OMR17 :
Daten-Experte Nix: Big Data rettet keinen schlechten Kandidaten

Wird Big Data unsere Zukunft bestimmen? Alexander Nix hat mit seiner umstrittenen Firma Cambridge Analytica im US-Wahlkampf Daten für Donald Trump analysiert. In Hamburg erklärt er sein Geschäft und verrät, ob er auch im Bundestagswahlkampf aktiv ist.

Text: W&V Redaktion

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Das Logo von Cambridge Analytica.
Das Logo von Cambridge Analytica.

Nach Ansicht des Datenexperten Alexander Nix wird Big Data zunehmend politische und kommerzielle Kampagnen verändern. "Die Vorstellung, dass Millionen Menschen dieselbe Fernsehwerbung anschauen, ist etwas, das unsere Kinder nicht verstehen werden", sagte er am Freitag bei einer Online Marketing-Konferenz in Hamburg. Stattdessen werde es durch Analyse und Verknüpfung persönlicher Daten immer mehr individualisierte, auf eine Zielperson zugeschnittene Botschaften geben.

Nix hatte mit seiner umstrittenen Firma Cambridge Analytica bereits die Wahl-Kampagnen der Brexit-Befürworter und des US-Präsidenten Donald Trump unterstützt. Die Firma arbeite für Parteien auf der ganzen Welt aus unterschiedlichen Lagern, erklärte Nix. "Wir versuchen unsere politischen Ansichten außen vor zu lassen." Mit Blick auf die Bundestagswahl sagte er: "Momentan arbeiten wir mit keiner deutschen Partei zusammen." Wenn ihn Bundeskanzlerin Angela Merkel anrufen würde, würde er sich geehrt fühlen. Aber für eine Kampagne in Deutschland sei man angesichts des Wahltermins im September ohnehin zu spät dran.

Cambridge Analytica sammelt über Big-Data-Unternehmen oder eigene Umfragen auf Facebook Daten zum Konsumverhalten, Lebensstil oder Umfeld der jeweiligen Person. Über eine geschickte Verknüpfung und Analyse der Daten erstellt das Unternehmen persönliche Wählerprofile und bespielt den einzelnen Nutzer im Netz mit passender Werbung. Heißt: Weltoffene Städter bekommen beispielsweise eine andere Botschaft als der provinzielle Landbewohner.

Die Technologie habe aber auch Grenzen, so der Experte. "Du kannst keine schlechten Kandidaten zu einem guten machen, und du kannst auch keine Wahl drehen", so Nix. "Aber in politischen Kampagnen und in kommerzieller Werbung können solche Technologien einen großen Unterschied machen."

Emotional wurde es auf der Konferenz in Hamburg, als sich Nix der Frage stellen musste, ob er froh sei, mit zum Wahlsieg Trumps beigetragen zu haben. "Ich bin froh mit dem Job, den wir geleistet haben", antwortete er. Und: Es sei eine freie und faire Wahl gewesen, da liege es nicht im Ermessen einzelner Menschen hier, diese Entscheidung zu kritisieren. (dpa)


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W&V Redaktion
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Anonymous User 7. März 2017

Ein kritisches Thema, über das leider teils fehlerhaft berichtet wurde.
Schon die Einladung von Alexander Nix, CEO von Cambridge Analytica als Vortragssprecher, zu den „Online Marketing Rockstars“ zeigt: es fehlte der fachliche Counterpart.

Hier meine kurze Kritik zum Thema
(ergänzend dazu: Blogpost vorab zur OMR: „Gibt es die Psychologie-Bombe?..." http://trendquest.eu/pnb17 ),

Die Berichterstattung in den Medien ist leider oberflächlich und tendenziös. Das zeigt sich im Blick auf die bisherige öffentliche Debatte zu Cambridge Analytica, zu deren Ethik und zur Glaubwürdigkeit von deren Vorgehensweise.

Nach wie vor fehlt in den Medien anscheinend eine etwas konsequentere Recherche. Die von nahezu allen Autoren und Kommentatoren geübte Kritik zeigt sich nachlässig und fachlich einseitig. Dazu 5 Beispielpunkte:

1. Ted Cruz‘ Absage an Cambridge Analytica:
Wie sich herausstellte, nutzte Cambridge Analytica den Cruz-Auftrag als Live-Test- und Ausbauphase. Dass das Ted-Cruz-Team dieses Vorgehen verständlicherweise nicht gut fand, ist klar: man hatte ihnen mehr versprochen als da war. Im nachhinein waren dann mithilfe der Cruz-Gelder CA’s Software und Datenbank nachträglich effizienter. Einige Info dazu findet man im englischsprachigen News-Web.

