Kolumne von Norbert Möller :
Thinking on Design: Warum wir Fotografen wieder wertschätzen sollten

Noch nie konnten Kreative unter so vielen Fotos auswählen wie heute. Stockarchive und Online-Plattformen bieten alles, was das Herz begehrt. Dabei vergessen wir manchmal, wie einzigartig die Bilder professioneller Fotografen sind - und wie unverwechselbar sie eine Marke machen.

Text: Norbert Möller

04. Mar. 2016 - 4 Kommentare

Seit dem 12. Januar habe ich einen neues Hintergrundbild auf meinem iPhone. Dieses Motiv habe ich mir jetzt mittlerweile sicher schon 5.000mal angeschaut. Ich brauche immer sehr lange, bis ich mich für ein Motiv entscheide, von dem ich glaube, dass es mich nicht nervt. Aus dem Augenwinkel sehe ich, dass sich viele meiner Mitmenschen für Familienbilder entscheiden. Macht ja auch Sinn, man ist viel unterwegs und freut sich einfach jedes Mal, seine Liebsten zu sehen.

Mein Foto hingegen ist der Schnappschuss eines Fotos der Fotografenikone Albert Watson, das ich 2013 in der Ausstellung "Visions" aufgenommen habe. Die Ausstellung damals in den Deichtorhallen in Hamburg hat mich umgehauen: Watson hat jeden Prominenten der Kultur- und Popszene fotografiert, den man sich vorstellen konnte. Ich war davon fasziniert, welche Intensität schwarz-weiße Fotografie haben kann, wie raffinierte Komposition und außergewöhnliche Lichtführung mich förmlich in die Bilder hineinziehen.

Warum ich das schreibe? Weil mir andererseits auch immer öfter auffällt, wie stark die Wertschätzung der Fotografie in unserem Business abgenommen hat. Alles ist irgendwie schnell und günstig verfügbar. Wir recherchieren für unsere Kunden in Stockarchiven nach rechtefreien Bildern, der Inhalt ist eigentlich egal, Hauptsache sie sind bunt. Dagegen steht die Kunst eines Albert Watson und die Erkenntnis, wie ausdrucksstark Bilder sein können. Gerade schwarz-weiße Bilder, die durch Ihre Farbreduktion im Prinzip alles entlarven – Komposition, Licht, Inhalt, Motiv.

Ich glaube, wir müssen hochwertigen, unverwechselbaren Bildern wieder eine höhere Relevanz zukommen lassen: Ja, Bilder vereinfachen die Kommunikation – aber wenn sie nicht authentisch, sondern inhaltsleer sind, wenn sie nur noch dekorieren statt Haltungen zu kommunizieren, sind sie doch irgendwie redundant. Daher, liebe Unternehmen: Spart nicht an Bildern, sondern macht euch bewusst, dass eigenständige Fotografie dabei hilft, euch im Markt unverwechselbar zu machen.

Wenn ich auf den Knopf meines Telefon drücke, sehe ich David Bowie, ernst mit einem gedankenverlorenen in sich gekehrten Blick. Auf seinem Kopf trägt er eine Kiste mit einem Auge. Im Glas des Bildes spiegelt sich schemenhaft meine Kontur beim Fotografieren. Ich bin natürlich nicht mit ihm verwandt, aber er hat mein Leben begleitet. Ich glaube, eine Weile kann ich mir das Bild noch anschauen.

Der Autor: Norbert Möller ist seit 2003 Executive Creative Director der Peter Schmidt Group und leitet deren Corporate Design Team am Standort Hamburg. Zu den von ihm betreuten Marken und Unternehmen zählen unter anderem Linde, Henkel, Kühne+Nagel, die Postbank, REWE, die Stadt Hamburg und das Goethe Institut. Möller studierte Visuelle Kommunikation an der HfBK Braunschweig und arbeitet seit 1992 bei der Peter Schmidt Group, darunter von 1999 bis 2003 als Geschäftsführer.


Autor:

Norbert Möller

Unser Design-Kolumnist Norbert Möller ist seit 2003 Executive Creative Director der Peter Schmidt Group und leitet deren Corporate Design Team am Standort Hamburg. Er studierte Visuelle Kommunikation an der HfBK Braunschweig und arbeitet seit 1992 bei der Peter Schmidt Group, darunter von 1999 bis 2003 als Geschäftsführer. 



