Messebericht von Jochen Kalka :
Dmexco mit anderen Augen

Tücke der Techniken, in die falsche Richtung gebaute Fußgängerbrücken und eine App, die nur mit Faltplan funktioniert. Eine andere Sicht des W&V-Chefredakteurs auf die Dmexco.

Text: Jochen Kalka

Die Dmexco aus der Sicht von W&V-Chefredakteur Jochen Kalka: Wir sind sowas von digital!
Die Dmexco aus der Sicht von W&V-Chefredakteur Jochen Kalka: Wir sind sowas von digital!

Hurra, nun sind wir wieder vollgetankt mit künstlicher Intelligenz, mit digitalen Gedanken und virtuellen Erfolgsmeldungen. Oder digitalen Erfolgsmeldungen, künstlichen Gedanken und virtueller Intelligenz. Hurra, wir waren auf der Dmexco und alles war toll, jung, erfolgreich. Nicht ich freilich, sondern der Besucher an sich. Es war definitiv die beste Dmexco aller Zeiten. Oder zumindest die Beste des Jahres.

Ich persönlich war zu doof, überhaupt erst zur Messe und dann in die Messe zu gelangen. Der Drivenow-Wagen, der mir direkt vor dem Hotel mit grüner Lampe freundlich zuzwinkerte, ließ sich nicht öffnen. Die S-Bahn hatte keinen funktionierenden Ticketautomaten. Willkommen in Köln!

Köln ist unschuldig!

Nein, ich muss endlich - nach vielen Jahren der billigen Lästerei - endlich einmal zugeben, Köln ist nicht mehr schuld. An nichts mehr. Denn da die Stadt ihre Hotelgäste mit einer Strafsteuer begrüßt, außer, man füllt einen 93-seitigen Fragenbogen zu Essgewohnheiten und sonstigen Praktiken aus, und da sich Köln mit Hotelpreisen präsentiert, bei denen sich sogar New York und Nordkorea schämen würden, ist man gezwungen, im weiten Umland der Domstadt zu nächtigen. Meine Unterkunft war schon nach mehreren Fahrtstunden zügig erreichbar, an einem geheimen Ort, der sich Leverkusen nannte.

Köln ist also unschuldig. Hier hat sich viel getan. Auch bei der Messe. Ja, man muss auch mal positive Entwicklungen goutieren. So war es für die Messebesucher der Dmexco ein völlig neues Gefühl, nicht mehr vor den Shuttle-Bussen im Schlamm stehen zu müssen. Irgendjemand muss auf die Idee gekommen sein, die Fläche schlicht zu teeren. Chapeau!

Hindernisparcour

Ein weiteres "Chapeau!" gilt der Idee, auch den Südeingang zu öffnen, also dort, wo alle Züge und S-Bahnen halten. Über eine Fußgängerbrücke, die versehentlich die ersten 100 Meter in die falsche Richtung gebaut wurde, gelangt man relativ zügig in die Messehallen, muss dann zwar einen Hindernisparcours zwischen völlig unlogisch aufgebauten, leeren Messehallen bewältigen, der nahtlos mit diversen Irrgärten und raffiniert angebrachten falschen Beschriftungen verknüpft wird. Doch das nimmt man mit Humor. 

Aus solchen Situationen wurde mir diesmal klar, wieso der Kölner so überdurchschnittlich Humor hat. Darum beneide ich ihn. 

Arm im Schlitz

Kommen wir endlich mal zur Dmexco selbst. Hier ist ja alles so modern. Und das beginnt beim Einlass. Dieses Pieps-Ding-Ticket konnte man sich auch voll cool auf seine Smart-Watch beamen lassen. Gönn dir. Chapeau!

Der Haken: Wer ernsthaft versucht hat, seinen Arm mit Uhren-Ticket in den Schlitz zu stecken, der hängt vermutlich in zwei Wochen noch dort und muss aus der Apparatur herausgeschweißt werden. Tolle Technik, doch mit dem Thema "Armlängen" tut sich die Stadt zuweilen schwer. Leute, nehmt doch einfach mal die Technik, die an den Skiliften schon seit 160 Jahren funktioniert. Oder kooperiert mit Toll Collect.

Frohen Mutes reisten diesmal die Düsseldorfer nach Köln, was ich nie für möglich gehalten hätte. Düsseldorfer sagten einhellig, so leer sei die Straße bis zur Messe noch nie gewesen. Da sieht man, was es ausmacht, wenn Mediacom keinen Stand auf der Dmexco hat.

