Kommentar :
Das "Spiegel"-Cover ist kein Grund zur Aufregung

Kann ein "Spiegel"-Cover "Fake News" sein? Viele empörte Kritiker verwechseln gerade journalistische Inhalte mit werblicher Verpackung. Magazin-Titel haben mit Nachrichtenjournalismus so wenig zu tun wie eine Haribo-Tüte mit Lebensmittelchemie. Ein Kommentar von Frank Zimmer.

Text: W&V Redaktion

Frank Zimmer ist Redaktionsleiter Online von W&V.
Frank Zimmer ist Redaktionsleiter Online von W&V.

"Irres Spiegel-Cover" nennt die "Neue Zürcher Zeitung" (NZZ) den heftig diskutierten Titel mit Donald Trump als Henker der Freiheitsstatue. Aber vielleicht ist das NZZ-Urteil über das Cover der Woche auch ein bisschen irre:

"Sein Wahrheitsgehalt ähnelt dem der Fake-News, für deren Verbreitung Trumps Chef-Stratege Stephen Bannon bekannt ist. Man könnte sagen, hier werde der Trump-Fraktion in gleicher Münze heimgezahlt".

Fake News? Wahrheitsgehalt? Stephen Bannon? Worüber reden wir eigentlich? Darüber, dass Statuen aus Kupfer eigentlich gar nicht bluten dürften und der Kölner Dom entgegen eines "Spiegel"-Covers aus den 80er Jahren noch immer nicht von der Nordsee umspült wird? Die "NZZ" und viele andere "Spiegel"-Kritiker verwechseln gerade journalistische Inhalte mit werblicher Verpackung.

Magazin-Cover sind Kunst oder Gebrauchsgrafik, mit amtlichen Fakten haben sie so wenig zu tun wie eine Haribo-Tüte mit Lebensmittelchemie. Sie appellieren an Gefühle, vereinfachen, übertreiben, symbolisieren. Sie sind der einzige Ort, an der selbst die seriöseste Zeitschrift populistisch und emotional sein darf.

Jedes Grundschulkind wird das Bild des Künstlers Edel Rodriguez als das sehen, was es ist: als Bild und nicht als Realität. Und wer es interpretieren möchte, kann sich entweder auf Rodriguez eigene Aussage berufen ("Beide Seiten sind Extremisten") oder sich seine eigenen Gedanken dazu machen.

Meine persönliche Meinung ist: Trump mit dem IS zu vergleichen (wie Rodriguez es tut) ist absurd. Trump schlägt keine Köpfe ab und ist kein fundamentalistisch-religiöser Tyrann. Trump ist nicht wie der IS. Er wird nur zu seinem unfreiwilligen mächtigsten Verbündeten, wenn er Muslime diskriminiert, sich an den Werten der westlichen Demokratie vergreift, Medien bekämpft und nach dem nächsten großen Terroranschlag bürgerliche Freiheiten genau so einschränkt, wie es der islamistische Terror bezweckt.

So gesehen passt das "Spiegel"-Cover sogar.


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