Bewerbung: Mehr Gespür für eigene Talente

Enttäuscht von zwar beeindruckenden, aber stromlinienförmigen Bewerbungen fordern immer mehr Personaler jetzt aussagekräftigere Unterlagen. Doch viele Kandidaten haben hier noch Nachholbedarf.

Text: Martin Langkau

Enttäuscht von zwar beeindruckenden, aber stromlinienförmigen Bewerbungen fordern immer mehr Personaler jetzt aussagekräftigere Unterlagen. Doch viele Kandidaten haben hier noch Nachholbedarf.

Doppelstudium mit Bestnoten in Rekordzeit – Auslandssemester inklusive –, Traineeship im renommierten Großunternehmen, stetiger beruflicher Aufstieg mit steigender Verantwortung, beste Leistungen in jeglicher Berufslage, alle erdenklichen beruflichen und sozialen Skills optimal abgedeckt – so sehen die glattgebügelten und gleichförmigen Anschreiben und Lebensläufe aus, die zuhauf auf den Tischen der Personaler landen. Beste Voraussetzungen für eine erfolgreiche Bewerbung, sollte man meinen, aber die Persönlichkeit dahinter bleibt vage. Immer mehr Personalverantwortliche beklagen diesen Mangel an Individualität und Authentizität. Sie fordern von den Kandidaten, sich differenzierter darzustellen.

Doch die Monotonie im Bewerbungsmarkt hat eine lange Tradition: Über viele Jahre hinweg herrschte dort eine Kultur des Perfektionismus. Kandidaten glaubten, allen nur vorstellbaren Anforderungen von Arbeitgebern und Wirtschaft gerecht werden zu müssen. Ihre eigenen Wünsche und Ziele zählten dabei wenig, Schwächen galt es auszumerzen. Eine ganze Armada von Bewerbungsberatern bestärkte sie darin. Deren Credo: Wer sich erfolgreich für einen Job qualifizieren will, tut gut daran, eine perfekte Bewerbung vorzulegen – Musteranschreiben, Musterlebenslauf, Musterpraktika, hervorragende Noten, möglichst alles ohne Fehl und Tadel, um jegliches Risiko auszuschließen. Doch dermaßen auf die Spitze getrieben, blieben am Ende nichts als scheinbar austauschbare Bewerber übrig und Ermüdungserscheinungen bei den Personalentscheidern. Von Individualität und Authentizität keine Spur.

So bekommt beispielsweise die vor allem auf Werbung und Marketing spezialisierte Personalberatung Designerdock zwar täglich 100 bis 150 Bewerbungen. Aussagekräftig sind laut Ulrike Walther, Geschäftsführerin von Designerdock Frankfurt, aber die wenigsten davon. Selbst in ihrem kreativ geprägten Vermittlungsbereich sind die meisten nach gängigen Mustern gestrickt. Sie zeichnen das Bild eines Traumkandidaten, wie es sich jeder Arbeitgeber mutmaßlich gerne malen würde, und verraten wenig oder nichts über den dahinterstehenden Menschen.

Für die Vermittlerin ist das nicht überraschend: Oft vertrauen Bewerber blind auf gängige Bewerbungsratgeber und basteln an einem wesensfremden, aber perfekten Ideal, statt eigene Stärken zu erkennen, Ziele zu formulieren und sich dann exakt auf passende Positionen zu bewerben. „Hier gibt es von Seiten der Kandidaten noch deutlichen Nachholbedarf“, erklärt Walther. Personaler müssten Stellen heute schnell und möglichst passend besetzen, deshalb möchten sie möglichst früh wissen, mit was für einer Persönlichkeit sie es zu tun haben. Bewerbungen nach Schema F hätten da kaum Chancen, Auch Floskeln wie teamfähig oder belastbar sind laut Walther überflüssig, weil sie ohnehin vorausgesetzt werden.

Von standardisierten Lebensläufen, wie man sie beispielsweise im Internet herunterladen kann, hält auch Bettina Wengenroth von der ebenfalls auf den Kommunikationsbereich spezialisierten GK Unternehmens- und Personalberatung in Frankfurt wenig. Besonders, wenn sich diese am AGG (Allgemeines Gleichbehandlungsgesetz) orientierten. „Personaler wollen in einem Lebenslauf lesen, was ein Kandidat über die reinen Job­titel hinaus gemacht hat“, erläutert die Senior-Beraterin. Mit Form und Aussagekraft der bei ihr eingehenden Lebensläufe ist sie aber weitgehend zufrieden. Die Bewerbergruppe weise per se eine hohe Sensibilität für Sprache und Form auf und könne sich deshalb wirksam darstellen. Im Zweifelsfall gibt man den Kandidaten ein qualifiziertes Feedback, ihren Lebenslauf mit weiteren Informationen anzureichern.

Gleichwohl sieht Wengenroth noch deutliche Mängel bei der Selbsteinschätzung der Kandidaten. Zu oft würden sie sich vergleichsweise wahllos auf halbwegs passende Ausschreibungen bewerben. „„Die Auseinandersetzung mit der eigenen Person, mit den eigenen Stärken, Schwächen und Zielen sowie der Frage, welche Tätigkeit und welches Unternehmen zu mir passt, sollte vor jedem Bewerbungsprozess stehen“, so die Beraterin. Sie rät den Kandidaten zu kontinuierlicher Selbstbeobachtung, um ein Gespür für die eigenen Talente zu entwickeln und zu einer realistischen Selbsteinschätzung zu gelangen. Das Ziel sei es, sich dann präzise statt wahllos zu bewerben.

Lesen Sie mehr dazu in der W&V-Ausgabe 45/2010