Blogger Dominik Leitner zieht Bilanz :
365guteDinge: "Räumt den positiven Entwicklungen mehr Platz ein"

Mit "365 guten Dingen" stemmte sich Blogger Dominik Leitner ein Jahr lang gegen die Flut an negativen Nachrichten. Nun zieht er Bilanz - und übt Medienkritik.

Text: Frauke Schobelt

"Nicht jedem dämlichen Tweet hinterherrennen": Dominik Leitner tritt für konstruktiven Journalismus ein.
"Nicht jedem dämlichen Tweet hinterherrennen": Dominik Leitner tritt für konstruktiven Journalismus ein.

Wer Dominik Leitner 2017 im Web folgte, bekam jeden Tag ein Häppchen Optimismus serviert. In seinem Blog "365guteDinge" lieferte der 29-jährige Journalist aus Österreich ein Jahr lang, Tag für Tag, Artikel über positive Entwicklungen aus aller Welt, die seiner Ansicht nach die Menschheit voranbringen. Durchbrüche in der Medizin, Erfindungen, die die Lebensqualität verbessern, Statistiken über die Verbesserungen der Lebensbedingungen in aller Welt, nützliche Entdeckungen in der Forschung oder Fortschritte in der Bildung. Positive Geschichten, mit denen sich Leitner gegen die Flut an negativen Nachrichten stemmen wollte, denen seiner Ansicht nach in den Medien zu viel Raum gegeben wird.

W&V hatte am 2. Januar 2017 über sein Projekt berichtet und leistete Anschubhilfe. Und zieht nun den Hut vor so viel Durchhaltevermögen. Ende Dezember hat Dominik Leitner das Projekt abgeschlossen und zieht ausführlich Bilanz. Rund 46.000 Aufrufe (und rund 22.500 Besucher/Unique Visits) erzielte seine Seite. Er hatte Follower aus aller Welt. Und vier Fans überwiesen via Paypal sogar 90 Euro - für Kaffee. Den er als Motivationshilfe gut gebrauchen konnte, wie Leitner im Interview erzählt.

Wie lautet Ihre Bilanz nach einem Jahr "365guteDinge"? Wie kam die Idee an, wie war die Resonanz?

Meine Bilanz kann ich in wenige Worten zusammenfassen: Es tut sich etwas. Die tägliche Arbeit an den 365 guten Dingen hat mir gezeigt, dass wir von einem Stillstand oder gar Rückschritt auf der Welt weit entfernt sind. Zahlreiche positive Entwicklungen, ob in der Klimapolitik, bei der Gleichberechtigung, in der Medizin oder in Projekten einzelner Personen zeigen, dass man - trotz allem - positiv in die Zukunft blicken darf.

Um ehrlich zu sein, dass ich das Projekt auch wirklich durchgezogen habe, liegt am hohen Interesse ganz am Anfang – durch den Beitrag in W&V. Dadurch hatte ich schon am zweiten Tag tausende Facebookfans - die mich das ganze Jahr über begleiteten und mir per Kommentar oder Mail positive Rückmeldungen gaben. Das Projekt wurde im Laufe des Jahres auch in weiteren Medien erwähnt - mein größter Erfolg war aber die Nominierung für den "Alternativen Medienpreis" in der Kategorie "Zukunft".

Was nehmen Sie ganz persönlich mit? Was haben Sie gelernt?

Ich habe viel über Durchhaltevermögen, Stress und Verpflichtung gelernt. Das Idee zum Projekt entstand relativ spontan in der Woche zwischen Weihnachten und Neujahr - und von 1. Jänner bis 31. Dezember war ich sozusagen rund um die Uhr für das Projekt da. Heute würde ich es vielleicht etwas besser planen und mich eventuell um ein kleines Team bemühen, damit die Arbeit nicht an einer Person hängen bleibt.

"Die Welt ist nicht so grässlich, wie viele Medien es einen glauben lassen", erklärten Sie Ihre Motivation zum Start des Projektes. Nach einem turbulenten Jahr 2017, auch in Österreich: Wie ist heute Ihre Sicht auf die Welt? 

Während der Arbeit an den 365 guten Dingen konnte (und wollte) ich die Ereignisse auf der Welt und in Österreich für mich natürlich nicht ausblenden. 2017 hat sich Einiges zum Negativen entwickelt - das kann wohl niemand leugnen. Gleichzeitig konnte ich beobachten, dass diese Entwicklungen nicht einfach so hingenommen werden. Die Zivilgesellschaft scheint gerade in dieser Zeit wieder zu erstarken und einen Allianz gegen negative Entwicklungen zu bilden. Wenn man einzelne Ereignisse in einen größeren Kontext setzt, also versucht das "Big Picture" zu sehen, so sind das vielleicht nur kleine Rückschläge auf einer weitreichenden Veränderung zum Besseren.

Und die Medienwelt?

Hinsichtlich der Medienwelt ist meine Sicht etwas anders. Im vergangenen Nationalratswahlkampf haben alle Medien berichtet, aber nur wenige wirklich informiert, also Hintergrundinfos erläutert oder Zusammenhänge dargestellt. So wusste man zwar, welche Partei in den letzten Wochen welchen Skandal für sich zu verbuchen hatte, die einzelnen politischen Standpunkte blieben dabei aber unter dem Radar.

Meiner Meinung nach ist es der falsche Weg, den Fokus der Berichterstattung in Richtung Entertainment zu verschieben. So hat sich z.B. CNN relativ rasch recht deutlich gegen die Trump-Administration gestellt, läuft aber weiterhin jedem dämlichen Tweet hinterher und scheitert daran, die Bevölkerung zu informieren.