Wer aber dachte, die 99 Euro Eintrittsgelder würden die Gäste massenhaft abhalten, der hat sich getäuscht. Denn die Messe war sehr gut besucht, die Stände waren voller interessierter Leute, an dieser Front herrschte Zufriedenheit. Auch das Showprogramm kann als Erfolg abgehakt werden. Wollen wir diesmal auch dafür ein Chapeau vergeben.

W-Lan ohne W und ohne Lan

Was für eine Digitalmesse mutig war: diese W-Lan-Strategie. Ohne W und ohne Lan. In den vergangenen Jahren gab es so oft Unmut über das schlechte Netz. Diesmal dachten sich wohl die Veranstalter: Wenn Ihr immer über unser schlechtes Netz schimpft, dann kriegt Ihr eben jetzt gar keins mehr.

Das stimmt nicht ganz. Denn wer diesmal sehr früh kam, fand ein freies Dmexco-Netz und konnte es kostenlos nutzen. Aber nur am ersten Tag, Augenzeugen zufolge bis 10.23 Uhr. Dann war es spurlos verschwunden. Die örtliche Polizei bittet um Ihre Mithilfe. Wer hat das W-Lan zuletzt gesehen? Es war klein und schwach. Stattdessen drang sich ein sogenanntes Cologne-Net in das Netz. Zwei Stunden lang dürfe man dieses kostenlos nutzen, verwiesen Aushänge, die auf Dackelkopfhöhe angebracht waren.

Frauen müssen draußen bleiben

Zum Schluss müssen wir noch auf das Thema Frauen kommen. Es hilft ja nichts. Frauen, so scheint es, sind auf der Dmexco nicht gern gesehen. Am Vortag wurde ein Vortragsmarathon organisiert, der mit 19 Jungs und einer, sorry Julia, einer Alibifrau bestückt war. Was soll das denn?

Moment, es geht noch schlimmer: Am Vorabend der Dmexco fand ein VIP-Opening statt. Warnhinweis: Die folgenden Zeilen sind für Personen unter 16 Jahren nicht geeignet!

Denn auf dem VIP-Opening wurden Frauen bloßgestellt. In Table-Dance-Manier bewegten sich spärlich bekleidete Damen. Ihnen wurden, damit der Bezug zur Digitalbranche hergestellt war, VR-Brillen aufgesetzt. Ganz ehrlich, Leute, das ist billigste Schublade, das ist frauenverachtend und beschämend. 

Wenn wir schon bei dem Thema sind: Frauen dürfen seit Jahren nichts auf der Dmexco trinken. Gar nichts. Tun sie dies aber entgegen aller Warnhinweise trotzdem, dann sind sie ja irgendwie selbst schuld. Denn die Damen, die es wagten, Kaffee, Wasser oder Cola zu trinken, mussten irgendwann auf die Toilette. Und das konnte dauern. Manch eine Frau soll sich direkt wieder an der Toilettenschlange angestanden haben, wenn sie fertig war. Dabei hatten etliche Damen so sehr gehofft, dass sie für 99 Euro endlich einmal eine freie Toilette bekommen würden. 

App mit Faltplan

Ansonsten war die Dmexco wirklich gelungen. Wenn man mal von digitalen Dingen absieht. Denn auch die eigens implementierte App hatte so ihre Macken. Wer zum Beispiel einen ganz bestimmten Stand suchte, konnte sie sicher mit der App finden. Aber nur, wenn man dazu den auffaltbaren Hallenplan dabei hatte. So erklärte es mir eine renommierte Marktforscherin, als ich gerade Orientierung suchte.

Auch wenn fast jeder Gast sagt, zwei Tage seien für dieses tolle Angebot schlicht zu kurz, so überrascht es, dass sich am zweiten Messetag die Gänge schon nach dem Mittagessen leeren. Vielleicht müsste man die Messe für drei Tage konzipieren. Dann wäre am zweiten Tag noch der Bär los.

Mehr zur Dmexco 2017 finden Sie in unserem Live-BlogAlles Wissenswerte zum Branchenevent in Köln bündelt W&V außerdem in einem Dossier.


Autor:

Jochen Kalka, Chefredakteur
Jochen Kalka

ist jok. Und schon so lange Chefredakteur, dass er über fast jede Persönlichkeit der Branche eine Geschichte erzählen könnte. So drängt es ihn, stets selbst zu schreiben. Auf allen Kanälen.