Dokyo :
Impressionen vom SXSW: Twitter ist tot

Tobi Oebel, Julian Schienemeyer, Laura Claus und Julia Brinkmann von der Agentur Dokyo berichten täglich aus Austin: Selbst auf Events wie dem SXSW scheint Twitter allmählich auszusterben.

Text: W&V Leserautor

- 2 Kommentare

Julian Schienemeyer, Laura Claus, Julia Brinkmann und Tobi Oebel (v.l.) berichten täglich vom SXSW in Austin.
Julian Schienemeyer, Laura Claus, Julia Brinkmann und Tobi Oebel (v.l.) berichten täglich vom SXSW in Austin.

Sie sind jung, neugierig und wahnsinnig aufgeregt. Tobi OebelJulian SchienemeyerLaura Claus und Julia Brinkmann von der Agentur Dokyo berichten täglich vom SXSW aus Austin (Texas).

Convergence-Keynote von Cory Richards:
Zwei Milliarden Mediakontakte und was Authentizität wirklich bedeutet

In der ersten Convergence-Keynote der SXSW 2017 gewährte Cory Richards tiefe Einblicke in sein bewegtes Leben und seine Fotografie: Neben unglaublichen Geschichten von Dschungelwanderungen, Bergexpeditionen und Ausflügen in Krisengebiete erzählte der 35-jährige Fotograf überraschend offen von seinem Scheitern und seinen persönlichen Problemen: seiner Alkoholabhängigkeit infolge einer posttraumatischen Belastungsstörung, seiner gescheiterten Ehe, seinen tiefgreifenden psychischen Problemen in der Kindheit, die ihn sogar zeitweise in die Obdachlosigkeit führten. All das fügt sich zusammen, gehört zu seinem Erfolg. Seine großartigen und beeindruckenden Fotos sind also höchst ambivalent und eng verknüpft mit der dunklen Seite seines Lebens.

Seine Besteigung des Mount Everest, dokumentiert auf Snapchat mit insgesamt 2 Mrd. Mediakontakten, ist laut Richards also nicht nur das Ergebnis von authentischem Content, sondern gibt auch Zeugnis davon ab, wie jemand vor sich selbst wegläuft.

Foto aus der Keynote von Cory Richards (Quelle: Dokyo)

Foto aus der Keynote von Cory Richards (Quelle: Dokyo)

Gary Vaynerchuk, amerikanischer Seriengründer und Online-Marketing-Guru:

Nach allem Bekannten, all der immer wieder angebrachten Kritik wie etwa "F*cking mobile first. Then TV. And all other shit" hat Gary Vaynerchuk seine Meinung zu AR/VR bestätigt: Alle sprechen darüber, aber es ist noch so weit weg. Und noch so irrelevant. Und zur Frage, ob nun Snapchat oder Instagram Stories besser sind, meinte Gary: "Einfach beides. Warum benutzt du nicht einfach beides?!"

Unsere Frage nach dem nächsten Influencer Marketing hat auch jemand gestellt. Gary Vee meint dazu nur: "I don't f*cking know. I'm not Socrates. But NOW, go full force on influencers."

Casey Neistat, amerikanischer Filmregisseur, Filmproduzent und Youtube-Persönlichkeit:

Casey eine Stunde lang reden zu lassen über sich und sein Lebenswerk, ist immer eine gute Idee. Ihn danach noch Fragen im Q&A beantworten zu lassen: super! Mit ihm zusammen den neuen "Do what you can't!"-Spot abzufeiern – überragend. Leider hat er noch nicht viel zu CNN gesagt oder sagen können, aber Samsung macht mit ihm gerade einiges richtig...

Casey Neistat

Casey Neistat

Makers Spaces

Facebook, Nike, Airbnb, Pinterest, IBM - alle haben sie: Maker Spaces. Kreativwerkstätten, wenn man so will. Räume, in denen die Angestellten neben der normalen Arbeit ihrer Kreativität freien Lauf lassen können. Dort stehen mal Siebdruckmaschinen, um sich ganz easy eigene Shirts oder Beutel oder auch Siebdruck-Poster zu machen oder mal 3D-Drucker, mit denen experimentiert werden kann. Eine tolle Möglichkeit, um Prozesse und Produktionen zu verstehen, aber auch Ideen direkt innerhalb der Büroräume umzusetzen.

Mark Parker, CEO von Nike, in deren Makers Space

Mark Parker, CEO von Nike, in deren Makers Space

IBM Watson

IBM zeigte ihre AI Watson in unterschiedlichsten Facetten, denn er kann viel mehr als nur bei Jeopardy gewinnen. Live erleben konnte man z.B. intelligente Räume, die weit über IoT hinausgehen. Gerade für ältere Menschen super spannend, denn Watson merkt, wenn man den Kühlschrank nicht mehr regelmäßig benutzt. Oder ein Sofa ungewöhnlicherweise nicht mehr benötigt wird. Dann merkt er, dass etwas nicht stimmt und alarmiert.