Wie schwer war es, 365 "gute Dinge" zu finden, über die zu berichten es sich lohnte? Kamen auch Tipps von Lesern?

Das war recht unterschiedlich. Manchmal fand ich so viele tolle Themen, dass ich gleich für die kommenden Tage vorausplanen konnte. Ein anderes Mal suchte ich verzweifelt nach dem einen guten Ding, worüber es sich zu schreiben lohnte.

Das ganze Jahr über konnte ich aber auch auf zahlreiche Zusendungen von meinen Leserinnen und Lesern zurückgreifen.  Das hat mir sehr weitergeholfen und dafür möchte ich auf diesem Weg auch noch einmal bedanken!

Was war Ihr Favorit?

Einen einzelnen Favoriten aus den 365 guten Dingen auszumachen ist für mich sehr schwierig. Mich haben vor allem die Beiträge über Fortschritte in der Medizinforschung begeistert. Ob bei Erkrankungen wie Alzheimer, Krebs oder Aids - zahlreiche Forschungsteams auf der ganzen Welt haben mir gezeigt, was in naher bzw. nicht allzu ferner Zukunft möglich sein wird.

Zu meinen Favoriten zählen auch Entwicklungen von ganz jungen Forscherinnen und Forschern: Das stimmt zuversichtlich, dass wir es auch in Zukunft mit vielen Visionären zu tun haben werden.

Die 5 erfolgreichsten Beiträge:

Haben Sie zwischendurch gedacht: "Warum tue ich mir das an?" 

Definitiv ja! Zu Beginn hatte ich noch für die kommenden zehn Tage vorgeschrieben, aber nach einigen Wochen entstanden die Beiträge dann mitunter frühmorgens vor der Arbeit oder spätabends danach. Alles musste genau durchgeplant sein. Während meiner zwei Reisen im vergangenen Jahr musste das Erscheinen perfekt funktionieren. Aber alles in allem habe ich dabei wieder viel gelernt.

Was hat Sie motiviert?

Die Motivation erhielt ich durch die zahlreichen Zuschriften von Leserinnen und Lesern, die sich bei mir bedankten, dass ich ihnen tagtäglich etwas Positives ins Postfach oder die Timeline bringe. Unzählige Mails, Facebook-Nachrichten oder Kommentare haben mir gezeigt, wie wichtig es ist, das Projekt durchzuziehen.

Medien stehen stark unter Druck und auch in der Kritik. Ihr Blog ist ein Plädoyer für konstruktiven Journalismus. Was erwarten Sie von den Medien?

Dass sie sich beim Recherchieren von positiven Entwicklungen genauso viel Zeit nehmen wie beim Recherchieren der schlechten Dinge. Ich habe dabei ein Beispiel in Erinnerung: Ich entdeckte auf der Website einer großen österreichischen Zeitung die Nachricht, dass laut der Medizinischen Universität Wiens die Sterblichkeit bei Brustkrebs in den vergangenen 30 Jahren um ein Drittel gesunken sei. Ich fragte mich dabei: Wo ist sie gesunken? In Österreich, Europa oder weltweit? Warum ist sie gesunken? All das blieb im Beitrag eigentlich unbeantwortet. Dieselbe Nachricht fand ich noch in einem weiteren Medium und den Ursprung in einer (zugegeben sehr schlechten) Presseaussendung der MedUni, in der man zugleich zu einem Brustkrebskongress einlud. Ich wollte die Geschichte bringen, aber dafür brauchte ich mehr Infos. Deshalb habe ich Kontakt mit der Medizinischen Universität aufgenommen und hatte innerhalb kürzester Zeit deutlich mehr Infos (aus erster Hand) als zwei der größten österreichischen Medien.

Was ich mit diesem Beispiel zeigen möchte: Räumt den guten Geschichten, den positiven Entwicklungen, den konstruktiven Zugängen etwas mehr Platz ein. Die Leserinnen und Leser werden sich daran erfreuen (und es macht vielleicht auch den Job im Journalismus etwas erträglicher inmitten der düsteren Tagespolitik.)

Was sind Ihre nächsten Pläne? Woran arbeiten Sie zurzeit?

Nachdem 2017 tagtäglich im Zeichen der 365 guten Dinge stand, habe ich mir erstmal vorgenommen, 2018 nicht sofort mit einem neuen großen Projekt loszulegen. Aber natürlich habe ich in diesem Jahr einige kleine Projekte im Kopf: So möchte ich in diesem Jahr einen Fokus auf meine literarischen Ambitionen legen - für Literaturzeitschriften einreichen, das Manuskript meines ersten Romans überarbeiten und mich dann auf die Suche nach einem Verlag machen. Außerdem möchte ich mich auch mit der Planung und Umsetzung von Podcasts beschäftigen, ein Projekt zur regionalen Geschichtsvermittlung angehen und einen kleinen Reiseführer für eine relativ ungeliebte österreichische Stadt schreiben.

Und nachdem ich zahlreiche Zuschriften seit dem Ende des Projekts erhalten habe, überlege ich natürlich auch, ob und in welcher Form es eine Zukunft für 365 gute Dinge geben kann. Man darf also gespannt sein.


Autor:

Frauke Schobelt, Ressortleiterin
Frauke Schobelt

ist Ressortleiterin im Online-Ressort und schreibt über alles Mögliche in den Kanälen Marketing und Agenturen. Sie hat ein Faible für Kampagnen, die „Kreation des Tages“ und die Nordsee. Und für den Kaffeeautomaten. Seit 2000 im Verlag W&V.