Die Seite hackt keine Profile, sie teilt lediglich die Bilder von Kindern, die für alle öffentlich sichtbar sind - und macht deutlich, wie man die Privatsphäre-Einstellungen ändern kann. Für einige Mütter ist es dennoch ein Schock, Bilder ihrer Kinder auf der Seite zu entdecken. "Es wurde ein Bild gepostet von meiner Tochter ohne mein Einverständnis ich möchte bitte das das Foto von ihr gelöscht wird denn wird es nicht getan fühle ich mich gezwungen es zur Anzeige bei der Polizei zu bringen" (Fehler im Original), schrieb eine Facebook-Nutzerin noch auf der ersten Seite.

"Das Phänomen ist in unserem Fachdezernat Cybercrime bekannt", sagt ein Sprecher des Bayerischen Landeskriminalamtes. "Eine Straftat lässt sich daraus nicht ableiten, da die Eltern in der Regel diese Bilder posten und entsprechend freigeben." Somit sei der Zugriff auf die jeweiligen Bilder erlaubt.

Eine Mutter aus Rosenheim hat ein zehn Jahre altes Foto ihres Sohnes auf der Facebookseite entdeckt. Sie sei zunächst über einen Eintrag in einem Fan-Forum für eine Drogerie-Kette auf die Seite gestoßen, sagt sie der Deutschen Presse-Agentur. "Ich habe mir die Seite angeschaut und mich hat der Schlag getroffen. Da konnte ich nicht an mich halten, habe geschrieben, was ich davon halte - und so schnell konnte ich gar nicht gucken, da war ich selber Opfer." In Windeseile hatte jemand ein Bild ihres damals sechsjährigen Sohnes auf ihrer Seite gefunden und geteilt.

Auf der ursprünglichen Seite "Little Miss & Mister" machten sich einige Nutzer über die aufgebrachten Mütter lustig - oder sprachen sogar Drohungen aus gegen diejenigen, die sich kritisch zu Wort meldeten - und die Leute auf deren Freundesliste (FL): "Wow (...) du hast aber viele öffentliche Freunde mit Kindern..." Auch der Administrator schrieb einmal: "Ich hab grad voll keine Zeit dein Geschreibsel zu lesen. Muss deine FL durchforsten." Die Rosenheimerin hat inzwischen eine eigene Facebookseite für Betroffene gegründet und viele Nutzer darauf aufmerksam gemacht, dass Bilder von ihren Kindern von "Little Miss & Mister" veröffentlicht werden.

Das Problem: Einträge, die bei Facebook öffentlich und nicht nur für Freunde sichtbar sind, können problemlos mit einem einzigen Klick immer weiter verbreitet werden. Im Zweifel merken das die Betroffenen nicht einmal. Eine Benachrichtigung gibt es nur beim ersten Teilen - danach nicht mehr. Facebook äußert sich nicht zum konkreten Fall, das Unternehmen weist stattdessen darauf hin, dass Nutzer mit den Privatsphäre-Einstellungen festlegen können, wer ihre Bilder sehen kann. Befinden sich die Einstellungen auf "öffentlich", sind eben auch die Posts öffentlich. Eine Umstellung auf Sichtbarkeit nur für Freunde kann das Problem beheben. Außerdem können Betroffene Verletzungen von Persönlichkeitsrechten bei Facebook melden, wie das Unternehmen betont.

Die 33-Jährige aus Rosenheim glaubt nicht an ehrenhafte Motive und sagt über die Seite: "Das ist für mich eine perfide Masche, Bilder - da sind auch leicht bekleidete Kinder dabei - Pädophilen zugänglich zu machen." Und sie ist nicht die einzige mit diesem Verdacht. Die Seite sei "ein Sammelbecken für Bilder, die pädophilen Menschen gefallen", meint eine Facebook-Nutzerin. "Pädokeule hatten wir heute auch erst 1000 mal..", lautet darauf die schlichte Antwort des Administrators.

Der Cyberkriminologe Thomas-Gabriel Rüdiger von der Fachhochschule der Polizei des Landes Brandenburg sieht in dem Trend zum "Sharenting", einem Kunstwort aus "share" (teilen) und "parenting" (Kindererziehung), die Wurzel des Übels. Wenn Eltern keine Bilder von ihren Kindern öffentlich machten, gäbe es auch eine solche Seite nicht. "Bilder von erkennbaren Kindern haben im Netz prinzipiell nichts verloren", sagt Rüdiger. Die Polizei Hagen machte bereits im Jahr 2015 Schlagzeilen mit dem Aufruf "Hören Sie bitte auf, Fotos Ihrer Kinder für jedermann sichtbar bei Facebook und Co zu posten! - Auch Ihre Kinder haben eine Privatsphäre!" Diesen Aufruf hat auch die Seite "Little Miss & Mister" gepostet.

Einer US-Studie zufolge sind inzwischen 90 Prozent der Unter-Zwei-Jährigen schon im Netz präsent. Für Rüdiger ist dies eine Auswirkung des "digitalen Narzissmus" der Eltern. "Viele zeigen diese Bilder ja nicht, weil sie damit ihren Kindern etwas Gutes tun möchten, sondern weil sie hoffen, mit den Bildern Anerkennung zum Beispiel in Form von Likes und Kommentaren zu bekommen." Sein Grundsatz: "Man sollte Bilder nur denen zur Verfügung stellen, denen man auch sein Kind anvertrauen würde. Und das trifft ja in den seltensten Fällen auf 300 Facebook- oder Instagramfreunde zu." 

Von Britta Schultejans und Martina Herzog, dpa


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