Außerdem konnte man mit ihm einen kleinen Plausch übers Smartphone halten, denn seine Intelligenz wächst mit jedem Dialog, den er mit einem Menschen führt.

Copying is good

Der chinesische Kollege Raymond Chin, jetzt Chief Creative Officer bei Publicis.Sapient China, erzählte, warum Kopieren gut ist. Warum man durch Kopien die ultimative Innovation kreieren kann ("Copying done right is the best form of innovation."). Neben bekannten Beispielen wie Apple und Dieter Rams oder WeChat, das in China alle anderen Apps überflüssig macht durch seine All-In-One Lösung, stellte er interessante Regeln fürs "Abschreiben" auf. Die Beste: "Ruthlessly copy the method, not the thing."

Screenshot aus Copying is good

Screenshot aus Copying is good

20 Years of Data: Listening to the heartbeat of the Internet

Jon Roberts, Innovation Officer von About.com, sprach über die Wandlung der Plattform, die großen Datenmengen und wie man aus Daten lernen kann. Seit 1996 wurden auf About.com über 3,5 Mio. Artikel über verschiedenste Themen angesammelt. Nach dem Verkauf war die Aufgabe von Roberts, diesen immensen Datenschatz zu verwalten und auszuwerten. Über die Kategorisierung von Nutzerdaten aus 20 Jahren und der großen Content-Basis können Roberts und sein Team Muster erkennen und Vorhersagen treffen.

Wenig überrascht der Befund, dass im Herbst das Interesse an Grippe höher ist als im sonstigen Jahr, umso interessanter sind dann die Änderungen in genau diesen Mustern. Das reicht vom Anstieg an Artikeln zu fragwürdigen Finanzprodukten vor der Finanzkrise bis zu einem US-weiten Anstieg des Interesses an günstigen Rezepten danach. Die Suchanfragen nach Gesundheitsthemen sind an und kurz nach Feiertagen und Ferienzeiten deutlich geringer als im Rest des Jahres. Man kann also davon ausgehen, dass die Gesundheit an diesen Tagen für viele Leute keine Rolle spielen.

Die Wahl von Trump im November hatte den gleichen Effekt, das Interesse an Gesundheitsthemen sank um 40 Prozent und das blieb sogar ganze drei Tage so. Laut Roberts hat also die Wahl von Trump der USA einen dreitägigen Kater verpasst. Neben solchen teils witzigen doch immer interessanten Erkenntnissen sind jedoch auch klare Entwicklungen erkennbar und damit mögliche Ereignisse vorhersehbar. So war das Interesse an der Wahl im November überproportional hoch bei Millennials, Frauen und Bewohnern von Großstädten. Genau diese Personengruppen demonstrierten dann im Januar gegen Trump.

Start-up Pitch: Modular

Modular ist ein junges Unternehmen aus den USA, das den alten amerikanischen Traum vom Eigenheim mit Familie und allem Drumherum für jeden ermöglichen will. Mit modularen Häusern. Ein massiver Gap zwischen superfetten Häusern und Mietwohnungen muss wieder geschlossen werden. Bei Modular startet man z.B. mit einem kleinen Häuschen für eine Person. Dann kommt der Partner hinzu und man setzt eine Etage drauf. Bei Kindern und Haustieren, setzt man wieder ein Hausteil an der Seite an. Oder zwei. So wächst das Haus mit den Bedürfnissen. Ein wahnsinnig spannender Ansatz, gerade in unserem Alter.

Interactive-Keynote von Jennifer DouDNA, amerikanische Biochemikerin und Molekularbiologin:

Der Anfang über CRISPR war sehr biologisch. Da konnte man als Werber nicht viel mitnehmen. Allerdings bei Ethics wurde man wieder wacher: Die Institute arbeiten nicht daran, genetisch perfekte Menschen zu kreieren, sondern "Enhancements" und das Risiko von Krankheiten zu mindern, wie etwa Alzheimer, Schlaganfälle und Krebs.

Ethische/moralische Gefahr ist trotzdem ein GATTACA-ähnliches Szenario von "erstellten" Neugeborenen nach den Wünschen der Eltern. Man stelle sich vor, dass die DNA eines Menschen eben wirklich ultimativ so leicht editierbar wäre wie das Google Doc, in das ich gerade tippe...

