Im November 1990 meldet das "Handelsblatt": Jean Remy von Matt und Holger Jung, Geschäftsführer bei Springer&Jacoby (Jung leitet die Dritte, von Matt die Fünfte S+J-Unit) werden Ende 1991 die Hamburger Werbeagentur verlassen, um eine eigene Agentur zu gründen. Startkunde ist Sixt, den sie von S&J mitnehmen.

1993 Die "Wirtschaftswoche" bezeichnet S&J als "mit einem betreuten Auftragsvolumen von rund 400 Millionen Mark die größte unabhängige deutsche Reklamefabrik". In einem Interview mit dem gleichen Blatt fordert Reinhard Springer eine Qualitätskontrolle der Fernsehanstalten bei den TV-Spots: "Die Zuschauer sollten Commercials zensieren und der Sender daraufhin schlechte Werbung einfach ablehnen."

1994 Reinhard Springer und Konstantin Jacoby verabschieden sich aus dem operativen Geschäft der Agentur und kümmern sich nur noch um die strategische Ausrichtung der Agentur. Gleichzeitig erreicht die Agentur 1994 das bisher beste Jahr seit ihrer Gründung: Mit einem Anstieg des betreuten Werbevolumens auf 512 (Vorjahr 467) Millionen DM und einem zehn Prozent höheren Honorarumsatz von 77 (1993: 70) Millionen DM.

Die Agentur hat seit 1995 veränderte Beteiligungsverhältnisse und eine neue Organisationsstruktur. Reinhard Springer und Konstantin Jacoby haben 50 Prozent der Anteile (minus zwei Stimmen) der Springer & Jacoby Holding GmbH an 41 Mitarbeiter abgegeben und sind in den Aufsichtsrat der Dachgesellschaft eingezogen. Unter dem Dach der Holding-Gesellschaft, die aus steuerlichen Gründen ihren Sitz im mecklenburgischen Wackerow bei Greifswald genommen hat, arbeiten fünf eigenständige Unteragenturen mit jeweils einem kreativen Kopf an der Spitze. So sollen mehrere Gesichter und unterschiedliche Handschriften die Agentur prägen. Vorsitzender der Geschäftsführung ist Henk Slagman.

348 Mitarbeiter betreuen Anfang 1995 mehr als 60 Etats.

1996 übernehmen Manfred Schüller und André Kemper die Agenturleitung von Slagman, der sich selbstständig macht.

Kassaeis Vordenker: Reinhard Springer denkt im gleichen Jahr im "Handelsblatt" über die Gründung einer "kreativen Unternehmensberatung" nach: Um den Absatz von Produkten zu fördern, müsse man seiner Meinung nach nicht erst bei der Werbung ansetzen, sondern bei der strategischen Planung."Wenn die Richtung in der Unternehmensfuehrung nicht stimmt, können sie mit der Werbung auch nichts retten", sagt er.

S&J muss 1996 eine größere Welle an Etatverlusten verschmerzen: Neben Miele verlieren die Hamburger auch Barcadi Rum, Pit Stop, die Hühnerfleischmarke Friki, die Strumpfmarke Nur Die und Müller Milch.

November 1996: 298 Marketingentscheider wählen die Hamburger Agentur im W&V-Agentur-Monitor - wie schon 1995 - zur besten deutschen Agentur. Auf Platz zwei und drei folgen Jung von Matt, Hamburg, und BBDO, Düsseldorf.

1997 Aufgrund einer mauen Neugeschäftsbilanz krempelt S&J die Agentur um: Galten bislang die Kreativen als das Herzstück der Agentur, so werden nun die Berater gleichgestellt, die den Kunden die Kampagnenentwürfe nahebringen sollen.

1998 S&J tritt aus dem GWA aus. Man sei mit den Leistungen nicht mehr zufrieden, heißt es.

Auch 1999 kürt die W&V Springer & Jacoby wieder zur kreativsten Agentur. Für die Liste werden die Ergebnisse aller nationalen und internationalen Kreativwettbewerbe zusammengerechnet. Den zweiten Platz belegte der Vorjahressieger Jung von Matt, Hamburg, und an dritter Stelle kommt die Berliner Agentur Scholz & Friends.

2000 Die amerikanische Werbeholding True North beteiligt sich mit 35,5 Prozent an Springer & Jacoby; mit der Option, diese Beteiligung bis 2003 auf 51 Prozent zu erhöhen. Treibende Kraft hinter der Beteiligung ist Großkunde Daimler. Mit dem Deal erteilt die Agentur dem Network Omnicom eine Absage. "Eine Niederlassung in Barcelona haben wir soeben gegründet, in Italien stehen wir kurz vor dem Abschluß. Unser Hauptaugenmerk wird zunächst weiterhin auf Europa liegen, dann wollen wir Nordamerika, schließlich Fernost ins Auge fassen", lässt sich André Kemper in der "FAZ" zitieren.

