"Es lag nicht an ihren Worten, sondern daran, dass ich begann, sie zu glauben", schrieb im August die US-Schauspielerin Kelly Marie Tran ("Star Wars: Die letzten Jedi") in einem Kommentar in der Zeitung "New York Times". Seit ihrer Rolle in der Kult-Kinoreihe war die 29-Jährige monatelang online gemobbt worden. Irgendwann löschte Tran den gesamten Inhalt ihres Instagram-Kontos, weil sie die hässlichen Kommentare über ihr Geschlecht und ihr Aussehen nicht mehr ertrug. Der Account mit rund 238.000 Followern ist bis heute leer.

Die auf Twitter aktive Linken-Politikerin Julia Schramm sammelte eingehende Hassnachrichten - "leg dir mal ein paar titten zu, du nutte" und schlimmeres - in einem eigens eingerichteten Blog und veröffentlichte sie Anfang des Jahres als Buch. "Ich glaube, dass die meisten Männer, die solche Sachen schreiben, dass die auch gar nicht wissen, was das anrichtet", sagte sie Deutschlandfunk Kultur.

"Es ist weniger beklemmend, brutal im Internet zu sein, weil ich den anderen nicht sehe, weil ich nicht ansehen muss, was ich auslöse und weil der andere mich nicht sieht", erklärt Autorin Brodnig.

Dazu kommt laut dem Marburger Sozialpsychologen Ulrich Wagner "brutaler Sexismus", der sich zu der brutalen Sprache gesellt. "Die negativen Stereotype, die über Frauen existieren, lassen sich an dieser Stelle einfach viel leichter ausnutzen", sagt er.

Vor dem Aufkommen des Internets seien solche Gemeinheiten höchstens per anonymem Brief möglich gewesen, sagt der Psychologe. "Das hatte ja bei weitem nicht den Thrill, wenn man da erst zum Briefkasten gehen muss und sich dann vorstellt, in zwei Tagen kommt der Brief an. Das ist ja nicht so unmittelbar", erklärt er die Zunahme an Hass.

Die Verfasser handelten aus verschiedenen Motiven. "Dahinter kann so etwas wie Sexismus stehen, dahinter kann aber auch extreme Wut stehen", sagt Wagner. Auch Brodnig sieht verschiedene Typen von Beleidigern. "Manche wollen Aggressionen abladen, manche erfreuen sich daran, andere zu erniedrigen." Trolle etwa seien nur dafür im Internet unterwegs, um sich am Leid anderer zu ergötzen.

Meyer-Landrut habe mit ihrem Spiegel-Selfie genau richtig reagiert, sagt Expertin Brodnig. Indem sie die Beleidigungen auf den Spiegel schreibe, zeige sie das Problem, ohne den Beschimpfenden selbst eine Bühne zu bieten. "Sie entwendet ihre Worte, um es zu thematisieren."

Die schlimmen Folgen treffen uns alle

Solche Erlebnisse anzusprechen, sei wichtig. "Auch wenn jemand total berühmt ist, nagt das an einem. Niemand ist so hart, dass das komplett spurlos an einem vorübergeht", sagt Brodnig. "Das Schlimmste ist, wenn Opfer sowas in sich hineinfressen, wenn sie das nicht teilen." Extreme Beschimpfungen solle man anzeigen.

Sorge bereitet der Autorin ein anderer Effekt: Studien etwa der Organisation Amnesty International zufolge trauten sich viele Frauen nach solchen Wellen von Hass nicht mehr, ihre Meinung kundzutun. "Da besteht die Gefahr, dass Frauen aus der öffentlichen Debatte verdrängt werden, weil sie ein anderes, brutaleres Internet erleben."

Lena Meyer-Landrut jedenfalls meldete sich am Tag nach ihrem Spiegel-Selfie erneut zu Wort. Neben einem Foto ihres Gesichts, über dem "Growth through Resistance" (Wachstum durch Widerstand) steht, rief sie dazu auf, sich auf Positives und Liebe zu konzentrieren. Heute legte sie mit einem Video nach - mit der mutmachenden Botschaft: "I am stronger now".

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Christina Peters, dpa


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