Kommentar von Hannah Fricke:
#MeToo oder: Die Weinsteins in der Werbebranche

Sexuelle Übergriffe gibt es nicht nur in Hollywood. Dass sie leider auch bei uns Branchenalltag sind, darüber schreibt die Werberin Hannah Fricke.

Text: W&V Redaktion

Hannah Fricke hat eine eigene Agentur gegründet. Und selbst Erfahrungen mit Weinsteins gemacht. #MeToo
Hannah Fricke hat eine eigene Agentur gegründet. Und selbst Erfahrungen mit Weinsteins gemacht. #MeToo

Wie konnte er nur? Nach Hollywood ist jetzt die ganze Kreativbranche empört über Harvey Weinstein und dass er sich Frauen in einer Weise genähert hat, die irgendwie nicht so wirklich angemessen war. Kranke Sau! Wie konnte er nur?

Er konnte genauso wie all die Männer, die all die Frauen unserer Branche in genau so eine Situation gebracht haben. Er konnte das genauso wie der Chef einer Agentur, der nach einem Kundentermin erst an meine Hoteltür gehämmert und dann das Telefon hat läuten lassen. Nachts um 2.00. Ich war gewarnt. Wir hatten vorher eine Teambesprechung gehabt, in der meine Körbchengröße das zentrale Thema gewesen war. Hamwagelacht. Und ich, ich hab das sofort wieder vergessen. Ist eben so, kenne ich ja schon. Zehn Jahre später treffe ich den stellvertretenden Geschäftsführer dieser Agentur auf der Straße und der fragt mich, ob es für mich damals traumatisch gewesen sei, gekündigt worden zu sein. Ich verstehe die Frage nicht. Na, weil ich nicht mit dem Chef ins Bett wollte. Ich denke nach: Da war nix. Dann erzählt er mir die Geschichte vom Chef vor der verschlossenen Hoteltür. Und wie sehr ihn das geärgert hat. Und dass ich deswegen gehen musste. Ah!

Er konnte, wie der Geschäftsführer einer Agentur, der mich schon seit Jahren kannte und mich trotzdem zu einem Mappentermin einlud, an dem er meine Mappe gar nicht sehen wollte. Statt dessen lud er mich zum Essen ein, fuhr mich nach Hause, machte eindeutige Bemerkungen. Ich wiederum erkundigte mich eingehend nach seiner Gattin. So eingehend, dass er schließlich sagt: "Falls du es nicht bemerkt haben solltest, ich versuche hier, dich aufzureißen.", und ich sagte "Falls du es nicht bemerkt haben solltest: Ich versuche,  dem auszuweichen." Ich bin da nie wieder gebucht worden.  

Und das ist der Grund, warum niemand über die Harvey Weinsteins in der Kommunikationsbranche spricht. Wir wollen alle unseren Job behalten, wieder gebucht werden, den Auftrag kriegen. In unserer Branche, in der unendlicher Spaß zur Jobbeschreibung gehört, kann sich keiner leisten, der Party-Pooper zu sein. Die doofe Nuss, die keinen Spaß versteht, bei der man aufpassen muss, was man sagt. Und ähnlich wie beim Film ist die Branche ja klein und die guten Jobs dünn gesät. Jeder kennt jeden. Und fast alle, die was zu sagen haben, sind Männer. Da will man keinen lila Winkel auf der Stirn haben.

Ein einziger Hitchcock hat gereicht, um die Karriere von Tippi Hedren zu zerstören. Alles nur, weil sie nicht mit ihm ins Bett wollte und das auch sehr deutlich gemacht hat. So wollen wir natürlich nicht enden.

Und so lachen wir mit, wenn Witze über unsere Titten gemacht werden oder wir gebeten werden, doch unter dem Schreibtisch Platz zu nehmen. Und wir vergessen sofort wieder, dass uns der Kollege im Taxi zwischen die Beine gegriffen hat. Und nach einer Weile fühlen wir den Kloß im Hals nicht mehr. Und irgendwann kommt der Tag, an dem wir zu einer heulenden Kollegin auf dem Klo sagen: "Mach dir nichts draus. Ist uns allen schon passiert. So isser eben." Denn wir wissen: Wir können nicht gewinnen.

In dem Moment, wo dem Mann klar wird, dass sein Verhalten unangemessen ist, haben wir verloren. Denn von da an ist er es, der sich unbequem fühlt in unserer Anwesenheit, und das heißt: Wir müssen gehen. Also machen wir uns zu seinem Komplizen und sorgen dafür, dass er nichts merkt. Dass alle denken, dass alles ok ist.

Denn uns ist klar: Es sind die Tippis, die ihre Jobs durch sexuelle Übergriffe verlieren. Nicht die Harveys.

Hannah S. Fricke
ist Creativ Director und Strategischer Planer.
Sie hat in Top-Agenturen auf Top-Etats fest oder frei gearbeitet, ist mehrfach von ADC und TDC ausgezeichnet worden und ist heute Geschäftsführer der Agentur Frau Fricke S.L. in Barcelona, die sich auf Markenstrategien und ihre Umsetzung spezialisiert hat. Den Kommentar zu #MeToo schrieb sie als freie Autorin für W&V.


Autor:

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