Ist das Präsenz-Coaching unersetzlich?

Lange Zeit war Coaching nur sinnvoll denkbar als Präsenz-Coaching. Neue technische Möglichkeiten und Kommunikationsmittel sowie das zeitlich herausfordernde Umfeld für Arbeitnehmer machen Alternativen möglich oder sogar erforderlich: Lange Arbeitstage, Überstunden oder Zeitverluste beim Pendeln erschweren den Besuch eines Coaches innerhalb einer normalen Arbeitswoche stark. Um dennoch nicht gänzlich auf einen Coach verzichten zu müssen, werden vermehrt alternative Coaching-Formen wie Online- und Telefonberatungen genutzt.

Auch die problemlose Überbrückung räumlicher Entfernungen macht Online-Coaching zunehmend attraktiv. Gerade für stark beanspruchtes Führungspersonal, dessen Alltag durch häufige berufliche wie private Reisen gekennzeichnet ist, bietet sich eine Mischung aus Präsenz- und Online-Coaching an. Zu regelmäßigen Präsenz-Terminen in größerem Abstand können dann von jedem Ort der Welt aus kurzfristige Termine unkompliziert und schnell online wahrgenommen werden.

Zusätzlich bieten spezialisierte Coaching-Plattformen neue Möglichkeiten der Coach-gestützten Selbstreflexion. So können etwa Fragen und Ergebnisse aus einem Live-Gespräch protokolliert und weiter vertieft werden.

Kann Online-Coaching überhaupt dasselbe leisten wie Präsenz-Coaching und wann würden Sie es empfehlen?

Die Frage sollte eher lauten: Gibt es etwas, das Online-Coaching leistet, das aber durch Präsenz-Coaching nur schwer oder gar nicht realisiert werden kann? Durch die deutlich höhere Flexibilität in räumlicher und zeitlicher Hinsicht kann auf veränderte Umstände und daraus resultierende neue Anliegen schneller und situationsadäquater reagiert werden.

Die leichte Zugänglichkeit von Online-Formaten im Coaching zeigt sich nicht allein in der Art des Austauschs von Coach und Coachee, sondern auch in den bearbeiteten Themen: Nicht wenigen Coachees fällt über die elektronische Distanz der Einstieg in sehr persönliche, stark emotionsbesetzte Fragen leichter als in einer realen Gesprächssituation. Hier bietet sich das Online-Format sehr gut als Türöffner an.

Birgt das Online-Coaching auch Risiken?

Besonders mit der einfachen Zugänglichkeit sind Risiken verbunden. Vereinfachte Handlungs- und Kommunikationsoptionen erhöhen zwar die Chance auf Erfolg, aber auch die Wahrscheinlichkeit von Fehlern und Missgriffen. Wir alle kennen das Phänomen aus der Welt der sozialen Medien: Schnell ist etwas im virtuellen Raum, das hinterher nur schwer zu erklären oder zu korrigieren ist.  Auch die Möglichkeiten des Filterns von kommunizierten Informationen – oft unbewusst – führen dazu, dass wesentliche Aspekte einer Thematik nur an der Oberfläche bleiben.

Ebenso darf nicht unterschätzt werden, dass Online-Coaching sowohl Coach als auch Coachee eine sehr hohe Aufmerksamkeit abverlangt. Aufgrund der Grenzen des Kommunikationskanals mit seiner eingeschränkten Informationsvielfalt wird nur ein Bruchteil dessen, was man von persönlichen Begegnungen gewohnt ist, übermittelt. Als einfaches Beispiel kann hier eine Telefonkonferenz dienen. Was passiert, wenn Teilnehmende durcheinanderreden? Am Telefon beginnt nach einer kurzen Phase des Verstummens oft ein umständlicher Prozess des "Aushandelns" einer Redefolge. Bei der Face-to-Face-Kommunikation löst sich die Verwirrung meist wie von selbst auf, weil wir auf sehr vielen Ebenen gleichzeitig Botschaften austauschen, ohne dass uns dies bewusst sein müsste.

Lassen Sie sich jedenfalls nicht in Online-Formate drängen, wenn es Ihnen in irgendeiner Weise unangenehm sein sollte. Werden immer mehr Aspekte der alltäglichen Lebenswelt digitalisiert und virtualisiert, sind die verbleibenden realen Begegnungen umso wichtiger für Reflexion und Entwicklung der Persönlichkeit. Klassisches Präsenz-Coaching bietet dafür die richtigen Bedingungen in einem angemessenen Rahmen.

Persönlich sehe ich Online-Coaching als Chance und begrüßenswerte Erweiterung des traditionellen Coachings, weniger als Risiko. Gerade im 'blended Coaching’ können die jeweiligen Vorzüge von Präsenz- und Online-Coaching voll ausgespielt werden.

Wie finde ich den richtigen Coach?

Die Wahl des richtigen Coaches ist essenziell, allerdings auch nicht einfach. Selbsternannte Coaches - viele davon Scharlatane - haben es im reinen Online-Coaching leichter, seriös zu wirken als beim Präsenz-Coaching: Eine anschauliche Web-Präsenz und ein glänzendes "Qualitäts-Siegel" sind schnell entworfen. Möglich ist dies, da die Bezeichnung ‚Coach‘ in Deutschland kein geschützter Begriff ist. Deshalb sollte vor Abschluss eines Vertrags und Beginn eines Coaching-Prozesses unbedingt Wert darauf gelegt werden, nur mit einer oder einem wirklich gut ausgebildeten und professionellen Coach zu arbeiten. Orientierung und Sicherheit bieten hier an erster Stelle die Zertifikate anerkannter Coaching-Verbände wie beispielsweise das DCV Zertifikat.

Ihr persönliches Fazit?

Online-Coaching-Formate bieten großartige neue Möglichkeiten. Wenn Sie aufgeschlossen gegenüber neuen Technologien und sich über die Rahmenbedingungen der verschiedenen Formate bewusst sind, bietet Online-Coaching viele Vorteile für Ihre Entwicklung. Erst recht sollte der Coach Ihrer Wahl diese Voraussetzungen erfüllen, denn er verantwortet die Gestaltung des Prozesses, zu dessen Erfolg schließlich beide Parteien beitragen.

Alexander Brungs ist seit 2010 als Coach tätig und seit mehr als drei Jahren Vorstand im Deutschen Coaching Verband e.V. (DCV). Diesen repräsentiert er auch im Roundtable der Coachingverbände (RTC). Nach seinem Studium in Göttingen, Erlangen und Rom war Brungs an mehreren internationalen Forschungsprojekten beteiligt und unterrichtete an verschiedenen Universitäten in Deutschland und der Schweiz im Fach Philosophie. Derzeit ist er auch Projektmitarbeiter an der Professur für Neuere Geschichte (deutsch-jüdische Geschichte) der Universität Potsdam.

 


Autor:

Annette Mattgey, Redakteurin
Annette Mattgey

Seit 2000 im Verlag, ist Annette Mattgey (fast) nichts fremd aus der Marketing- und Online-Ecke. Für Markengeschichten, Kampagnen und Karriere-Themen hat sie ein besonderes Faible. Aus Bayern, obwohl sie "e bisi anners babbelt".