TV-Kritik zur RTL-II-Castingshow :
"Curvy Supermodel", die entschleunigte Variante von "GNTM"

Diesen Eindruck vermittelt der RTL-II-Neustart "Curvy Supermodel", den Juror Harald Glööckler prägt - findet W&V-Redakteurin Petra Schwegler.

Text: Petra Schwegler

Suchen für RTL II "Curvy Supermodels" (v.l.): Harald Glööckler, Motsi Mabuse, Angelina Kirsch und Ted Linow.
Suchen für RTL II "Curvy Supermodels" (v.l.): Harald Glööckler, Motsi Mabuse, Angelina Kirsch und Ted Linow.

Um es vorwegzunehmen: Die neue RTL-II-Show "Curvy Supermodel - Echt. Schön. Kurvighat alles, was ein Castingformat braucht. Und noch ein bisschen mehr - mehr Herz, mehr Charme und natürlich mehr Pfunde. Darum geht es beim neuen TV-Modelwettbewerb für kurvige Frauen, wie Chefjuror Harald Glööckler nicht müde wird zu betonen.

Den "Robin Hood der kräftigeren Damen", wie sich der schrille Modeschöpfer nennt, könnte RTL II mit der Show zu einer Art Guido Maria Kretschmer aufbauen. Zu einem Anwalt der kurvigen Frauen. Der Modeschöpfer ist eigentlich nur einer der Juroren der neuen Castingshow. Doch Glööckler allein würde ausreichen, um über Top oder Flop auf dem Laufsteg zu urteilen. Omnipräsent ist der optisch maximal optimierte Juror bei der Premiere von "Curvy Supermodel" bei RTL II am Mittwochabend auf jeden Fall gewesen ...

Solides Casting-Handwerk - mit neuen Nuancen

Gehen wir ins Detail: Die Handschrift von Tresor TV als erfahrenem Produzenten von Modelcastings (die ProSieben-Show "Germany's Next Topmodel - by Heidi Klum" entstand dort in den ersten Jahren) ist dem "Curvy Supermodel" anzumerken. Timing, Aufmachung, der Auftritt der jungen Frauen, das Einbinden der Jury, das Einblenden von Lebensläufen - all das erkennen Fans von "GNTM" wieder. Nur eben als etwas entschleunigte Variante.

Die Kandidatinnen, die beim "Curvy Supermodel" Größe 40 aufwärts tragen, wirken fröhlicher als die superschlanken Anwärterinnen beim Klum-Contest. Die Juroren sind professionell, aber mit Trost zur Seite, wenn sich die molligen Nachwuchsmodels auf dem Laufsteg genieren. Jurorin und Curvy Model Angelina Kirsch ist noch dazu die sympathischere und entspanntere Klum, die dem Selbstvertrauen der jungen Frauen sichtlich gut tut. Dabei steht ihr die lebenslustige und selbst sehr kurvige Motsi Mabuse zur Seite.

Modelagent Ted Linow sorgt für den ernsten Part, schließt zu viel Kurve auch mal aus. Er lässt aber für Modelcastings bisher undenkbare Einordnungen wie "endlich eine Größe 52" oder "Babycurvy" für die schlankste Kandidatin Polina mit Konfektionsgröße 38/40 fallen. Linow setzt die neue Messlatte fürs Model-Dasein bei 1,76 bis 1,80 Metern und Größe 42 bis 46 an, 120-80-120 als Idealmaß. 

Und Harald Glööckler? Redet sehr viel und wirkt bisher eher kühl. Das mag von seinem seltsam stillgelegten Anblick herrühren. Vielleicht kann der Modemacher diesen Eindruck in den noch folgenden drei Ausgaben von "Curvy Supermodel" ausgleichen. Er zeigt immerhin zwischendurch viel Herz, auch wenn er an den Charme von Vox-Modeberater Kretschmer nicht heranreicht. 

Ganz schön viel Haut zum Auftakt!

