Glücksforschung :
Annegret Braun: "Glück ist ein Kontrasterlebnis"

Wir sehen mehr fern, als wir mit unserem Partner sprechen oder den Kindern spielen. Freiwillig. Da muss uns Fernsehen wohl ziemlich glücklich machen.

Text: Julia Gundelach

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Annegret Braun lehrt als freie Kulturwissenschaftlerin an der LMU München.
Annegret Braun lehrt als freie Kulturwissenschaftlerin an der LMU München.

Ob das so ist, wollten wir von einem Profi in Sachen Happiness wissen, und sprachen mit Annegret Braun, Kulturwissenschaftlerin – und Glücksforscherin.

Frau Braun, auf kaum etwas verwenden die Deutschen freiwillig mehr Zeit als darauf fernzusehen. Hat TV tatsächlich das Zeug zur Glücksdroge?

Annegret Braun: Glücksdroge ist zu viel gesagt. Aber Fernsehen ist für sehr viele Entspannung und Unterhaltung. Und man erfährt, was in der Welt geschieht. Früher haben die Menschen sich bei der Arbeit und im Wirtshaus Geschichten erzählt, heute übernehmen das das Fernsehen und Youtube. Wenn man gezielt aussucht, was man ansehen möchte, und sich nicht nur berieseln lässt, kann man auch beim Fernsehen Glücksmomente erleben.

Wie definieren Sie als Glücksforscherin eigentlich Glück?

Glück ist viel zu komplex, um es in eine Definition zu pressen. Schon die Unterscheidung von "Glück haben" und "sich glücklich fühlen" zeigt, wie breit das Thema ist. Die Glücksforschung bezeichnet Glück als subjektives Wohlbefinden und trifft damit einen zentralen Aspekt.

Und sehen Sie derzeit einen Trend, dass wir noch intensiver nach Glück streben – etwa angesichts der gegenwärtigen Zeitgeistströmung rund um mehr Achtsamkeit?

Ja, auf jeden Fall. Glück ist in unserem Leben sehr wichtig geworden. Das hat viel mit Sinnsuche zu tun. Wer glücklich ist, der weiß und fühlt, dass sein Leben einen Sinn hat. Unglückliche Menschen dagegen fragen sich oft: Was hat mein Leben für einen Sinn. Dabei sind es gerade die Krisen, die uns zum Nachdenken bringen und unserem Leben eine Richtung geben. Was wir eigentlich suchen, ist ein erfülltes Leben und da gehört Glück und Unglück dazu und der ganze große Bereich dazwischen.

Zurück zum Fernsehen. TV bietet die ganze Bandbreite an Emotionen – von Herzschmerz bis Horror. Gibt es ausgesprochene Glücksformate? An der Universität in Oxford will man gerade herausgefunden haben, dass nicht nur lustige, sondern auch hochdramatische Filme den Endorphin-Ausschuss befördern, also glücklich machen …

Ja, bei der Dramatik ist man ja mittendrin, wenn ein Film gut gemacht ist. Man durchleidet mit den Akteuren alle spannenden Situationen und ist oft genauso wie sie im Ungewissen, wie es weitergeht. Und wenn das Drama auch noch gut endet, dann werden Endorphine ausgeschüttet. Glückshormone sind ja ein Belohnungssystem. Wenn man die Dramatik durchgestanden hat, wird man am Schluss mit Glück belohnt. Glück ist ein Kontrasterlebnis. Und spannende Filme entstehen durch Kontraste.

Jetzt zählen die Deutschen nicht gerade zu den glücklichsten Nationen. Ist unser TV-Programm mit schuld? Brauchen wir mehr Glücksformate? Sollten wir noch intensiver fernsehen nach dem Motto "Mehr TV = mehr Glück"?

So schlecht stehen wir Deutschen in der Glücksstatistik nicht da. Aber ich bin gegenüber diesen Statistiken sehr skeptisch. Ich glaube nicht, dass es am Fernsehprogramm liegt (lacht). Das ist ja sehr vielfältig. Es liegt viel eher daran, wie viel man fernsieht. Wenn man seine Freizeit vor dem Fernseher verbringt und den anderen beim Leben zuschaut, ist das nicht sehr glücksfördernd. Besser ist es, gezielt seine Sendungen auszuwählen und ab und zu mal rauszugehen und am wirklichen Leben teilzunehmen. Nur Kochshows anzuschauen macht nicht so glücklich wie selbst am Herd zu stehen, Gemüse zu schnippeln, Fleisch zu brutzeln und dabei das Essen zu riechen und zu schmecken. Dabei erfährt man Glück mit allen Sinnen.

Kann man dann davon ausgehen, dass die Sehnsucht nach Glück unsere Programmauswahl beeinflusst?

