Nach Erdogan-Affäre :
"Erschütterter" Böhmermann kommt nicht zum Grimme-Preis

Am Freitagabend fehlt Jan Böhmermann bei der Grimme-Preis-Verleihung - in einer Woche voller Wirbel um sein Erdogan-Schmähgedicht ...

Text: W&V Redaktion

ZDF-Satiriker Jan Böhmermann hat nach dem Wirbel um sein Erdogan-Gedicht seine Teilnahme an der Grimme-Preis-Verleihung am Freitagabend in Marl abgesagt. Das Grimme-Institut bestätigte das der Nachrichtenagentur "dpa".

"Ich fühle mich erschüttert in allem, an das ich je geglaubt habe", postete der 35-Jährige am Freitagmorgen auf Facebook:

Böhmermann sollte den Preis für seine Satire rund um den Mittelfinger des griechischen Ex-Finanzministers Yanis Varoufakis bekommen. Derzeit hat er aber nur Ärger: Die Mainzer Staatsanwaltschaft ermittelt gegen ihn und einige ZDF-Verantwortliche, weil er sich in seiner Sendung "Neo Magazin Royale" in einem Schmähgedicht über den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan mit Begrifflichkeiten unterhalb der Gürtellinie ausgelassen hatte.

Am Freitag wurde auch bekannt, dass sich Böhmermann in der Sache am vergangenen Wochenende an Kanzleramtschef Peter Altmaier gewandt und um Beistand für die Satire gebeten haben soll - laut "Spiegel Online" vergebens. Fest steht jetzt auch, dass das ZDF den Kontakt zur Türkei gesucht hat. "ZDF-Intendant Dr. Thomas Bellut hat am Montag mit dem türkischen Botschafter in Berlin telefoniert", teilte das ZDF am Freitag der "dpa" auf Anfrage mit. Dabei habe er "sein Bedauern darüber zum Ausdruck gebracht, dass der Beitrag Gefühle von Zuschauerinnen und Zuschauern verletzt hat". 

Zurück zur neuen Sendung vom Donnerstag: Der Einschaltquote gab das ganze Hin und Her bei ZDFneo leichten Auftrieb: 290.000 Zuschauer (1,3 Prozent Gesamtmarktanteil) schalteten die neue Ausgabe vom "Neo Magazin Royale" ein. Über Erdogan verlor Böhmermann kein Sterbenswörtchen - ein paar Anspielungen gab es dennoch. Und im Social Web warb das Team so:

Der umstrittene Beitrag selbst wurde vom ZDF aus der Wiederholung der Sendung und aus der Mediathek gestrichen. Sogar Bundeskanzlerin Angela Merkel schaltete sich ein und machte aus dem Sender-Faux-pas eine Staatsaffäre. Die einen verurteilen Jan Böhmermann nun als plumpen Provokateur, die anderen loben, dass er praktisch demonstriert hat, wie weit die Meinungsfreiheit in Deutschland reicht und wo sie erst aufhört - zum Beispiel bei hanebüchenen Beleidigungen.

Mag Böhmermann hier aus Sicht vieler daneben gelegen haben – bis dato hat er seine Marke gut gepflegt. Nicht nur mit dem preisgekrönten #Varoufake. Wobei der ZDFneo-Mann die Auszeichnung gar nicht live in Empfang nehmen wird. Aber erst vergangene Woche etwa hielt er rechtspopulistischen Anhängern mit der Rammstein-Parodie "Be Deutsch!" den Spiegel vor.

Oder erinnern Sie sich an "Ich hab Polizei"? Böhmermann - Sohn eines Polizisten - parodierte in einem Musik-Video den Habitus deutscher Rapper, die die Konfrontation mit der vermeintlich piefigen Polizei besingen. Der ZDFneo-Moderator nahm genau die andere Position ein, inszenierte die Beamten als coole Gesetzeshüter, rappte ”Ich hab Polizei“ und verknüpfte ein gesellschaftliches Thema mit einem popkulturellen Stilmittel.

Das Video wurde ein Hit, selbst die Deutsche Polizeigewerkschaft sah sich bemüßigt, Stellung zu beziehen. Eine reine Lobpreisung, wie von einigen missverstanden, war das Lied allerdings nicht. Polizeigewalt wurde thematisiert. Hier der Clip:

Den Gegnern von Til Schweiger bereitet Böhmermann darüber hinaus immer wieder Freude; die beiden verbindet eine längere Fehde. Vordergründig bekam Schweiger etwa als rabiater "Tatort"-Ermittler Nick Tschiller in Böhmermanns Action-Film-Clip "Deutschland: Off Duty" ziemlich sein Fett weg.

Schweiger wiederum hatte zuvor in einem Stern.de-Interview über Böhmermann gesagt: "Das ist ein leicht verzogener Bubi, der sich selbst am lustigsten findet." Zugleich war das Video aber ein Kommentar zu der Debatte in Deutschland nach den Übergriffen in der Kölner Silvesternacht und dem Ruf nach einfachen Lösungen. Böhmermann sprengte darin den Kölner Dom in die Luft.

Abwarten, was Böhmermann kommende Woche anzettelt ... So ganz ohne kommt er ja nicht aus. Da auch sein Team der Produktionsfirma Bildundtonfabrik nicht nach Marl zur Grimme-Preis-Verleihung kommt, wird ihm in den kommenden Tage die Trophäe möglicherweise zugeschickt. 

ps/dpa


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