Nur loben geht nicht: So eine Art "Clickbaiting" könnte man den Machern der neuen RTL-II-Show für die erste halbe Stunde des TV-Neustarts vorwerfen. Zum Auftakt mussten die gut gebauten Frauen die Hüllen fallen lassen und - teils sichtlich angefasst - in Bademoden über den Laufsteg stolzieren. Die Trailer direkt vor Start zeigten die Curvys in sexy Posen, das stets gut gefüllte Dekolleté ins rechte Licht gerückt. Wer zu dieser Zeit durchs Programm zappte, der musste einfach hängen bleiben.

Gewollt versext? Wahrscheinlich, so ein TV-Novum braucht ja Starthilfe. Zur Ehrenrettung sei erwähnt: RTL II und Tresor TV bekamen dann doch noch recht schnell die Kurve. Das Entblättern wurde von der Jury mit der Notwendigkeit des Gesamteindrucks begründet. Wer von den Kandidatinnen wollte, konnte sich mit Kaftanen und Tüchern verhüllen. Das "Curvy Supermodel" nahm seinen professionellen Verlauf, auch wenn die Kamera regelmäßig auf üppige Schenkel schwenkte. Jetzt stehen Fotoshootings und Werbedrehs und Castings an, bei denen die Frauen reale Modeljobs ergattern können. 

Diese 10 kämpfen nun um den Titel "Curvy Supermodel" (Foto: RTL II).

Diese 10 kämpfen nun um den Titel "Curvy Supermodel" (Foto: RTL II).

Abwarten, wie der Zuschauer "Curvy Supermodel - Echt. Schön. Kurvig" langfristig annimmt. RTL II war sehr ums aufwändige Show-Projekt besorgt und kippte nicht einmal zwei Wochen vor Start den Sendeplatz. Eigentlich war der 4. Oktober als Starttermin bereits fixiert, doch dienstags tobt es seit Wochen bei Vox in der "Höhle der Löwen".

Genutzt hat es: Die Konkurrenz war auch am Mittwoch stark, doch RTL II versammelte mit der Premiere von  "Curvy Supermodel" bis zu 1,48 Millionen Zuschauer gesamt. Überdurchschnittliche 8,0 Prozent Marktanteil bei den 14- bis 49-Jährigen und sehr starke 16,5 Prozent in der RTL-II-Kernzielgruppe im Alter zwischen 14 und 29 Jahren dürften das Team um Senderchef Andreas Bartl aufatmen lassen. Vor allem junge Frauen waren nach Senderangaben präsent.

Das Werbeumfeld ist neu und offensichtlich gefragt

Die Werbungtreibenden scheinen von Anfang an vom neuen Castingkonzept rund um kurvige Frauen überzeugt zu sein: Kik, Happy Size, Sheego und Studio Untold als Marken mit Kollektionen für Mollige sind bei "Curvy Supermodel - Echt. Schön. Kurvig" als Sponsoren mit von Partie. Im Werbeblock selbst waren Spots für schnelldrehende Konsummarken ebenso zu finden wie eine Kampagne für die neue Payback-App. Klar: Diese Frauen stehen für Lebenslust und Konsum.  

Nochmals das Konzept: In weiteren drei Folgen will eine Jury um die Experten Harald Glööckler, Motsi Mabuse, Angelina Kirsch und Ted Linow das schönste vollschlanke Model ausmachen - eine Art Gegenstück zu Klums ProSieben-Spektakel "Germany's Next Topmodel". Im Finale erhält die Gewinnerin unter den jetzt auserwählten 10 Kandidatinnen einen Modelvertrag bei Ted Linows Mega Model Agency und wird Teil einer Kampagne für das Modelabel Sheego.


Autor:

Petra Schwegler, Redakteurin
Petra Schwegler

Die @Schweglerin der W&V. Schreibt seit mehr als 20 Jahren in Print und Online über Medien - inzwischen auch jede Menge über Digitales. Lebt im Mangfalltal, arbeitet in München.