2. Kritik an Psychometrik und Psychographik und an den Fähigkeiten der Methodik:
Diese Kritik vernachlässigt unter Anderem den Forschungsstand von 2017. Stattdessen beruht die Psychometrik-Kritik eher auf den Urteilen zur Psychometrikforschung aus Vor-Computerzeiten: Damals hatte man zwangsläufig weniger valide Werte erarbeiten können – nur mit reiner Manpower (ohne intelligente Softwares und Big-Data-Analysen!) kaum anders möglich. In Zukunft werden Analysen und psychometrische Methoden zunehmend mit Methoden und selbstlernenden Systemen der Künstlichen Intelligenz verbunden. Sie werden damit noch weiter wachsende Effizienz zeigen.

Und der wichtigste Punkt der öffentlichen Diskussion:

3. Es fehlt die Stimme der fachlichen Experten.
Wenn man sich einen Überblick über die kritische Debatte in den Medien verschafft, fällt Folgendes auf:
- In den öffentlichen breitenwirksamen Medien haben bis dato eigentlich fast nur Männer kommentiert und kritisiert. Zudem kommen diese auch noch nahezu komplett aus den Anwenderbranchen: Dabei sind z.B. Medien, Presse und Verlage, Blogger, Dienstleister aus Marketing und Social Media, sowie Politik. Alle diese sind zudem auch noch die Kundenbranchen der Anbieter von verhaltens- und psychologiebasierten Targeting-Lösungen (Psychometrics, Behavioral Economics, Microtargeting, Nudging etc.).

- Zur Sprache kamen jedoch interessanterweise fast keine Frauen.

- Wer nahezu total fehlte:
Im Rahmen der öffentlichen Debatte in den Medien fehlten die speziell fachlich ausgebildeten Experten der Forschungen, die dieses Wissen und dessen Anwendung überhaupt erst möglich gemacht haben. Die Experten der Bereiche Behavioral Economics bis Strategische Psychologie und entsprechender verwandter Disziplinen kamen kaum mal zu Wort.


4. Datenquellen und Facebookdaten:
In der öffentlichen Kritik wurde oft Facebook als einzige Quelle für die Arbeit der Cambridge Analytica benannt. Leider fehlt da die Hälfte der Fakten: Zusätzlich zu den Facebookdaten wurden viele weitere Persönlichkeitsdaten der US-Wähler aus unterschiedlichsten öffentlichen und privaten Datenbanken hinzugezogen. Das geht in den USA recht leicht, da der Datenschutz weniger streng angsetzt ist als in Deutschland. (Dennoch sind ähnliches Anlyseergebnisse und Microtargeting-Profile auch in Deutschland erzielbar).


5. Sehr Viele äußerten dann diese Kritik:
Das Ganze war doch eher nur ein Werbecoup!

Der Werbevorteil ist sicherlich dabei. Dennoch: Die grundlegende Frage ist in Fachkreisen längst klar beantwortet:

F: „Ist psychologisches Microprofiling und gezieltes Microtargeting sowie die breite und dennoch gezielte Manipulation von Bevölkerungsgruppen überhaupt machbar?“
A: „Ja. Das ist machbar.“

Ausgehend vom fachlichen Hintergrund ist sehr Vieles davon bereits heute möglich – und auch im Einsatz. Die Fortschritte der letzten 10 – 15 Jahre in Psycho- und Neurologie, Sozial- und Verhaltensforschung sind immens gestiegen – auch dank einer sehr aktiven internationalen Wissenschaftscommunity (allein der Bereich Behavioral Economics wurde im internationalen Rahmen bereits erfolgreich seitens vieler Firmen und auch Regierungen eingesetzt, auch um etwa soziale Herausforderungen besser lösen zu können).

Doch diese Entwicklung bringt neben ihrer steigenden Effizienz für Marketing und Kommunikation (über die Vorteile mehr bei einem der Hamburger trendtalks von tq) neue Herausforderungen an Verantwortung und Ethik.

So ermöglichen diese Technologien neue Potenziale und Chancen für Verbesserungen in Gesellschaft und Wirtschaft. Fundierte Beispiele dazu liegen vor. Die Risiken wurden und werden ebenfalls viel diskutiert.

Da das Thema nun in der breiteren Öffentlichkeit angekommen ist: Wir sollten auch die Vorteile (Nicht nur die Risiken) im Fokus behalten. Gerade die ethischen Werte, die uns Menschen bewegen, sind dadurch stützbar.

Und auf dieser Basis ist etwa bessere Kommunikation und Werbung planbar, somit effizientere Planung für Unternehmen und Startups oder öffentliche und soziale Projekte.
Und im Bereich Soziales ist auch Bürgerengagement effizienter. Und für Bildungsinstitutionen tun sich effizientere Wege der Wissensvermittlung auf.

Verantwortungsvolle Anwendung dieses Wissens mact damit auch unsere gemeinsame Zukunft sicherer planbar.

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