Im übertragenen Sinn bezeichnet Resilienz die persönliche Widerstandskraft von Menschen, ihre Fähigkeit, mehr oder minder unbeschadet aus Phasen starker Belastung hervorzugehen. Allerdings hat der Begriff eine Konnotation der Rückkehr zum Level "Normal 0". Man hat die Krise ohne größere psychische Blessuren überstanden, sich aber nicht grundlegend gewandelt.

Der menschliche Pivot: Posttraumatisches Wachstum

In den letzten 30 Jahren legen mehr und mehr Studien nah, dass neben Scheitern und "Bouncing back" noch ein weiterer Fall eintreten kann: sogenanntes Posttraumatisches Wachstum (im Englischen Post-Traumatic Growth, kurz: PTG). Hiermit wird eine psychologische Entwicklungslinie bezeichnet, nach der Menschen sich nicht nur von Krisen erholen, sondern nach einer gewissen Zeit ein höheres Level an geistig-seelischer Reife erreichen. Einige Forscher gehen davon aus, dass PTG eher die Regel als die Ausnahme ist, die meisten Menschen also gestärkt aus Krisen hervorgehen. Zu den Zeichen von PTG gehören unter anderem:

  • Veränderte Prioritäten und größere Wertschätzung für das Leben.
  • Tieferes Wissen um die ureigenen Stärken.
  • Erkennen von neuen persönlichen Entwicklungslinien.
  • Engere Beziehungen zu anderen Menschen.
  • Spirituelle (Weiter-)Entwicklung.

PTG geschieht allerdings in den meisten Fällen nicht von selbst. Man wächst nicht an der Krise an sich, sondern an der erfolgreichen Bewältigung derselben. Dazu erfordert es zunächst, das Ganze emotional zu verarbeiten, langfristig geht es um eine kognitive Neurahmung dessen, was geschehen ist. Aus dieser Umdeutung ergeben sich dann veränderte Denk- und Handlungsspielräume für die Zukunft. Ein solcher Prozess, so zeigen Studien, verläuft am besten im Rahmen von intensiver persönlicher Begleitung und auch dem Austausch mit Menschen, die Ähnliches erlebt haben. Kein Mensch ist eine Insel, am allerwenigsten, wenn es darum geht, dem Leben den Stinkefinger zu zeigen und das Beste daraus zu machen.

Leiden mit Augenmaß

Bedeutet dies, dass man sich willentlich in kritische Situationen begeben sollte, um das persönliche Wachstum zu forcieren? Ich würde dies nicht empfehlen – das Leben ist für die meisten von uns auch so stressreich genug. Allerdings scheint es auch nicht besonders zielführend zu sein, jeder Strapaze aus dem Weg zu gehen. So wie Muskeln nur nach einer Überlastung wachsen, entwickelt sich auch die Psyche vor allem, wenn Grenzen und Konventionen eindrücklich in Frage gestellt werden.

Eine Studie mit 2.000 Teilnehmern aus dem Jahr 2010 deutet darauf hin, dass ein gerüttelt Maß an Stressoren über den Verlauf des Lebens sich positiv auf das langfristige Glücksniveau auswirkt. Ein Team von Forschern ermittelte das kumulierte Level an Widrigkeiten der Teilnehmer über den bisherigen Lebensverlauf (ernste Krankheiten, Todesfälle im Freundes- und Familienkreis etc.) und gleichzeitig die Lebenszufriedenheit sowie Anzeichen für psychische Belastungen. Das Ergebnis: Der Zusammenhang zwischen der Härte des Lebenslaufes und der Zufriedenheit mit dem Leben als solchem folgt einer umgekehrt U-förmigen Kurve: Menschen, die in ihrem Leben besonders viel Unglück ertragen mussten, sind spürbar weniger zufrieden. Solche, deren Leben bisher dem sprichwörtlichen Ponyhof glich, sind allerdings auch nicht viel besser dran. Die höchste Lebenszufriedenheit zeigte sich bei Menschen, die sich mit einem durchschnittlichen Maß an Widrigkeiten konfrontiert sahen.

Wenn Ihnen das Leben also mal wieder einen linken Haken verpassen will: Laufen Sie nicht weg. Nehmen Sie die Deckung hoch und schauen Sie nach vorn. Wie heißt es doch gleich: Es ist schön, wenn der Schmerz nachlässt – und  gut möglich, dass sich dahinter eine Chance für persönliches Wachstum verbirgt.