Was hat sich seither getan?

Seit dem Start der Initiative haben wir 17 Shortlists vorgelegt. Und nur auf einer, nämlich für die Position eines Director Customer Care, konnten wir unserem Commitment nicht nachkommen. Dass wir gerade für diesen Job keine Frau finden konnten, hat uns überrascht, da es doch eine Position ist, die viel Kommunikation beinhaltet. Wir nahmen an, hier sei es leichter, weibliche Führungskräfte zu finden, als beispielsweise für den Finance-Bereich.

Offenbar ein Trugschluss!

Richtig, denn für alle Finance-Positionen haben wir zu unserer Freude problemlos Frauen vorstellen können. Eine der Shortlists für diesen Bereich bestand sogar ausschließlich aus Kandidatinnen. Überraschenderweise konnten wir ebenfalls leichter als gedacht für eine IT-Position, in diesem Falle die eines Chief Information Officers (CIO), weibliche Führungskräfte finden.

In welchem Bereich gab es die größten Probleme?

Im Sales- und Product-Bereich ist es nach wie vor problematisch, erfahrene Frauen zu bekommen. Insgesamt konnten wir von den 17 Positionen, aber immerhin sieben mit Frauen besetzen. Darunter eine VP Finance, eine CMO, zwei Head of Online Expansion und eine Chief Growth Officer (CGO). Zudem haben wir bislang 121 Initiativ-Bewerbungen von Frauen bekommen, die sich aufgrund unseres Commitments bei uns gemeldet haben. 23 davon konnten wir direkt in Bewerbungsprozesse integrieren. 

Branding vorn, Performance Marketing weit hinten

Wo besteht denn in den Marketing-Disziplinen aktuell die größte Nachfrage? 

Für den Marketing-Bereich mit Fokus Brand scheint momentan noch ein größeres, professionelles Interesse seitens weiblicher Führungskräfte zu bestehen, als für das datengetriebene Performance-Marketing. Frauen, die ein Studium in Mathematik oder Wirtschaftsinformatik vorzuweisen haben, sind in Deutschland leider noch immer zu selten. 

Ein Grund, warum Unternehmen verstärkt den internationalen Markt scannen? 

Ja, denn im Ausland sieht das anders aus. Aus unserer Sicht gibt es dort nicht nur mehr erfahrene Frauen für diese Bereiche, sie sind auch öfter bereit, mit ihrer ganzen Familie für einen Job ihr Heimatland zu verlassen, als bei uns. 

Tatsächlich gibt es eine verhältnismäßig geringere Bereitschaft zu pendeln. Für die örtliche Flexibilisierung von Frauen mit starken Karrieren müssen wir in Deutschland also noch sehr viel tun. 

Sie haben auch Personalberatungen dazu aufgerufen, ihre Pools an geeigneten Kandidatinnen untereinander zu öffnen, um dem Commitment, auf jede Shortlist eine Frau zu setzen, nachkommen zu können. Hat das funktioniert? 

Leider nein. Hier müssen wir noch weitere Überzeugungsarbeit leisten. Was uns die Arbeit an unserer Initiative in den vergangenen Monaten allerdings deutlich gezeigt hat: Personalberatungen sind noch sehr zögerlich, genauso wie viele Unternehmen in Bezug auf eine Frauenquote, sich öffentlich in diesem Kontext zu verpflichten. Viele verfolgen das Ziel, mehr Frauen auf Führungspositionen zu setzen zwar intern, nach außen wollen sie sich dennoch auf keine gültigen und messbaren Zielvorgaben festlegen. 

Wie gehen Sie damit um?

Als liberale Unternehmerin kann ich die Sorge vor dem Verlust der Entscheidungsfreiheit durchaus nachvollziehen. Vielleicht spielen auch Bedenken vor kritischen Reaktionen eine Rolle, sollte die Verpflichtung nicht in vollem Umfang eingehalten werden können. Ich würde mir hier allerdings etwas mehr Mut und mehr öffentlich gelebten Willen und Ausdruck wünschen, Karrieren von Frauen wirklich fördern zu wollen.  

Ist Female Leadership also ein Thema, das uns noch länger begleiten wird?

Überzeugungsarbeit braucht Zeit, das habe ich als Politikerin gelernt. Dem Weltwirtschaftsforum zufolge wird es noch fast 100 Jahre dauern, bis Frauen und Männer gleichgestellt sind. Nach wie vor gilt: Wer etwas erreichen will, der sucht sich Ziele. Wer etwas verhindern will, der sucht Gründe. D-Level bleibt auf jeden Fall dran.



Lisa Priller-Gebhardt
Autor: Lisa Priller-Gebhardt

schreibt als Autorin überwiegend für W&V. Im Zentrum ihrer Berichterstattung steht die geschwätzigste aller Branchen, die der Medien. Nach der Ausbildung an der Burda Journalistenschule schrieb sie zunächst für Bunte und das Jugendmagazin der SZ, Jetzt. Am liebsten sind ihr Geschichten der Marke „heiß und fettig“.