Und das ist der Grund, warum niemand über die Harvey Weinsteins in der Kommunikationsbranche spricht. Wir wollen alle unseren Job behalten, wieder gebucht werden, den Auftrag kriegen. In unserer Branche, in der unendlicher Spaß zur Jobbeschreibung gehört, kann sich keiner leisten, der Party-Pooper zu sein. Die doofe Nuss, die keinen Spaß versteht, bei der man aufpassen muss, was man sagt. Und ähnlich wie beim Film ist die Branche ja klein und die guten Jobs dünn gesät. Jeder kennt jeden. Und fast alle, die was zu sagen haben, sind Männer. Da will man keinen lila Winkel auf der Stirn haben.

Ein einziger Hitchcock hat gereicht, um die Karriere von Tippi Hedren zu zerstören. Alles nur, weil sie nicht mit ihm ins Bett wollte und das auch sehr deutlich gemacht hat. So wollen wir natürlich nicht enden.

Und so lachen wir mit, wenn Witze über unsere Titten gemacht werden oder wir gebeten werden, doch unter dem Schreibtisch Platz zu nehmen. Und wir vergessen sofort wieder, dass uns der Kollege im Taxi zwischen die Beine gegriffen hat. Und nach einer Weile fühlen wir den Kloß im Hals nicht mehr. Und irgendwann kommt der Tag, an dem wir zu einer heulenden Kollegin auf dem Klo sagen: "Mach dir nichts draus. Ist uns allen schon passiert. So isser eben." Denn wir wissen: Wir können nicht gewinnen.

In dem Moment, wo dem Mann klar wird, dass sein Verhalten unangemessen ist, haben wir verloren. Denn von da an ist er es, der sich unbequem fühlt in unserer Anwesenheit, und das heißt: Wir müssen gehen. Also machen wir uns zu seinem Komplizen und sorgen dafür, dass er nichts merkt. Dass alle denken, dass alles ok ist.

Denn uns ist klar: Es sind die Tippis, die ihre Jobs durch sexuelle Übergriffe verlieren. Nicht die Harveys.

Hannah S. Fricke
ist Creativ Director und Strategischer Planer.
Sie hat in Top-Agenturen auf Top-Etats fest oder frei gearbeitet, ist mehrfach von ADC und TDC ausgezeichnet worden und ist heute Geschäftsführer der Agentur Frau Fricke S.L. in Barcelona, die sich auf Markenstrategien und ihre Umsetzung spezialisiert hat. Den Kommentar zu #MeToo schrieb sie als freie Autorin für W&V.


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W&V Redaktion
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