Cannes Lions :
Goldsegen für Jung von Matt in Digital Craft

Endlich geht in Cannes die Post ab für Deutschland: In der neuen Digital-Craft-Kategorie gibt es drei Gold-Löwen, bei Creative Effectiveness einen Silber-Löwen und in der PR-Kategorie zweimal Bronze. Beinahe hätte Jung von Matt den Grand Prix geholt.

Text: Conrad Breyer

"Falter - Inferno": Jung von Matt verpasste mit der Arbeit knapp den Grand Prix.
"Falter - Inferno": Jung von Matt verpasste mit der Arbeit knapp den Grand Prix.

Großer Aufschlag bei den Cannes Lions in der neuen Kategorie Digital Craft. Jung von Matt gewinnt für den Wiener Falter gleich drei Goldlöwen. Fast hätte die "wunderbare, mit viel Engagement gemachte" Arbeit mit dem Titel "Inferno" den Grand Prix gewonnen, sagt Jury-Präsident Wesley ter Haar von MediaMonks. "Es war wirklich sehr knapp."

Der Kinospot

Was am Ende gefehlt hat? Die Interaktion. Die hatte 84.Paris besser drauf, weshalb die Designagentur auch den Grand Prix mit nach Hause nimmt. Das zehnjährige Jubiläum von Because Music hatten die Franzosen mit einer großen - eben interaktiven - Aktion in Szene gesetzt. Jeder konnte sich auf der Website des Musiklabels auf eine Reise durch zehn Jahre Musikgeschichte machen, sie spielerisch erfahren. Der Jury hat das gefallen: "Recollection" sichert sich deshalb den Grand Prix.

Digital Craft ist neu in Cannes. Die Kategorie zeichnet Arbeiten aus, die herausragend exekutiert sind, stilbildend, voller Liebe. 50 Löwen hat die Jury vergeben aus 1150 Einreichungen (hier die Gewinnerliste). Der Bereich dürfte in den kommenden Jahren an Bedeutung gewinnen.

Jung von Matt hat mit dem Falter begeistert. Die Arbeit ist als Gemeinschaftswerk von Jung von Matt/Donau in Wien und Jung von Matt Hamburg entstanden. Über den deutschen Anteil an der Arbeit lässt sich spekulieren.

Am Dienstagabend wurden auch die Preise in den Kategorien PR und Creative Effectiveness verliehen. In beiden Disziplinen schlagen sich die Deutschen wacker. Natürlich gewinnt das Hasenrennen von Media Markt (Agentur: Ogilvy, Frankfurt) einen Effectiveness-Löwen: Silber ist es geworden. Die Arbeit hat gute Resultate gebracht. Eingereicht werden dürfen bei der Kategorie nur Arbeiten, die bereits in Cannes überzeugt haben (hier geht's zur Creative-Effectiveness-Gewinnerliste).

Zwei Löwen für Deutschland vergab die PR-Jury (fünf waren es im vergangenen Jahr). 2016 - zweimal Bronze. Jung von Matt erhält Bronze für #heimkommen (Edeka). BBDO Düsseldorf überzeugt mit "Keys of Hope" für den Deutschen Caritas-Verband. Das ist die PR-Gewinnerliste.

Bei aller Freude über den Erfolg von "Falter - Inferno" (die Arbeit punktet in vielen Kategorien und Jung von Matt führt deshalb am Dienstag bereits das Agenturranking an): Das bisherige Abschneiden des Edeka-Films "Heimkommen" dürfte in Hamburg enttäuschen. #heimkommen galt als großer Favorit für Cannes. Allerdings ging das Viral mit vielen anderen Weihnachtskampagnen ins Rennen, die teilweise eben noch ein Stück besser waren.

Den Creative-Effectiveness-Grand Prix heimst deshalb das britische Handelshaus John Lewis mit "Monty’s Christmas" ein (Adam & Eve/DDB): die berührende Geschichte eines Jungen und seines Pinguins, die Millionen zu Tränen rührte und nicht wenigen das Geld aus der Tasche zog. "Wir wollen dafür sorgen, dass Werbung verkauft", sagt der weltweite BBDO-Chef und Jurypräsident Andrew Robertson.

Da ist er wieder - der Trend der Woche: Cannes will verkaufen. Die gute Sache verficht in diesem Jahr niemand mehr, wenn sie nicht einen klaren Bezug zur Marke hat und konkrete Ergebnisse einfährt. Das ist im Übrigen auch beim PR-Grand Prix der Fall. Die Jury unter Leitung von John Clinton (Edelman) vergab ihn an die Handelskette Coop aus Schweden. Coop hatte in einer großen PR-Aktion eine Familie, die sich konventionell ernährte, für eine Woche mit hauseigenem Bio-Food gefüttert. Danach wurden Urinproben genommen: In den Körpern der Testpersonen fanden sich praktisch keine Pestizide mehr. Die Kampagne ging durch die Decke und zeigt, wie ein gesellschaftsrelevantes Thema Image und Abverkauf fördern kann, wenn es für die Marke relevant ist. "Uns geht es ums Business", stellte Clinton klar.

In Cannes geht es ums Geldverdienen. Wer hätte das gedacht?


Autor:

Conrad Breyer, W&V
Conrad Breyer

kam über Umwege ins Agenturressort der W&V, das er heute leitet. Als Allrounder sollte er einst einfach nur aushelfen, blieb dann aber. Er liebt alles, was Struktur hat in der Agenturwelt und Werbern unter den Nägeln brennt. Angefangen hat das alles mit einem Praktikum bei Media & Marketing, lange her. Privat engagiert er sich für LSBTI-Rechte, insbesondere in der Ukraine.