facebook, 3400 Follower auf Instagram und 1000 bei Snapchat. Sie spricht vor allem Männer an zwischen 18 und 35 Jahren. Dominic erreicht 540 Menschen auf Facebook, 2800 auf Instagram und 2500 auf Snapchat. Er umgarn vor allem Mädchen zwischen 17 und 24 Jahren mit seinen Videos über Lifestyle, Fashion und Kosmetik. Die beiden Influencer arbeiten für die Berliner Content-Marketing-Agentur Thic: Dominic fest angestellt, Vero frei. W&V-Redakteur Conrad Breyer hat mit ihnen gesprochen.

Ist Influencer nicht ein komischer Beruf?

Dominic: Heutzutage ist ja sogar Fußballer ein Beruf. Im Ernst: Wenn jemand veraltete Ansichten hat, dann ja. Ich sehe mich eher als Meinungsvertreter. Politiker machen das mit Politik, wir mit Style.

Vero: Ich sehe mich nicht nur als Influencer, sondern bin vor allem Moderatorin, zum Beispiel für Warner Music, Berlinmusictv und DefShop.

Warner Music und Berlinmusictv sind Kunden von Thic, die Euch als Influencer aufbauen bzw. einsetzen.

Dominic: Genau. Aber Vero, das ist es doch: Sobald du in der Öffentlichkeit auftrittst, bist Du automatisch Influencer. Wenn dir ein Label zum Beispiel Kleidung zuschickt, dann weil sie deinen Lifestyle oder deine Persönlichkeit für gut, repräsentativ und einflussreich halten. Deshalb wollen sie dich als Aushängeschild für ihre Marke haben.

Vero: Das trage ich mal und mal nicht. Wenn es mir gefällt, mach ich ein Bild und verlinke die Marken. Ich fühl' mich aber nicht verpflichtet. Manche finden mich gut, weil ich so das urbane Berliner Mädchen bin. Wenn ich für bestimmte Labels moderiere, trage ich natürlich deren Kleider, dafür werde ich ja auch bezahlt. Das ist Arbeit. Wenn ich auf meinem eigenen YouTube-Kanal unterwegs bin, trage ich, was ich möchte.

Dominic: Ob bezahlt oder nicht, das verkauft automatisch.

Dominic, Du färbst Dir einmal pro Woche die Haare und testest dafür verschiedene Haarfärbemittel. Das ist oft nicht bezahlt.

Dominic: Klar, ich hab ja auch noch nicht die riesigen Follower-Zahlen. Ich will jetzt monatlich Reviews machen mit den besten Produkttests. Da hab ich dann Product Placements.

Wissen Deine Fans das?

Klar, das wird man sehen. Das bin ich meiner Community schuldig. Die sagen sonst: 'Warum steht der nicht dazu?'

Vero und Dominic (Abb: Screenshot "VeroTV")

Vero und Dominic (Abb: Screenshot "VeroTV")

Haben denn die Leute keine Probleme damit, dass Ihr auf Euren Kanälen für bestimmte Marken und Produkte werbt?

Dominic: Ne, die finden das gut. Meine Leute haben Angst, Dinge selbst zu machen. Die gehören wie ich der Generation Faul an, weil sie keine Fehler machen wollen und weil es ja auch oft eine Geldfrage ist. Für eine 17-Jährige sind 30 Euro für ein Haarfärbemittel viel Geld. Da schaut sie sich eben ein Video an. Und ich mach das, weil ich Bock dazu habe.

Vero: Das ist das Wichtigste. Was man macht, ausprobiert, muss zu einem passen. Bei uns geht es um Authentizität.

Dominic: Schwieriges Wort (beide lachen).

Vero: Und es muss Spaß machen.

Hast Du schon mal für eine Sache geworben, die nicht gepasst hat?

Vero: Ich hab mal für Tierfutter geworben, weil ich es lustig fand. Aber weil es nicht zu mir gepasst hat, habe ich es in meinen sozialen Netzwerken nicht kommuniziert. Ich stehe eher für Musik, Mode, Lifestyle und Unterhaltung. Es hat fünf Jahre gedauert, bis ich mir das aufgebaut habe und damit Geld verdiene. Da muss man aufpassen, was man tut.

Verdienst Du Geld, Dominic?

