Jung von Matt:
Liechtenstein und IC Berlin: Sehr, sehr geile Brillen

Friedrich Liechtenstein ist quasi über Nacht zum Youtube-Star geworden. Sein Auftritt im Viral-Spot von Edeka nutzt aber dem Brillen-Label IC Berlin.

Text: Christa Catharina Müller

Nicht nur Edeka setzt mit seiner von Jung von Matt konzipierten Viral-Kampagne auf Friedrich Liechtenstein. Denn der zum Berliner Darling gewordene Flaneur und Schmuckeremit – wie er sich selbst gerne bezeichnet – wirbt bereits seit Frühjahr 2013 für die Brillenmanufaktur IC Berlin. Doch obwohl Liechtenstein der Firma grundsätzlich für Fotoaufnahmen zur Verfügung steht, handelt es sich nicht um einen klassischen Werbedeal zwischen den beiden Parteien. Vertraglich ist nichts geregelt. Liechtenstein bezeichnet ihre Beziehung lieber als "freundschaftliche Verbindung jenseits von normalen Marketing-Absichten."

Als alter Freund von Ralph Anderl, dem Geschäftsführer von IC Berlin, wohnt der 58-Jährige seit Ende 2012 im Turmzimmer der Firma. Gemeinsam trinken sie morgens ihren Kaffee oder fahren auf Messen, wo Liechtenstein dann auftritt. Beide würden dieselbe Art zu leben schätzen: "Das ist der Grundhumus, auf dem unser beider Geschichte gedeiht." Anderl bezeichnet ihn im Gegenzug als „Kind von IC Berlin." Kein Wunder also, dass Liechtenstein die Berliner Brillenbande auch in den aktuellen Spots der Supermarktkette Edeka unterstützt. "Die Brille kommt da drin vor, weil die Leute die geil fanden und die gut zu mir passt und das war's." Mehr will Liechtenstein zum gelungenen Content Marketing des Labels nicht sagen.

Stattdessen winkt er am vergangenen Donnerstagabend lieber vom Balkon des Geschäftsgebäudes am Rosa-Luxemburg-Platz in Berlin. Er hat es seinen Fans auf Facebook versprochen: "Facebook hat nicht mehr so gut geklappt, ich war überfordert. Ich konnte nicht mehr allen antworten und deshalb dachte ich, ich geh' da jetzt raus, auf den Balkon, wink' den Leuten zu. Ist ja auch eine soziale Geschichte. Da sieht man sich mal. Die meisten erkennt man ja nicht. Die Fotos sind ja alle gephotoshoppt. Mal sehen, ob sie zurückwinken, ob’s ihnen gefällt. Ich hab' Bock drauf." Er zupft die Handschuhe zurecht. Sie sind gelb und passen farblich zum Rollkragenpullover. Er trägt ein Brillenmodell von IC Berlin. Unten auf der Straße stehen seine Anhänger. Sie haben ein Lächeln im Gesicht als Liechtenstein die Worte spricht, auf die sie alle warten: "Und wenn ihr eines Tages vor dem Spiegel steht, dann sagt euch selbst: Mein Gott bist du geil. Und wenn ihr es dann richtig drauf habt, dann geht zu jemanden, den ihr sehr gut leiden könnt und sagt: Hey, du bist sehr, sehr geil. Ihr werdet sehen: Die Welt wird geil."

Fast  beiläufig funktioniert der Trick, den Jean-Remy von Matt vergangene Woche im Interview mit W&V (9/2014) noch als den großen Trend der Marketing-Kommunikation bezeichnet hat. Wenn Liechtenstein im Edeka-Viral-Spot Sahnetorte, Milch und Croissants mit sonorer Stimme besingt, hält er die Balance zwischen Ernst und Ironie scheinbar mühelos. Supergeiler Dorsch, supergeiles Klopapier, supergeile Brille. So einfach ist es. Erklären kann er sich den Erfolg aber nicht: "Dieses Werbegeschäft, was ich nicht durchschaue und auch nicht wirklich kenne, hat ja ein derartiges Eigenleben entwickelt. Wenn man sieht, welche Budgets da bewegt werden, wie viele Kampagnen, wie viel Geld da fließt und wie unberechenbar es dennoch bleibt, glaube ich, dass sogar die Werber nicht genau wissen, was sie da tun. Diese Sache hat jetzt mal geklappt und alle werden wissen, warum. Aber durchdeklinieren, warum es geklappt hat, kann man nicht. Das bleibt im Verborgenen."

Vielleicht steckt IC Berlin auch deshalb alles Geld in die Qualität der Brillen und verzichtet auf "ordnungsgemäße Werbung" wie Ralph Anderl das Geschäftsmodell beschreibt. Wie auch immer, es funktioniert. Die Modelle von IC Berlin, die so wohlklingende Namen wie Guenther N., Wallis oder Helene tragen, kann man zwar in keiner Edeka-Filiale kaufen, das dürfte aber weiter niemanden stören. Die Supermarktkette hat mit den Trittbrettfahrern jedenfalls kein Problem.   

Anfragen an Friedrich Liechtenstein richten Werbekunden am besten direkt an den Künstler unter info@friedrichliechtenstein.de.


Autor:

Christa Catharina Müller
Christa Catharina Müller

Christa Catharina Müller ist Teil des Teams Digital Storytelling, der Entwicklungsredaktion des Verlags Werben und Verkaufen. Sie ist verantwortlich für die Konzeption und Umsetzung von Podcasts. Daneben experimentiert sie regelmäßig mit anderen Erzählformaten. Bevor sie zu W&V kam, war sie als freie Autorin mit den Schwerpunkten Mode und Digital tätig.


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