Kolumne von Norbert Möller :
Thinking on Design: Wenn Sprayer zur Marke werden

Unser Design-Kolumnist Norbert Möller steht dazu, manchmal "der Spießer schlechthin" zu sein. Diese Woche überrascht er mit einem Sprung in die Sprayer-Szene.

Text: Norbert Möller

In der vergangenen Woche wurde ich von der Ankündigung einer Ausstellungseröffnung überrascht: In einer Hamburger Galerie zeigen unter dem Titel "Corporate Identity" zwei Graffiti-Sprüher mit Namen "Moses & Taps TM" ihre Werke. Dass Sprayer etwas ausstellen, hat mich nicht erstaunt, sondern eher der Ausstellungstitel. Ich bin nur mäßig vertraut mit der Sprayer-Szene, aber nehme diese natürlich im Stadtbild war. Hier fällt meine Sympathie für die grafische Qualität sehr unterschiedlich aus. Ist die Umgebung verwahrlost, denke ich: "Das sieht ja ganz schön aus!". Ist die Umgebung hingegen sauber, dann denke ich: "Muss diese Schmiererei sein – und wer zahlt die Reinigung?" Mit dieser Meinung bin ich natürlich der Spießer schlechthin.

Egal wie: Moses & Taps scheinen große Stars der Szene zu sein. Sie veröffentlichen Bücher wie "International Topsprayer: Moses & Taps" in denen dokumentiert wird, wie sie 1.000 Züge in 1.000 Tagen mit Graffitis besprühen. Sie geben unerkannt Interviews, haben anscheinend ihre Namen als Trademark registrieren lassen, bespielen gekonnt die sozialen Medien. Und im Gegensatz zu ihren Kollegen, die Tags sprayen, um wiedererkannt zu werden, haben Moses & Taps schon das nächste Level erreicht und machen nur noch blau-gelbe Throw-up’s. Sozusagen der neueste Trend in der Sprayer-Szene, die Reduktion auf das Wesentliche, der Grundstein für eine Markenbildung. Respekt.

Deshalb heißt die Ausstellung auch Corporate Identity: Moses & Taps haben aus sich und ihrer Arbeit eine Marke gemacht. Seit 2007 haben sie angefangen, ausschließlich mit Blaugrün und Gelb zu arbeiten. Das führt dazu, dass sie keine Tags mehr brauchen; die Farben alleine reichen aus, um international erkannt zu werden. Die Exponate in der Ausstellung sind somit auch alle Blau und Gelb.

Was mich als Designer rührt, ist die künstlerische Qualität, die Ästhetik und der "Humor" der Arbeiten. Die Splashes, bei denen die Dosen aufgeschnitten werden und nur noch Farben eine Rolle spielen. Vor allem, wenn nicht die Züge besprüht werden, sondern das Gleisbett. Aktionen wie das Zumauern einer U-Bahn-Tür. Oder der Zugwaggon mit den Namen in Blindenschrift, natürlich in den "Markenfarben" Blau und Gelb. Dazu der Hinweis im Inneren eines zugesprühten Waggons, dass man leider nicht mehr durch das Fenster schauen kann und das gegenüberliegende Fenster benutzen soll.

Ich würde mir wünschen: Weltweiter Erfolg und Ruhm für Moses & Taps als Künstlergespann, um davon leben und auch die Reinigungen bezahlen zu können! Aber ich bin mir sicher, dass die beiden das nicht zum Ziel haben und nicht anders können, sondern weiter auf der Suche sind, um sich neu zu erfinden. Und das mit der Sprayermarke war wahrscheinlich auch nur ein Scherz.

Der Autor: Norbert Möller ist seit 2003 Executive Creative Director der Peter Schmidt Group und leitet deren Corporate Design Team am Standort Hamburg. Zu den von ihm betreuten Marken und Unternehmen zählen unter anderem Linde, Henkel, Kühne+Nagel, die Postbank, REWE, die Stadt Hamburg und das Goethe Institut. Möller studierte Visuelle Kommunikation an der HfBK Braunschweig und arbeitet seit 1992 bei der Peter Schmidt Group, darunter von 1999 bis 2003 als Geschäftsführer.


Autor:

Norbert Möller

Unser Design-Kolumnist Norbert Möller ist seit 2003 Executive Creative Director der Peter Schmidt Group und leitet deren Corporate Design Team am Standort Hamburg. Er studierte Visuelle Kommunikation an der HfBK Braunschweig und arbeitet seit 1992 bei der Peter Schmidt Group, darunter von 1999 bis 2003 als Geschäftsführer.