Dominic: Ich bin ja bei Thic angestellt und habe zwei Verträge, einen Künstlervertrag als Influencer und einen Agenturvertrag, weil ich auch für die Agentur arbeite. Mir macht das total Spaß hier. Ich hab schon immer gerne viel, schnell und laut geredet. In der Schule haben sie mich gemobbt, weil ich schwul bin. Irgendwann hab ich mir gesagt: Ich lasse mir nichts mehr gefallen. Neulich hab ich ein Feedback von einer 32-Jährigen bekommen, einer 32-Jährigen (!). Die sagte mir, dass sie mich total dafür bewundert, wie selbstbewusst ich auftrete. Ich bin ich.

Vero: Das ist lustig. Auch ich hatte in der Schule 'ne blöde Zeit. Vielleicht schaffen es gerade die Leute vor die Kamera, die Anerkennung suchen.

Habt Ihr nicht mit Hate-Kommentaren zu kämpfen?

Dominic: Eigentlich nicht. Im Gegenteil.

Vero: Nicht prinzipiell. Mich jucken negative Kommentare auch überhaupt nicht, genauso wie ich nicht ausflippe, wenn ich Lob kriege. Ich mein: Hey, das ist das Internet. Das ist nicht real life.

Ihr verdient als Influencer nicht schlecht. Aber der Preis ist hoch: Always on – ist das nicht anstrengend?

Dominic: Das ist das, was ich machen will. Ok, auch ich hab' meine ruhigen Minuten, wenn ich mich auf die Couch lege, sonntags mal kein Video drehe und weniger als 200 Worte pro Minute sage. Wenn Vero und ich in 'ner Bar sind, sitzen wir in der Ecke und können miteinander reden, in aller Ruhe und freundschaftlich, auch ohne Snapchat. Aber stimmt: Vero hat mehr Privatleben als ich.

Vero: Dominic ist der Typ, dem ist es egal, ob die Kamera läuft oder nicht. Ich will auch meine Ruhe. Und kein Video von mir drehen, wie ich im Bett sitze und Chips esse. Da muss schon was Spannendes passieren. Deshalb halt ich auch mal meine Klappe.

Thic hat Euch auf bestimmte Rollen festgelegt als Influencer. Engt Euch das nicht ein?

Vero: Ne, ich bin die, die ich bin.

Dominic: Ich spiele das nicht. Ich hab da überhaupt keinen Leistungsdruck. Ich sage und mach was ich will. Freitag hab ich zum Beispiel ein neues Video hochgeladen, in dem ich gegen so 'ne andere Schwuchtel hetze. Der ist 20mal größer als ich, aber den find ich scheiße, weil er 100 Prozent bestätigt, was eingeschränkte Homophobe über Schwule denken. Der provoziert, macht das mit Absicht. Das hat keinen Mehrwert. Seine Kommentare sind 50 Prozent Likes und 50 Prozent schlecht. Ich hab das meiner Managerin Natalie gezeigt, die findet das schwierig. Sie sagt, da werden viele negative Kommentare kommen, aber ich steh' dazu . Ich werd' meine Meinung eh nicht ändern.

Was frustriert Euch?

Dominic: Wenn ein Zwölfjähriger, den ich auf einer Fortbildung zu Youtube kennengelernt habe, 20.000 Follower hat, obwohl er einfach nur das Handy laufen lässt, irgendein inhaltsloses Gelaber abfilmt und online stellt. Wir betreiben hier bei Thic so einen Aufwand, wir messen ISO, wir haben ein spezielles Mikro. Das ist professionell. Das ist ein richtiger Konkurrenzkampf unter Youtubern. Aber Richard (Richard Huth, Geschäftsführer von Thic; Anm. d.Red.) sagt immer, zum Job gehört Durchhaltevermögen.

Vero: Und das stimmt. Ich mach das jetzt schon wie gesagt fünf Jahre. Ich wollte immer den mutigeren Weg gehen als meine Eltern. Ich hab vorher meine Veranstaltungskauffrau gemacht, davor Abi, war auf der Schauspielschule – damit ich das in der Tasche hab. Aber mein Traumjob ist das hier.

Ist Euch nichts peinlich? Zum Beispiel, wenn Ihr auf Vero TV über Eure sexuellen Präferenzen sprecht?

Dominic: Also, wenn einem schnell mal was peinlich ist, ist man auf Youtube definitiv falsch, würde ich sagen.

Was bringt die Zukunft?

Vero: Ich mach einfach so weiter (lacht).

Dominic: Tolle Events, neue Kooperationen, dass ich viele Menschen kennenlernen kann. Ich liebe nichts mehr als Partyblogs zum Beispiel. Es läuft echt gut, alles geht steil nach oben; dass ich mein Leben lebe halt.

