Es gibt kaum eine wirrwarrigere Seite von Veranstaltungen als das digitale Teufelswerk des OMR-Festivals. Erste Frage: Wo findet es denn statt? Auf der Startseite steht das Datum, nirgendwo der Ort. Klickt man auf das Ticket, heißt es: "Das OMR Festival 2019 liefert Euch an zwei Tagen neues Wissen, Insights, Netzwerk, Inspiration und echte Erlebnisse. Seid dabei!" Aha, der Ort ist unwichtig. Erst der eifrige Scroller findet den Hinweis: "in Hamburg Messe", komisches Deutsch.

Die Messe selbst, das kann man verkürzen, war so professionell wie wohl noch nie zuvor. Keine dramatischen Warteschlangen, der Armgelenkchip, mit dem man bargeldlos bezahlen kann, funktionierte diesmal perfekt. Am Vorabend der OMR konnte man sich schon - gefühlt - in der ganzen Stadt akkreditieren, auch in einigen Hotels. Ja, es schien alles so perfekt, dass man ständig das Gefühl hatte, gar nicht auf der OMR zu sein. Manche wähnten sich auf der Dmexco, doch selbst diese ist alles. Außer perfekt.

Auch waren viel weniger Rock-T-Shirts zu sehen als in den vergangenen Jahren. Ich selbst hatte, um cool zu wirken, einen sinnlosen Kopfhörer um den Hals. Immerhin konnte ich mich immer als Rockstar outen, stand doch auf meinem Umdenhalshängsel "Editor in Chief", was meinem Bandnamen entspricht (Kostproben auf Spotify, iTunes etc).

Am Fußboden ein Versuch von Standbeschriftungen - leider mit Kreide

Ansonsten: Ja, es war perfekt. Außer, man suchte zum Beispiel einen konkreten Stand. Etwa einen der OMR. Der wurde dann so ausgewiesen: "Hall B5, Booth PB 07/08 & PC07/08". Tja, am Boden war ein Versuch von Standbeschriftungen unternommen worden, leider in Kreide. Klar, coole Idee, doch nach wenigen Sneaker-Berührungen war es vorbei mit der Beschriftung. Wer aber irgendwann eine Toilette aufsuchen musste, fand eine Tafel an der Wand, an der die Beschriftungen zu finden waren. Die aufwändige und schön gemachte App gab es nicht her.

Die Veranstaltung war so perfekt, dass man ständig mit dem Gefühl herumirrte, etwas zu versäumen. Weil alles irgendwie parallel lief. Seminare und Programme an allen Ecken, überall Live-Vorführungen, als sei man auf einer Staubsaugervertreterwettbewerbsveranstaltung. Man wurde umringt von ganz wichtigen Influencern, die ich natürlich alle nicht kannte, Stars und Sternchen auf den Bühnen, aber vor allem äußerst wertvolle Inhalte, wie auf unserem W&V-Liveblog zu sehen. Influencer erkannte man auf den Brettern dieser Digitalwelt immer daran, dass sie kurze Sätze sagten, wie etwa: "Einfach machen!", "Nicht nachdenken!" Darüber hatte ich noch nie nachgedacht.

Kurz: OMR ist eine starke Marke geworden, ist fast schon zu perfekt. Auf Toiletten wurden nicht nur Pastillen angeboten, damit es einem die Sprache nicht verschlägt, sondern auch Kondome. Wurde mir erzählt. Nein, da darf man echt nicht meckern, an alles wurde gedacht. Für mich persönlich ist diese Perfektion echt doof, fällt mir das Schreiben eines Rants doch echt mal schwer.

Also bleibt mir nur zu sagen: Chapeau, Philipp Westermeyer, der OMR-Gründer ist eine coole Socke und nahm sich sogar die Zeit, jeden Gast einzeln zu umarmen. Bei 50.000 Gästen eine echte Challenge…


Autor:

Jochen Kalka, Chefredakteur
Jochen Kalka

ist jok. Und schon so lange Chefredakteur, dass er über fast jede Persönlichkeit der Branche eine Geschichte erzählen könnte. So drängt es ihn, stets selbst zu schreiben. Auf allen Kanälen.