Eröffnungschart der Keynote von Jennifer Doudna

Eröffnungschart der Keynote von Jennifer Doudna

Foto Ops

Wenn man Teil der SXSW ist, merkt man, dass die Amerikaner und vor allem jene in der Entertainment-Branche, absolute Profis für Foto-Opportunities sind. Besonders waren dabei z.B. die Curly Fries im 1:1 nachgebauten Los Pollos Hermanos aus Breaking Bad/Better Call Saul, in dessen Schlange auch der Original-Wagen von Saul Goodman stand oder ein 5 Meter hoher, rauchender, weißer Bulle mit einem Neonschild für American Gods. Instagram ist voll mit Fotos von beidem. Logischerweise.

HBO greift außerdem den Escape Room Trend auf und stellt 3 verschiedene Räume für 3 verschiedene Shows auf: Silicon Valley, Veep und Game Of Thrones. Da müssen wir noch hin. Aber wie war der Slogan von Pied Piper noch gleich? "Making possibilities possible."

Promostand Los Pollos Hermanos von Better Call Saul

Promostand Los Pollos Hermanos von Better Call Saul

The Alternative Uber

Hier in Austin hat man Lyft und auch das böse Uber einfach rausgeschmissen. Und durch bessere, für die Fahrer fairere Lösungen ersetzt: Fasten & Ride Austin. Allerdings kann es zur Crunch-Time auch mal teurer werden. Statt sich über Uber aufzuregen also einfach mal die Energie in Alternativen stecken!

Food Trucks done right

Auch das können sie: Food Trucks. Wenn irgendwer in einer Agentur nochmal an einen Food-Truck für einen Kunden oder als Exit-Strategie nachdenkt, sollte er sich die ganzen Foodies hier mal anschauen. Irgendwie alles netter, ansehnlicher und spaßiger. Und mit unfassbar leckerem Kram.

Twitter will be dead

Eigentlich lief Twitter doch immer heiß bei solchen Konferenzen und Festivals oder? Dieses Jahr wird es auffallend wenig genutzt. Es stirbt selbst hier aus. Es kackt richtig ab, würde ich sagen. Das Publikum snappt lieber und/oder nutzt Instagram Stories, wobei die Events und Marken zusätzlich vermehrt die Live-Funktionen von Facebook und Instagram nutzen. Live und in Farbe anstatt in 140 Zeichen. Und Periscope haben wir doch auch schon alle vergessen.

6th Street

Nach den Vorträgen einfach mal auf die 6th Street und treiben lassen. Gerade am Samstagabend ein absolutes Highlight. Mehr Austin geht fast nicht.

Julian und Tobi beim Mario Kart zocken in der Arcade in der 6th

Julian und Tobi beim Mario Kart zocken in der Arcade in der 6th

Das Autorenteam:

Tobi Oebel (26, Hauptautor), verantwortlich für Creative Concept bei DOKYO, entwickelt Ideen, Konzepte, Strategien und Content - vorwiegend digital und für die Generation Y. Bei der SXSW sucht er die ultimative Inspiration: Trends und den heißen Sch**ß von übermorgen.

Julian Schienemeyer (33), Senior Digital Consultant, Berät Kunden und seine Kollegen bei DOKYO in digitalen Projekten und sagt, welchen heißen Sch**ß man wirklich braucht. Neben einem Überblick über Neues, möchte er von der SXSW ein bisschen von der genialen Macher- und Wir-können-alles-Atmosphäre der amerikanischen Szene mit nach Deutschland bringen.

Laura Claus (28), Senior Project Manager, liebt neuen digitalen Quatsch, den sie nicht aussprechen kann. Hofft bei der SXSW mit Inspirationen, neuen kreativen Ansätzen und Burritos überschüttet zu werden. 

Julia Brinkmann (34), Senior Project Manager, betreut ganzheitlich Kunden aus dem Bereich Food&Beverage und ist DOKYOs Spezialistin für Events und Live- Kommunikation. Sie freut sich insbesondere auf spannende Neuheiten, kreativen Input und einen inspirierenden Austausch mit anderen Teilnehmern.


Autor:

W&V Leserautor

W&V ist die Plattform der Kommunikationsbranche. Zusätzlich zu unseren eigenen journalistischen Inhalten erscheinen ausgewählte Texte kluger Branchenköpfe. Einen davon haben Sie gerade gelesen.



2 Kommentare

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Anonymous User 14. März 2017

Who the fuck is dokyo? Gabs nix besseres?

Anonymous User 14. März 2017

Kaum erwachsen und schon Senior. Krasse Krankheit der Werbebranche. Ab 40 folgt dann unweigerlich der Tod. Nach den ganzen "Herausforderungen" auch kein Wunder.

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