4 Kommentare

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Anonymous User 8. März 2016

Nun ja, das Medium Fotografie ist gerade ziemlich am Ende und Schuld daran ist ganz sicher dieser obskure "Markt", der heute mutlose und politisch korrekte Bilder verlangt, die zum Zeitgeist passen sollen. Und wir sind abgeklärt.
Ich selbst bin mit der Fotografie der 90er aufgewachsen und erinnere mich noch deutlich daran, welche Skandale sie damals produziert hat. Da gab es wilde Debatten über Toscani's Arbeiten für Benetton, eine Aufschrei als das Abendmal für eine Werbekampagne für Otto Kern erschien oder ein geschminktes Kind in der VOGUE auftauchte. So etwas ist heute undenkbar, weil sich die Bildwelt einer sehr weichgespülten, amerikanischen Langeweile unterworfen hat und die beschriebenen "Skandale" praktisch nicht mehr vorkommen.
Dazu kommt noch, dass die Welt der Fotografen heute zu großen Teilen aus Kopisten besteht, die sich einem Trend anschließen oder gleich eben kopieren. Und deshalb ist alles relativ uniform. Der "Markt" diktiert die Regeln und Fotografen haben kaum noch Idealismus, sondern wollen einfach nur verkaufen. Der Mut ist ihnen abhanden gekommen. Aber sie graben sich selbst ihre Grube, da sie keinen eigenen Stil entwickelt haben und natürlich für den Rest ihres Lebens mit ihren Arbeiten in Verbindung gebracht werden. Das Internet ist voll von Leuten, die sich "Fotograf" nennen aber offensichtlich null Ahnung davon haben, wie ein Bild funktioniert und wie man geschickt mit Bildwelten spielt und zitiert. Manchmal geht einem das Messer in der Tasche auf, wenn einem überall die gefilterten Verfehlungen entgegenspringen.

Aber es gibt sie trotzdem noch, die wirklich talentierten Fotografen, die man finden kann, wenn einem die Recherche nicht zu anstrengend ist. Diese Perlen gilt es zu entdecken und zu wertschätzen.

Anonymous User 6. März 2016

Lieber Herr Möller,

danke, dass Sie diesen Artikel verfasst haben.

Ich werde öfter von Agenturen beauftragt, das eine oder andere Bildagenturmotiv "nachzufotografieren". Mache ich natürlich gerne, zeigt aber auch, dass es eben doch nicht ganz so einfach ist, das wirklich passende Motiv in einer Bilddatenbank zu finden.

Im Übrigen will ich mir gar nicht vorstellen, wie viel Manpower, Zeit und damit Kosten von Werbeagenturen/Abteilungen bisher vergraben wurden und werden auf der Suche nach dem entsprechenden Motiv. Vorausgesetzt, es existiert überhaupt.
Diese Suche macht sich nicht von selbst und da braucht es schon jemanden, der den Fach-Blick dafür hat. Diese Arbeit kann damit nicht irgendeinem Mitarbeiter anvertraut werden.
Ich lasse meinen Assistenten ja auch nicht mein Auto reparieren.

Insofern, wir Fotografen freuen uns, von unseren Kunden gefordert zu werden in unserem wunderschönen handwerklichen (aber ja doch!) und kreativen Beruf.

Danke nochmals und Grüße,

Nicola Lazi

Anonymous User 6. März 2016

Hallo Herr Möller,

als Berufsfotograf in Industrie und Corporate kann ich Ihrem Kommentar nur zustimmen! :-)

Aber wir glauben auch feststellen zu können, dass es eine Trendwende gibt. Die Leute sind austauschbare Stockfotos einfach leid geworden und wollen wieder mehr sich selbst und ihre ureigene Arbeit in starke Bilder umgesetzt sehen.

Gut fände ich auch, wenn die Agenturen und die Grafiker sich ebenfalls vom Stock verabschieden würden – in ihren Entwürfen und moods.

Bilder sind mächtig – selbst bei Stock ist das so – und wird als Fotograf dann nur allzuleicht in die Situation gebracht, den auf Stock basierenden Entwurf nachzufotografieren.

Dabei sollen doch ganz eigene und unverwechselbare Bildwelten entstehen! Dafür gibt es heute größere Chancen denn je.

Lasst uns mit freiem Kopf an diese wunderschöne Aufgabe herangehen!

Beste Grüße
Christian Ahrens, Köln

Anonymous User 5. März 2016

ich nehme dem autor ja durchaus seine gute absicht ab. allerdings gehört zur wertschätzung auch das aktezptieren von nutzungsrechten. sicherlich gehört - auch wenn wenn für private zwecke nicht immer verboten - das abfotografieren in museen und austellungen bestimmt nicht dazu. beispielsweise 2013 in der hausordnung der hamburger deichtorhallen 2013 noch "Das Fotografieren ist grundsätzlich nicht gestattet.". just saying.

...
dafür hat der autor das oben beschriebene foto mit david bowie dafür bestimmt für seinen persönlichen gebrauch vom fotografen bzw. vom rechteinhaber gekauft oder zumindest die nutzungsrechte erworben. oder vielleicht doch nicht?
...

"Daher, liebe Unternehmen: Spart nicht an Bildern, sondern macht euch bewusst, dass eigenständige Fotografie dabei hilft, euch im Markt unverwechselbar zu machen." Danke für dieses Zitat Herr Möller.

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