Wie haben Ihre Kollegen und Freunde reagiert, als Sie erzählten, dass Sie noch einmal unter die Studenten gehen wollen?

Ich habe mein privates und berufliches Umfeld nicht mit der finalen Entscheidung konfrontiert, sondern sie in den Findungsprozess miteinbezogen. Die Resonanz war zum Glück durchweg positiv. Gerade von Kundenseite. Da haben viele gesagt, sie würden das am liebsten selbst sofort machen. Gerade vor Klausuren bereue ich inzwischen manchmal aber, schon einigen davon erzählt zu haben. Denn die gefühlten Erwartungen steigen auf diese Weise natürlich.

Wie steht Ihre Familie zu dieser zusätzlichen Verpflichtung, die Sie eingegangen sind?

Die Reaktion war großartig und motivierte ungemein. Ohne diesen Support ist ein solches Unterfangen zum Scheitern verurteilt. Das wurde uns an der Uni gleich zu Beginn gesagt. Bei mir bezieht das Studium sogar die Schwiegereltern mit ein – mit ungeahnten positiven Nebeneffekten. Sie wohnen in der Nähe von Leipzig und sehen während der Präsenzphasen an der Uni ihre Enkel jetzt viel häufiger als früher.

"Bei mir bezieht das Studium sogar die Schwiegereltern mit ein – mit ungeahnten positiven Nebeneffekten."

Zitat: Roland Bös

Wie integrieren Sie das Studium in Ihren ohnehin vollen Terminkalender?

Die Präsenzzeiten in Leipzig sind einmal monatlich am verlängerten Wochenende. Für das Selbststudium können wir E-Learning-Angebote der Uni nutzen. Ich habe für mich das Lernen mit Karteikarten wiederentdeckt. Damit kann ich Wartepausen, zum Beispiel auf Reisen, nutzen. Statt in Lounges rumzuhängen, lerne ich lieber für die Uni.

Womit beschäftigen Sie sich während des Studiums?

Das Studium startete mit technologischen Grundlagen, das erinnerte an manchen Stellen an ein IT- und Physik-Studium. Dann folgte die konzeptionelle und strategische Auseinandersetzung mit digitalen und mobilen Konzepten, immer begleitet von viel Praxis. Wir schauen uns ständig neue Plattformen an, von Apps bis AI-getriebene Services, und probieren viel aus. Dieser kreative Freiraum ist nach so vielen Jahren im stressigen Tagesgeschäft einer Top-Agentur natürlich purer Luxus. Da bekommt man Cases von Dozenten aus Agenturen erklärt, die ich sonst eher aus Pitches kenne.

Sie waren die letzten Jahre an den Arbeitsalltag in der Agentur gewöhnt. Wie kommen Sie mit der Umstellung auf das Studium klar?

Die Universität in Leipzig hat als Hochschule einen Anspruch, den man erst mal erfüllen muss. Ich habe nicht das Gefühl, dass man hier etwas geschenkt bekommt. Trotzdem klappt das bisher prima. Die Klausuren und Hausarbeiten habe ich mit Blick auf die Mehrfachbelastung bisher ganz ordentlich gemeistert, wenn es vielleicht auch nicht immer zu 'summa cum laude' reicht.

Wie bekommen Sie den Job als Geschäftsführer mit einem Studium unter einen Hut?

Als Führungskraft sollte einem klar sein, dass Agentur, Mitarbeiter und Kunden immer vorgehen. Wichtige Kundentermine nehme ich wahr und ich nehme in Kauf, dass dies mit den Präsenzzeiten an der Uni kollidiert. So oder so muss man dann Dinge nacharbeiten, für die Agentur und für das Studium. Das lässt sich nicht delegieren und ist immer mit Mehrarbeit verbunden.

Können Sie bereits jetzt das Studium produktiv mit Ihrem Job verbinden?

Das Studium weitet den Blick ganzheitlich und zukunftsgerichtet auf den digitalen Kontext. Von der Produktentwicklung und Software-Entwicklung über agile Arbeitsmethoden bis hin zur Vermarktung. Gerade für innovationsgetriebene Kunden sind das hochrelevante Themen. Für Siemens begleiten wir ganz aktuell eine Recruiting-Kampagne mit hyperlokalem Targeting im mobilen Raum.

Augmented Reality feierte seinen Durchbruch im Massenmarkt mit Pokémon Go. In unserer Agentur prüfen wir die Technologie derzeit für unser Employer Branding.

"Der kreative Freiraum ist nach so vielen Jahren im stressigen Tagesgeschäft natürlich purer Luxus."

Zitat: Roland Bös

Geben Sie das neu erworbene Wissen an Ihr Team weiter?

In der direkten Zusammenarbeit mit unseren digitalen Teams und Experten habe ich schon immer viel gelernt. In diesen Austausch möchte ich mich natürlich weiterhin auf Augenhöhe einbringen. Ich versuche das Gelernte zudem gezielt weiterzugeben. Wir bieten für unsere Mitarbeiter mit der sogenannten Academy interne Schulungen an. Hier ist ein Mobile Day für 2018 mit externen Partnern angedacht, dabei helfen die Eindrücke aus dem Studium.

Sie haben sich selbst um Ihr Studium gekümmert. Mit welchen Wünschen zur persönlichen Fortbildung kommen Mitarbeiter auf Sie zu?

Wir haben bei Scholz & Friends schon immer stark auf Individualförderung und Eigeninitiative gesetzt.

Ein Team von Scholz & Friends Agenda hat zum Beispiel selbstständig ein zweitägiges Programm im Bundestag organisiert und sich dort mit Politikern, Journalisten und Lobbyisten getroffen, um neue Inspiration für politische Kommunikation zu bekommen.

Manchmal ergeben sich spontan interessante Gelegenheiten: Während unserer Jubiläumsfeierlichkeiten letzten Sommer haben wir in Berlin inspirierende Orte und Menschen besucht. Aus einem Redaktionsbesuch bei der BILD wurde für eine interessierte Juniorin ein vierwöchiges Praktikum, für das wir sie freigestellt haben.

Würden Sie anderen Kollegen und Mitarbeitern ein berufsbegleitendes Studium empfehlen?

Ich würde vor allem jedem permanente Bildung und Inspiration empfehlen. Das muss nicht zwingend ein Studium sein. Natürlich freue ich mich, wenn sich andere von meinen Erfahrungen motiviert fühlen und einmal darüber nachdenken, was ihnen die digitale Welt für die persönliche Weiterentwicklung bieten kann.

Über Roland Bös: 

Als Geschäftsführer des Scholz & Friends-Standorts Hamburg betreut Roland Bös Kunden wie Vodafone, Siemens und die Deutsche Bank. Neben der Leitung des Hamburger Büros ist der 45-Jährige auch für das Business Development der zu WPP gehörenden Agenturgruppe zuständig. Vor 17 Jahren hat Roland Bös seine Diplom-Prüfung zum Kommunikationswirt abgelegt.


Autor:

Markus Weber, Redakteur W&V
Markus Weber

ist in der Online-Redaktion für Agenturthemen zuständig. Bei W&V schreibt er seit 15 Jahren über Werbeagenturen. Volontiert hat er beim Online-Marketing-Titel „E-Market“. 2010 war er verantwortlich für den Aufbau der W&V-Facebookpräsenz. Der Beinahe-Jurist mit kaufmännischer Ausbildung hat ein Faible für Osteuropa.