Ja. Das meiste, was wir machen, tun wir, um glücklich zu sein. Wir wollen uns wohlfühlen. Ob jemand einen Rosamunde-Pilcher-Film ansieht oder einen Reisebericht über die Transsibirische Eisenbahn – es hat immer mit unseren eigenen Wünschen zu tun. Zurzeit ist ja das Thema "Heimat" wichtig, wahrscheinlich, weil wir in Zeiten der Globalisierung einen Ort der Zugehörigkeit suchen. Deshalb sind auch Regional-Krimis gerade sehr erfolgreich.

Forschungen zufolge soll TV auch gut für die Paarbeziehung sein. Selbst ein gemeinsames Gruselerlebnis bei Hannibal Lecter würde sich positiv auswirken. Was sagen Sie dazu?

Angst schweißt zusammen – keine Frage. Und wenn man sich aus lauter Angst aneinanderklammert, kommt es sogar zu körperlicher Nähe. Einen gruseligen Film zu zweit anzusehen ist bestimmt viel angenehmer als alleine. Grundsätzlich ist es immer positiv für die Partnerschaft, etwas gemeinsam zu machen und Zeit miteinander zu verbringen. Wenn man sich dann auch noch über den Film austauscht, ist es umso besser. Aber auch hier kommt es auf das richtige Maß an.

Apropos Paarbeziehung: Sie haben gerade ein Buch veröffentlicht, in dem Sie die Datingshows im deutschen Fernsehen sezieren. Was sind Ihre Kernerkenntnisse?

In meinem Buch "Mr. Right und Lady Perfect" geht es um die Kulturgeschichte der Partnersuche. Datingshows sind nur ein Thema von vielen. Es ist erstaunlich, wie viele Datingshows immer neu dazukommen. In den letzten Jahren ist ein richtiger Boom entstanden. Sendungen wie "Der Bachelor" und "Bauer sucht Frau" sind Quotenhits. Oft sehen sich Freunde und Freundinnen die Sendungen gemeinsam an. Es ist der Gesprächsstoff auf dem Schulhof und in den sozialen Medien. So wie man früher auf dem Dorf über andere gelästert hat, macht man das heute auf Twitter. Die Sendungen sind ja auch in anderen Ländern sehr erfolgreich. Das liegt daran, dass Partnersuche ein Thema ist, das jeden irgendwann mal im Leben beschäftigt. In unserer Single-Gesellschaft immer häufiger. Und wenn man dann noch selbst entspannt vor dem Fernseher sitzt und sieht, wie andere sich beim Daten abmühen, dann hat das etwas sehr Entlastendes.

Auch wenn wir gern gemeinsam fernsehen – gibt es ein unterschiedliches Glückserleben bei Männern und Frauen?

Im Glückserleben sind die Menschen ziemlich ähnlich. Für alle sind enge, stabile Beziehungen, Familie und Freundschaften die größte Glücksquelle. Und auch eine erfüllende Aufgabe. Arbeitslosigkeit gehört zu den größten Glückskillern. Aber es ist unterschiedlich, wo wir Glück suchen: Viele Männer suchen Glück im Status und in der Karriere, Frauen eher in Beziehungen. Auch wenn sie karriereorientiert sind, nehmen sie sich trotzdem Zeit für Familie und Freundschaft. Junge Leute haben oft starke Gefühlsschwankungen und erleben Glück und Unglück intensiv. Wenn man älter ist, stehen die Chancen gut, ein stabileres Glück zu finden. Man wird gelassener und zufriedener.

Bei Zalando schreit man seit jeher vor Glück, Punica will mit der aktuellen Initiative "Familien-Freunde" für besondere Glücksmomente sorgen, Coca-Cola hat vor einiger Zeit gleich ein Happiness-Institut gegründet und, und, und. Wenn es auch in Zukunft ohne Glück nicht geht, dann vor allem in der Werbung, oder?

Auf jeden Fall. Die Werbemacher wollen etwas verkaufen und die Menschen wollen Glück. Da liegt es auf der Hand, dass die Werbung Glück verspricht. Die Werbebotschaft "Das brauchen Sie unbedingt" wirkt heute kaum mehr, denn wir haben ja mehr als wir brauchen. Aber das Versprechen Glück zieht immer - zumal wir tatsächlich einen Glücksmoment erleben, wenn wir etwas Neues kaufen.

Was macht Sie glücklich?

Gutes Essen mit meiner Familie und Freunden, am liebsten draußen. In der Hängematte liegen und ein Buch lesen. Und ab und zu einen guten Film im Fernsehen ansehen – am besten mit meiner Familie und gutem Essen.


Autor:

Julia Gundelach
Julia Gundelach

ist im Specials-Team der W&V und schreibt daher jede Woche über ein neues spannendes Marketing-Thema. Dem Verlag ist sie schon lange treu – nämlich seit ihrem Praktikum bei media & marketing in 2002.



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