Honorare für Freischaffende :
Was Freelancer verdienen

Exklusiv für W&V hat Freelance.de die aktuellen Honorare für Agentur-Freelancer ermittelt. Ganz gut verdienen demnach Texter. Yvonne Grünenwald vom Texterverband erklärt, warum.

Text: Anja Janotta

Yvonne Grünenwald vom Texterverband.
Yvonne Grünenwald vom Texterverband.

Die Personalnot in den Agenturen treibt die Preise der Freien. Doch nicht überall. Nur wer ein weitverzweigtes Netzwerk hat, Qualität und Spezialwissen hat, bekommt Spitzensätze. Die besten Honorare erreicht nach der aktuellen Erhebung von Freelance.de ein Freischaffender im Bereich Marketing-Beratung: Hier sind es im Schnitt 81,90 Euro. Ein Projektmanager erhält 63,24 Euro, ein Suchmaschinenoptimierer 61,76 Euro, ein Designer 55,49 Euro, ein Webdesigner für UI/UX ist bei 54,78 Euro und ein Content-Manager laut der Erhebung 46,34 Euro.

Im Designbereich geraten die Freien immer stärker unter Druck. Freie Texter mit einem Schnitt von 69,70 Euro die Stunde hingegen haben einen guten Stand, auch weil die Agenturen verzweifelt nach Festangestellten suchen. W&V sprach mit Yvonne Grünenwald, Vorstandsmitglied des Texterverbands, darüber, wie sich der Markt entwickelt. Grünenwald arbeitet neben ihrer Vorstandsarbeit als freiberufliche Texterin, Konzeptionerin und Beraterin unter dem Markennamen Bonninski und sagt, "Nein" ist ein wichtiges Wort für Freie.

Wie beurteilen Sie das Preis-Niveau auf dem Markt? Drücken die jungen Konkurrenten die Preise für die alten Hasen? Oder bleibt das Niveau eher stabil oder steigt gerade?

Die Texter, die sich auf ein Fachgebiet oder Format spezialisiert und beim Kunden bewährt haben, sitzen recht sicher im Sattel und erzielen angemessen hohe Stundensätze. Dieses Phänomen ist unabhängig vom Alter, weil es allein dem Gesetz von Angebot und Nachfrage folgt.

Die Personalnot zwingt die Agenturen zum Handeln: Immer mehr greifen auf Freelancer zurück. Gerade Konzeptioner sind Mangelware. Führt das zu einem Boom bei den freien Textern?

Die Ursachen-Reihenfolge ist aus unserer Sicht eine andere: Der Sparkurs insbesondere von kleinen und mittelständischen Agenturen und Unternehmen traf oftmals Texter/Konzeptioner zuerst. Nach dem Motto: Das mit dem Text macht der GF noch eben am Wochenende selbst oder der Grafiker so nebenbei. Kunden auf der anderen Seite des Tisches glauben, dass sie die Texte selbst liefern könnten. Unterm Strich mit den allseits bekannten haarsträubenden Ergebnissen und Zeitverzögerungen. Einige junge und ambitionierte Konzeptioner sammeln ihre Erfahrungen, wenn überhaupt und dann nur relativ kurz in Agenturen, und machen sich dann selbstständig. Die Do-It-Yourself-Mentalität hat also mehrere Dimensionen. Einen Boom an freiberuflichen Textern, die in Deutschland arbeiten und hier davon leben, sehen wir nicht.

Kann die Entwicklung auch wieder in eine andere Richtung gehen?

Immer mehr Agenturen legen Wert auf planbare, bzw. auch flexible Arbeitszeiten und eine geringe Fluktuation. Insbesondere junge Texter und Konzeptioner wollen machen und nicht nur meeten. Die Entscheidungsprozesse bei Konzern-Kunden sind für die Ungeduldigen einfach nur zum Weglaufen, Großraumbüros für Konzentration und Kreativität eher kontraproduktiv. Aber das ist kein neues Problem. Hier müssten die Agenturverantwortlichen extern mehr steuern, intern mehr kommunizieren und gestalten und in Verhandlungen um die Positionen Konzeption und Text hartnäckig bleiben.

Haben junge Texter überhaupt den Überblick und das Netzwerk, um auf lange Sicht in dem Markt zu bestehen?

Da würde ich gerne Kästner zitieren: "Es gibt nichts Gutes. Außer man tut es." Es liegt in der Natur des Texters, dass er gut recherchiert. Einige sind untereinander in Foren vernetzt oder auch in ihrer Bürogemeinschaft. Als Texterverband liegt es uns einerseits am Herzen, junge Texter davor zu bewahren, zu viel Lehrgeld zu zahlen. Andererseits bieten wir Agenturen und Unternehmen Orientierung, wenn es darum geht, Qualität sicherzustellen. Deshalb müssen interessierte Texter – ob jung oder alt – vor der Aufnahme in den Texterverband ihre Kompetenz vor einer erfahrenen Jury nachweisen. Denn nur mit der richtigen Einstellung und einem hohen Qualitätsanspruch haben Texter ehrlicherweise die Chance, sich lange und auch profitabel am Markt zu halten.

Agenturen stellen ja nicht gern ältere Kollegen ein. Sind Erfahrung, Alter und Seniorität ein Vorrecht des freien Schaffens als Texter?

Ich würde sagen, dass dies von der Kundenstruktur und dem Angebot der Agentur abhängt. Wie überall, steigt der Preis mit der Erfahrung und der Alleinstellung. Ältere Texterinnen und Texter liefern oftmals sehr passgenaue Ideen ab, weil sie eben mehr Erfahrung haben. Oder sie schlagen strategische Linien vor, die sich anderweitig bewährt haben. Das ist ein ganz klarer Vorteil. Einige Texter/Konzeptioner sind übrigens heute erfolgreiche Agenturchefinnen und Agenturchefs.

Einige Freelancer klagen darüber, dass ihre Verträge immer restriktiver werden und sie mit immer weniger Referenzen werben dürfen. Was rät der Verband dazu?

Nach den Gründen fragen. Denn es kann gute Gründe geben. Ansonsten hartnäckig und auf Augenhöhe verhandeln. Wenn von Beginn an "der Wurm drin ist", wird es nach hinten raus in den meisten Fällen nicht besser. "Nein" ist ein Wort, über das jeder Freelancer frei verfügen sollte, auch wenn es im ersten Moment etwas Angst macht. So bleibt aber mehr Energie, faire Kunden an Land zu ziehen und treue Bestandskunden weiterhin glücklich zu machen.

Mehr zu den aktuellen Freelancer-Honoraren, dem Gender-Pay-Gap und der Altersentwicklung bei den Newcomern, lesen Sie in der aktuellen W&V 10,  Heft bestellen?


Autor:

Anja Janotta, Redakteurin
Anja Janotta

seit 1998 bei der W&V - ist die wohl dienstälteste Onlinerin des Hauses. Am liebsten führt sie Interviews – quer durch die ganze Branche. Neben der W&V-Morgenpost, Kreativ- und Karrierethemen schreibt sie ab und zu was völlig anderes - Kinderbücher. Das jüngste dreht sich um  ein paar nerdige Möchtegern-Influencer.