Ein Porträt der Content-Marketing-Agentur Thic aus Charlottenburg findet Ihr in der W&V-Ausgabe Nr. 9/2017 vom 27.2. Hier geht's zur Einzelheftbestellung.


Autor:

Conrad Breyer, W&V
Conrad Breyer

kam über Umwege ins Agenturressort der W&V, das er heute leitet. Als Allrounder sollte er einst einfach nur aushelfen, blieb dann aber. Er liebt alles, was Struktur hat in der Agenturwelt und Werbern unter den Nägeln brennt. Angefangen hat das alles mit einem Praktikum bei Media & Marketing, lange her. Privat engagiert er sich für LSBTI-Rechte, insbesondere in der Ukraine.



7 Kommentare

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Anonymous User 7. März 2017

"Vero: Nicht prinzipiell. ... Ich mein: Hey, das ist das Internet. Das ist nicht real life."

- Denn Sie wissen nicht, was sie tun. Wenn das die Meinung von Vero ist "Das ist nicht real life", dann Gute Nacht. So wird Populismus gemacht. Ohne Rücksicht auf die werdenden und gerade gewordenen Teenager.

Anonymous User 7. März 2017

Deren Sprache ist gut, deren Anspruch ist gut. Sollen weitermachen und das Thema vorantreiben. Die Nutzer scheint es zu interessieren und darum geht es. Auch wenn es eine "Sau im Dorf" ist, egal. Marketing muss die "Sau" erkennen und reiten. Awareness und Relevanz, darum geht es nun einmal, sonst wird da nix verkauft. Siehe hierzu auch die neue Bildwelt von Mercedes. Das fügt sich alles.

Anonymous User 7. März 2017

Lieber Herr Weixelbaumer,

danke für Ihre Anregung. Sicher haben die beiden noch nicht die Relevanz anderer Influencer, aber uns war hier eher daran gelegen zu zeigen, wie Influencer ihr Leben danach ausrichten, always on zu sein. Interessant finde ich auch, dass die Agentur Thic sie erst aufbaut und auf die Perspektive in der Zukunft setzt. Die beiden "Hipster", wie Sie sie nennen, stehen stellvertretend für eine ganze Generation. Thic ist aus einer Studenteninitiative heraus entstanden mit Starthilfe von Dorland, aber erfolgreich. Junge Leute, die einfach loslegen und machen, das war uns schon einen Bericht wert. Sie finden das Portrait der Agentur in der aktuellen W&V unter Newcomer.

Beste Grüße, Conrad Breyer

Anonymous User 7. März 2017

Liebe w&v,

ich bin ein wenig enttäuscht über diesen Artikel. Trägt er doch dazu bei, ein Thema bis zum Siedepunkt zu erhitzen, das durch Rockstar Events, Micro Influencer Buden aus Island und andere Gewächse schon kurz vor dem PR Exodus zu sein scheint.
Die vorherigen Kommentare belegen das ebenfalls. Wir Werber oder Media Leute sollten verantwortungsvoll mit dem umgehen was wir tun. Das gilt auch für Journalismus. Ansonsten verspielen wir unsere Glaubwürdigkeit.
Die zwei Hipster, die hier im Artikel auftauchen, um die einhundertste Influencer Bude zu promoten sind keinesfalls Aushängeschild, erwähnenswert oder mit Mehrwert für Influencer Marketing.
Es gibt abseits der Welt der Selfies und Placements wirklich Profis, die als Inflluencer arbeiten. Diese wenigen werden durch solche weichgespülten Artikel mit in die Ecke des unprofessionellen gezogen. Influence kommt von Einfluss. Ich glaube der Einfluss der oben genannten ist begrenzt. Also bitte mehr Relevanz beim nächsten mal. Zum Beispiel: Wie bekommen wir die Qualität ins Influencer Marketing zurück? Oder gerne auch die Trennung von Redatkionellem und Werbung ansprechen. Es gibt viele Themen die noch zu behandeln sind in der Zunft der Multiplikatoren der Neuzeit ;-)

Anonymous User 7. März 2017

Influencer? Auch das geht vorbei - schneller als alle denken. Bin gespannt auf die "nächste Sau, die durchs Dorf gejagt wird".

Anonymous User 6. März 2017

"Influencer" mit dieser lächerlichen Reichweite..

Anonymous User 6. März 2017

Boah voll geil Influencer. Lasst uns denen massig Kohle an den Hals werfen. Voll cool vong Lässigkeit her.

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