2000 S&J kehrt in den GWA zurück.

Das Agentur-Network Interpublic schluckt im Jahr 2001 True North. 518 Mitarbeiter arbeiten zu diesem Zeitpunkt für S&J. Die Agentur erzielte im Jahr 2000 einen Umsatz von 826 Millionen DM.

Ende 2002 wird bekannt, dass André Kemper mit Hubertus von Lobenstein die BBDO-Führung übernehmen wird. Kemper hat jahrelang den wichtigsten Kunden Mercedes-Benz betreut. Fast zeitgleich verkündet Amir Kassaei seinen Wechsel zu DDB. Er hatte als erster Anwärter auf den Posten von Kemper gegolten. S&J holt sich im Gegenzug Erik Heitmann von DDB als neuen Kreativen für Mercedes.

2003 S&J arbeitet nicht mehr für die Deutsche Telekom. Interpublic hält ab sofort 51 Prozent.

2004 Die Werbeagentur muss beim ADC Jung von Matt den Vortritt lassen. Bei der Auszeichnung der kreativsten Werbekampagnen durch den Art Directors Club (ADC) entfallen lediglich 38 Punkte für besonders kreative Leistungen auf Springer & Jacoby - nach einer doppelt so hohen Punktzahl (76) im Jahr 2003. Damit fällt S&J im "Kreativ-Ranking" des ADC von Platz eins hinter die Ortskonkurrentin Jung von Matt zurück. Diese ergatterte 82 Punkte.

Alexander Schill, Jörg Schultheis und Olaf Oldigs übernehmen die Deutschlandgeschäfte von S&J Anfang 2004.

Sommer 2004 S&J baut erneut um, nachdem sie sich erst vor einem Jahr eine neue Struktur verpasst hatte. Die bisherigen "Säulen" S&J Deutschland, S&J International und S&J Special Forces werden abgeschafft.Oliver Schwall, bisher für den Aufbau des internationalen Netzes verantwortlich, Aris Theophilakis, seit Januar Kreativchef und Sandra Rehder, bisher für die Disziplinen jenseits der klassischen Werbung verantwortlich, kümmern sich damit um die gesamte Gruppe. Manfred Schüller wechselt in den Aufsichtsrat.

Ende 2004 geht Schüller zu Publicis. Die Agentur stürzt im Jahr 2004 vom ersten auf den siebten Platz im W&V-Kreativranking ab.

2005 Die US-Werbeholding Interpublic entschließt sich, ihre 51-prozentige Beteiligung an S&J zu verkaufen.

In Cannes gewinnt S&J zwei goldene Film-Löwen. Die Deutschlandchefs Schill und Schultheis verlassen die Agentur. Gruppenchef Oliver Schwall und Kreativchef Erik Heitmann verordnen der Agentur eine "Effizienzprogramm". Bis zum Jahresende sollen rund 70 von 450 Mitarbeitern die Gesellschaft verlassen.

Sommer 2006 Daimler-Chrysler kündigt Springer & Jacoby zum Ende des Jahres und lässt künftig die Automobilmarke Mercedes-Benz in Deutschland, Österreich und der Schweiz vom Hamburger Hauptkonkurrenten Jung von Matt betreuen. "Mit Jung von Matt unterstützt uns künftig eine der kreativsten Agenturen weltweit", sagte Olaf Göttgens, der damalige Leiter Markenkommunikation Mercedes-Benz Pkw, zur Begründung in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung". Jung von Matt sei ein Partner, der "inhaltlich, strategisch und persönlich am besten zu uns paßt".

Die Namensgeber der Agentur Reinhard Springer und Konstantin Jacoby verkaufen ihre verbliebenen Anteile an die Avantaxx AG. Diese übernimmt die Mehrheit der Springer & Jacoby Gruppe. Das neue Management setzt das Unit-System mit klaren Verantwortlichkeiten wieder ein. Die Agentur wird auf Grund von strengen Qualitätskriterien auf ca. 180 Mitarbeiter in Hamburg angepasst. Horst Wagner wird Geschäftsführer von Springer & Jacoby.

2007 Ercan Öztürk folgt auf Horst Wagner.

2009 Die Agentur feiert ihren 30. Gründungstag; von einst rund 400 Mitarbeitern sind 50 Angestellte übrig geblieben. Im Juli verlässt Öztürk Springer & Jacoby.

Dienstag, 6. April 2010 Lutz Schaffhausen stellt beim Amtsgericht Hamburg den Insolvenzantrag.

Was können Agenturen aus der S&J-Pleite lernen? Diskutieren Sie mit in unserem Blog.


Autor:

Lena Herrmann
Lena Herrmann

schreibt als Redakteurin für das Marketingressort der W&V unter anderem über Sportmarken und Reisethemen. Beides beschäftigt sie auch in ihrer Freizeit. Dann besteigt sie Berge, fährt mit dem Wohnmobil durch Neuseeland, wandert durch Weinregionen oder sucht nach der perfekten Kletterlinie.